Er war der erste amerikanische Politiker

Der Historiker und Kenner des dritten Lagers, Lothar Höbelt, im Interview über die politische Persönlichkeit von Jörg Haider. Das politische Erbe werde eher die FPÖ unter Strache antreten als das BZÖ. Obwohl die FPÖ zu eindimensional sei.

Lothar Höbelt ist ein intellektueller, wissenschaftlicher Begleiter und Kommentator des dritten Lagers. Als dieses gelten alle jene Personen, die sich auch noch nach dem Zweiten Weltkrieg weder dem linken, sozialdemokratischen noch dem damals rechten, christdemokratischen Lager anschließen wollten, sondern die deutsch-nationalen Wurzeln und eine Art anti-klerikaler, freiheitlich-liberaler Programmatik befürworteten. Dieses politische Lager, gebündelt in der FPÖ, führte Haider bis zu dessen Spaltung zu enormen Wahlerfolgen und dann in eine Koalition mit der ÖVP. Als BZÖ-Chef schaffte Haider heuer einen Wahlerfolg. Zwei Wochen danach verstarb er, an diesem Wochenende wird der Leichnam des Kärntner Landeshauptmannes eingeäschert.

Die Furche: Man nimmt jetzt Abschied von Jörg Haider. Das Ende einer Ära?

Lothar Höbelt: Ja, sicher, weil vieles mit ihm einfach so individuell war und niemand nachkommt, der das fortsetzen könnte. Eigentlich könnte man sagen, seine politische Ära hat schon im Jahr 2002 geendet. Denn bis 2000 erfolgte ja sein Aufstieg, der Eintritt in die Bundesregierung. Dann der tiefe Fall 2002. Jetzt erfolgte quasi die Rückkehr zur Normalität.

Die Furche: Wie charakterisiert ein Historiker diese Ära?

Höbelt: Haider war ganz sicher der erste amerikanische Politiker. Er hat gesagt, meine Person ist das Programm. Ich muss gewählt werden, mir müssen die Leute vertrauen. Die Partei war nur seine Startrampe, ein zunehmend lästiger Ballast, den er mitgeschleppt hat. Die Idee, etwas Neues zu gründen, war ja als Unterton schon immer herauszuhören.

Die Furche: Auf seinem Weg zu den Wahlerfolgen hat Haider mit gefährlichen politischen Versatzstücken gespielt. Er machte sich zum Sprecher der Sprachlosen. Gibt es Parallelen zum Faschismus?

Höbelt: Es gibt Parallelen, allerdings völlig unideologisch. Bei vielen autoritären Systemen stand der Rückhalt an bestehenden Institutionen im Vordergrund. Der italienische Faschismus suchte das Bündnis mit der Armee, mit der Kirche. Haider verkörperte eher die Wählerbewegung des Nationalsozialismus, nämlich: die Rache der Unorganisierten. Alle anderen sind in der Gewerkschaft, in der Industrie oder bei den Bauern. Die Unorganisierten hingegen konnten sich nicht organisieren. Und denen sagte Haider, er werde ihnen zeigen, wie das gehe.

Die Furche: Seine aus der NS-Zeit belasteten Eltern standen außerhalb des Systems.

Höbelt: Sicher. Die Persönlichkeiten im dritten Lager waren eben nicht oder nur schlecht organisiert, sie waren irgendwie Nischenexistenzen. Sie waren keine Massenbewegung wie die SA oder die italienischen Faschisten. Der Faschismus ist ein Zeitphänomen durch die Militarisierung nach dem Ersten Weltkrieg. Alle marschierten in Uniform und im Gleichschritt. Haider hingegen hörte man sich an wie einen Popstar …

Die Furche: … er war ja eine vielschichtige Persönlichkeit, gelinde gesagt.

Höbelt: Er war eigentlich ein Insider des politischen Systems, der die Rolle des Außenseiters gespielt hat, aber eben mit einem gewissen Augenzwinkern. Er hat in seiner Jugend mit Kreisky diskutiert, mit Androsch Tennis gespielt, wurde von Peter entdeckt, er war mit allen Großkapitalisten des Landes eigentlich ganz gut.

Die Furche: Ein, wie man sagt, Ausnahmepolitiker ist gestorben. Wer wird das Vakuum füllen: die Freiheitlichen mit HC Strache? Oder kann sich die ÖVP wieder Mitterechts-Wähler zurückholen?

Höbelt: Nur wenn die ÖVP eine Mitterechts-Koalition macht. Nur dann. Wenn die ÖVP eine Linkskoalition macht, wird es sehr schwierig, die Wähler des BZÖ auf ihre Seite zu holen. Denn Haider hat immer gesagt, das wollen wir nicht. Dass sich das BZÖ außerhalb Kärntens stabilisieren wird, glaube ich nicht. Da müssten sehr viele Wunderwuzzis mit Glück kommen. Das ist ja eine Zufallsmannschaft, die zusammengewürfelt wurde. Dann bleibt, falls Rot-Schwarz zueinander findet und kein BZÖ-Wunderwuzzi kommt, der Strache mit seiner FPÖ als natürlicher Erbe übrig.

Die Furche: Wie unterschiedlich sind FPÖ und BZÖ überhaupt?

Höbelt: Die FPÖ ist eindimensionaler, aber dennoch auf dem Weg des Erfolges. Das BZÖ ist eine rein regionale Variante. Es ist ja ein Bedarf für eine rechtsbürgerliche Gruppierung durchaus gegeben. Diese hat Haider mit seiner perfekten Spürnase abgeholt, ist aber inhaltlich verschwommen geblieben. Für die Zukunft ist es jetzt schwierig zu beantworten, wer dieses rechtsbürgerliche Milieu führen wird. Und ob diese Persönlichkeit die Fähigkeit besitzt, die Scharnierfunktion zwischen diesem politischen Lager und dem gegenwärtigen politischen System zu erfüllen. Und es ist die Frage, wo ordnet sich die FPÖ da ein?

Die Furche: Aber meist ist das weniger eine programmatische Angelegenheit, sondern eine der Persönlichkeit, die Unterschiede zudeckt, Widersprüche überbrückt. Haider hat ja zuletzt versucht, eine Verbindung zwischen den beiden rechten Parteien herzustellen.

Höbelt: Da geht vieles über die Atmosphäre. Eines vorweg: Wer sich auskennt, sagt, die säuberliche Trennung in FPÖ und BZÖ existiert nicht. Die Arbeitsteilung im bürgerlichen Lager, klerikal gegen antiklerikal etwa, existiert nicht mehr. Jetzt ist die Frage, welche Themen machen den Unterschied? Da gibt es nicht sonderlich viel. Also kommt es auf die Person an der Spitze an. Da ist Strache einfacher angelegt. Jörg Haider hingegen, der konnte mit allen, am Viktor-Adler-Markt ebenso wie mit Golfspielern und Großgrundbesitzern. Das gibt es nicht mehr.

„Nur wenn die ÖVP eine Mitterechts-Koalition macht, hat sie eine Chance, diese Wähler wieder zurückzuholen. Das BZÖ wird sich außerhalb Kärntens nicht stabilisieren.“

„Sein Tod ist sicher das Ende einer Ära. Den Bedarf für eine rechtsbürgerliche Gruppierung hat Haider mit seiner Spürnase richtig erkannt.“

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