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Bild und Glotze

1945 1960 1980 2000 2020

Der deutsche Wahlkampf findet in den Medien statt.

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Der deutsche Wahlkampf findet in den Medien statt.

Adidas oder Puma? Nokia oder Siemens? Kaffee oder Tee? Milch oder Zucker? Oder beides? Geschmacksfragen, deren Beantwortung nicht selten von der persönlichen Tagesform oder so Banalem wie dem zuletzt gesehenen Werbespot abhängen mag. Zugleich spielt die Produktwahl aber eine wichtige Rolle für das allgemeine Wohlbefinden. Ähnlich verhält es sich mit der Entscheidung, die die Menschen in Deutschland am 22. September zu treffen haben, dem Tag der Bundestagswahl. CDU oder SPD? Oder FDP oder Bündnis 90/Die Grünen? Eine reine Stilfrage. Denn außer Journalisten und Politikern liest heutzutage niemand mehr ernsthaft Wahlprogramme. Es würde sich auch nicht wirklich lohnen, denn vor allem die beiden großen so genannten Volksparteien SPD und CDU verbindet inzwischen mehr, als sie trennt. Wenn auch niemand der Wahlkunden rhetorisch aufgeblähte Programme lesen mag, so sehen doch alle fern. Und das ist der Ort, wo Politik gemacht wird und wo der mündige Wähler sich seine Meinung bildet, wie nach der Qualität von Wahlwerbespots. Oder eben nach Tagesform, und zwar der der Kanzlerkandidaten. Die treten am 25. August erstmalig in einem "Fernsehduell" nach amerikanischem Vorbild gegeneinander an. Da die Sender diesen verbalen Schlagabtausch für eine grandiose Idee halten, bekommen ihn die Deutschen gleich doppelt geliefert, einmal privat (RTL und Sat 1) und einmal öffentlich-rechtlich.

Ware Kanzlerkandidat

An diesem Super-Event in der Supershow namens Wahlkampf darf ihr größtes Talent nicht teilnehmen. Guido Westerwelle, Parteivorsitzender und Kanzlerkandidat (!) der Freien Demokratischen Partei (FDP) ist nicht eingeladen worden. Dabei verkörpert er am besten, worauf es im Wahlkampf wirklich ankommt: Gute Laune ausstrahlen, positives Denken vermitteln, Eiscreme unter die Leute bringen, wie er es mit seinem gelb-blauen "Guidomobil" derzeit landauf landab tut und dabei vor allem immer die Regel Nummer Eins beachten: omnipräsent sein. TV-Nutzer können ihm kaum ausweichen, denn es gibt keinen zu geringen Anlass, den der Rheinländer nicht noch irgendwie zu Publicity-Zwecken zu nutzen versucht. Zum anderen gelingt es dem promovierten Juristen mit seinen vierzig Jahren weniger angestrengt, jugendlich und dynamisch zu wirken. Der zupackende Karrieresohn von nebenan, mit dem man trotzdem immer auch mal was ganz Verrücktes machen kann, so soll die Ware Westerwelle wirken und nicht wenige würden sie am 22. September kaufen, laut Umfragen derzeit gut neun Prozent. Das wäre das beste Ergebnis bei einer Bundestagswahl seit langem und hängt auch damit zusammen, dass die Partei der Bessergelaunten selbst vor der Befriedigung dumpfer Ressentiments nicht zurückschreckt. Man will schließlich nichts verschenken. Also durfte Westerwelles Parteikollege Jürgen W. Möllemann unverhohlen in die Welt hinaus posaunen, dass die Juden in Gestalt Ariel Scharons selber Schuld am Antisemitismus seien, und zu seiner Verteidigung anführen, er haben Tausende Zuschriften erhalten, die ihn in seiner Ansicht bestätigten. Dass Möllemann bewusst die Verknüpfung von rassenideologischen Klischees mit politischer Kritik betreibt, scheint seinen bürgerlichen Advokaten gar nicht aufgefallen zu sein. Erst nachdem die Empörung aus dem Regierungslager und von Teilen der Medien nicht verstummen wollte, pfiff der Parteivorsitzende seinen stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden wieder in die zweite Reihe zurück.

Die Marke Schröder schmeckt weniger aufregend. Der, den die Bevölkerung derzeit als Kanzler im Abo hat, weiß ebenso gut wie sein liberaler Gegenspieler, dass es in der modernen Politik nur noch auf die Medien ankommt, "Bild-Zeitung und Glotze", wie es in seinem volksnahen Duktus heißt. Der "Medienkanzler", wie er auch genannt wird, hat es verstanden, die wichtigsten Zeitungen auf seine Seite zu ziehen. Dazu musste er politisch nach rechts rücken, an den Ort, den seine Strategen vor der letzten Wahl als "neue Mitte" aus der Taufe gehoben haben. Er ähnelt einem Steinbruch: Abbau von Sozialleistungen, Abbau von Staatsinvestitionen, Abbau von Arbeitnehmerrechten. Schröders Problem: Die Mitte führt zur Mittelmäßigkeit, zum Profilverlust. Längst schleppt die SPD ihre Sozialdemokratie nur noch im Titel mit sich herum. Daran zu erinnern, dass er einer Partei angehört, die die Interessen des so genannten einfachen Mannes (und freilich der ebenso einfachen Frau) vertreten will, erscheint angesichts der neoliberalen Strategie, auf die sich die SPD spätestens nach dem Rücktritt ihres Finanzministers bereits wenige Monate nach ihrem Wahlsieg widerspruchslos festgelegt hat, dem breiten Publikum bloß als Pedanterie. Dass es nicht bei diesem einen Rücktritt geblieben ist, interessiert die Wähler dagegen um so mehr. Acht Minister und Ministerinnen haben seit dem Regierungswechsel vor vier Jahren ihr Amt aufgegeben, so viel wie nie zuvor innerhalb einer Legislaturperiode. Die einen schmissen freiwillig hin, andere wie zuletzt der Verteidigungsminister Rudolf Scharping, mussten vom Chef dazu gezwungen werden. Diese Ablösungen gleichen Rückrufaktionen defekter Waren. Es leidet das Image des Unternehmens, die Kurse purzeln, weil der Aktionär vulgo Wähler misstrauisch wird.

Das ist aber noch nicht die hässlichste Narbe, die die Regierung im Wahlkampf dick überschminken muss. Schröder hat seine gemächliche Reformpolitik lange mit der Phrase von der "Politik der ruhigen Hand" verbrämt. Jetzt, nachdem die Arbeitslosenzahl, an deren erfolgreichen Bekämpfung Schröder sich messen lassen wollte, die Vier-Millionen-Grenze überschritten hat, schreiben die einstigen Verbündeten auf dem Zeitungsmarkt plötzlich von Untätigkeit. "Bild" und der dahinter stehende Springer-Konzern hat jedenfalls die Nase voll von Schröder und kommentiert kräftig gegen die Regierung.

Auch der Joker namens Hartz-Kommission unter der Leitung des Volkswagen-Personalratsvorsitzenden Peter Hartz, will nicht so recht stechen. Dieser Verbund zur Reformierung des Arbeitsmarktes, den der Kanzler fast panikartig gebildet hat, um den Wählern zu signalisieren, dass er sich darum kümmert, dass sich jemand kümmert, wird nur als Wahlkampftaktik ausgelegt. Wenn dann die Sozialdemokraten auch noch meinen, sie könnten ihre potenziellen Käufer mit so lahmen Slogans wie "Wir in Deutschland" abspeisen, fragt es sich, ob sie ernsthaft Lust am Weiterregieren haben können.

Letzte Chance TV-Duell

Die neue Mode nach dem 22. September dürfte daher wieder der klassische schwarze Zweiteiler namens CDU/CSU heißen - mit der FDP-Blume im Knopfloch. Verblüffend, wie wenig die Opposition selber dafür tun muss. Für ihre Plakate reichen die schlichten Worte "4 Millionen Arbeitslose - Das Armutszeugnis der Regierung". Wahlen werden durch Fehler der Regierungen gewonnen. Beziehungsweise durch gute Fernsehauftritte, womit wir wieder beim eigentlichen Thema wären. Das groß angekündigte Kandidatenduell ist die letzte Chance für SPD und Grüne. Denn der konservative Kanzlerkandidat, Edmund Stoiber hat es mit den Fernsehauftritten nicht so. Zwar sorgt sein Rhetoriktraining für Fortschritte, seine unzähligen Ähs zwischen den Zahlenkolonnen und Statistiktabellen, die er gern öffentlich abspult, haben hörbar abgenommen und werden immer häufiger von kleinen Sprechpausen abgelöst. Auch rudert der CSU Politiker nicht mehr wild mit den Armen, wenn er sich über die gegenwärtige Regierung erregt oder benutzt für seine Ausländerpolitik Worte wie "durchrasste Gesellschaft", die letztlich doch ein bisschen zu hässlich klingen. Trotz all dieser ganzen Image-Arbeit also, die sein Berater, der ehemalige Bild-Chefredakteur - so klein ist die Wahlwelt! -, geleistet hat, liegt Schröder im Direktvergleich bei Umfragen noch immer vor seinem bayrischen Herausforderer. Verzweifelt versucht deswegen die SPD, den Wahlkampf ganz auf Schröder auszurichten, hofft inständig, dass ihr Parteivorsitzender und Kanzler bei seinem Fernsehauftritt in knapp zwei Wochen das Ruder noch einmal herum reißen kann.

Adidas oder Puma. Milch oder Zucker. Stoiber oder Schröder. Reine Geschmacksfragen. Bedeutsame Veränderungen wird die Wahl nicht auslösen.

Der Autor ist Rundfunkjournalist und freier Schriftsteller.

Zwei kalt vorneweg

Ob die Currywurst eine berlinische Erfindung sei, lassen wir undiskutiert: Patentstreit will uns nicht zu proletarischen Ernährungsgewohnheiten passen... Den Unterschied macht vor Ort allemal, ob man West- oder Ostwurst verzehrt. Also zu "Konnopke" unter die Station Eberswalder Straße, mit der U-Bahn überm Kopf und den Schauplatz des DEFA-Streifens "Ecke Schönhauser" im Blick, den Happen zu sich nehmen, im Blick auch das Dachatelier, wo die Brüder Skladanovksi den Bildern das Laufen beigebracht haben sollen, hier am Prenzlauer Berg? Oder aus dem U-Bahnhof Mehringdamm steigen, um bei "Curry 36" unweit der noch "Belle-Alliance" genannten Apotheke der Vergänglichkeit nachzusinnen, das sogenannte Doppelmenü mit Pommes rotweiß auf der Hand? Selbst die 36 verweist hier auf verschwundene Zustellbezirke im noch immer an Schlachtortnamen nicht armen Kreuzberger Straßenplan, auch wenn die Königgrätzer- heute Stresemann-Straße heißt. Den Unterschied macht weiter, ob man das Ding geschnitten oder am Stück, im Darm oder ohne denselben (wie bei "Konnopke" die Regel, Versorgungsmängeln der Nachkriegszeit geschuldet) zu genießen wünscht. Seit einiger Zeit gibt's noch gebratene Zwiebel auf die Sauce, eine "Curry 36"-Invention, der sich "Konnopke" ebenso anschloss wie der "Bachhuber-Stand" am U-Bahnhof Wittenbergplatz, wo ausschließlich Neulandfleisch zur Verwendung kommt: Dort genossene Würste werden von fröhlich schäkernden Lesben gereicht, die einem den Blick auf die ins "KaDeWe" strömenden Kauftouristen aller Länder erträglicher machen. Nicht unerwähnt wollen wir aber jenen legendären Nachtwurststand lassen, der neben Currywurst mit Brot nur Kakaotrunk und Limonade im Angebot hatte: Wir haben ihn lang nicht mehr gesehen, diesen mobilen Stand draußen an der Karl-Marx-Straße in Neukölln, wo wir mal gegen drei Uhr morgens folgende Bestellung vernahmen: "Zwei-Zwei" (heißt zwei gebratene Würste und zwei Brötchen) - "und Zwei kalt vorneweg". Wir wünschen allen Gästen Berlins einen guten Appetit! Ralf B. Korte

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