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Barbara Streisands Nase auf dem Prüfstand

Eine Körpersoziologin, eine Psychotherapeutin, die mit essgestörten Menschen arbeitet, und ein plastischer Chirurg diskutieren über die Fixierung auf den Körper und Schönheitsnormen. Das Gespräch moderierte Regine Bogensberger • Foto: Stanislav Jenis

Der Körper als Dauerbaustelle? Der Spiegel als Feind? Warum so viele von uns mit ihrem Körper hadern, das Beste aus sich machen wollen und dennoch nicht wie alle anderen aussehen wollen.

Die Furche: Wie unzufrieden sind Ihrer Erfahrung nach die Menschen mit ihrem Körper?

Edvin Turkof: Ich sehe das nicht, dass Menschen mit ihrem Körper so unzufrieden sind. Über 90 Prozent der Menschen, die zu mir kommen, wissen genau, was sie wollen. Sie habe keine realitätsfremden Vorstellungen, sind gut informiert und werden auch von niemanden dazu gedrängt. Sie haben den Standpunkt: Ich habe da etwas, was mir nicht so gut gefällt, und ich hätte gerne, dass das geändert wird. Sie sagen nicht: Wenn ich nicht die Nase korrigiere, verlässt mich mein Freund. Das sind Gründe, wo wir die Operation ablehnen. Es sind Menschen, die sagen: Ich habe an und für sich eine gute Figur, aber keine günstige Fettverteilung, die Reiterhosen hätte ich gerne weg.

Die Furche: Wie ist der Trend bei Schönheitsoperationen? Der Markt boomt doch?

Turkof: Nein, der Markt ist eher stagnierend. Es gab einen Anstieg in den letzten zehn Jahren, aber nach meinem Wissen – es gibt keine genaue Statistik in Österreich – ist kein enormer Zuwachs mehr zu erwarten.

Die Furche: Warum?

Turkof: Die Medien berichten kritischer über Fehlbehandlungen und Kollegen, die nicht gut arbeiten. Auch sind die Patienten immer besser informiert und die Konkurrenz ist härter geworden.

Die Furche: Ein Bereich, wo es große Unzufriedenheit gibt, sind Figur und Gewicht. Wie unzufrieden sind die Menschen aus Ihrer Sicht mit ihrem Körper, Frau Ivanek?

Susanne Ivanek: Ich möchte einen Grundgedanken äußern: Der Mensch sucht eher das Angenehme und versucht, Unangenehmes zu vermeiden. Wenn jedoch dem Streben nach dem Angenehmen, zum Beispiel Schönheit oder Bewunderung, zu viel Beachtung geschenkt wird, kann das einen verhängnisvollen Verlauf nehmen. Es ist dann Sache des Zeitgeistes und der persönlichen Präferenz, in welche Richtung die Unzufriedenheit des Menschen dann gelenkt wird: Aussehen, Beruf, Fitness oder Erfolg.

Die Furche: Frau Posch, Ihr neues Buch hat die Grundthese, dass der Körper zum Projekt geworden ist. Wie würden Sie diese Unzufriedenheit mit dem Körper soziologisch einordnen?

Waltraud Posch: Wir leben in einer Zeit, in der Menschen nicht das Gefühl haben zu sein, sondern permanent zu werden. Dieses Sich-Gestalten wird über den Körper ausgedrückt. Der Körper ist ein Medium, um seinen Platz in der Welt zu zeigen. Das ist historisch gesehen nichts Neues, neu ist die Intensität. Die meisten Menschen sind bemüht, das Beste aus ihrem Leben zu machen. Dazu zählt auch, die bestmögliche Körperlichkeit rauszuholen. Es geht dabei nicht so sehr um Unzufriedenheit, sondern um das Herstellen von Wohlfühlen.

Die Furche: Gründet das nicht doch in einer Unruhe oder Art Unzufriedenheit?

Posch: Auf jeden Fall. Wir haben einen großen Zwang, uns permanent wohlzufühlen. Die meisten Menschen, die sich verschönern, sagen genau das, was Sie, Professor Turkof gesagt haben: Sie tun es für sich selber. Aber es ist eine Kernaussage meines Buches: Schönheits-Handeln ist immer soziales Handeln. Wir haben ein Ideal im Hinterkopf und wir haben diese Norm so verinnerlicht, dass es uns gar nicht mehr auffällt, wie sehr wir uns danach richten.

Die Furche: Im Buch wird auch die Ambivalenz zwischen Freiheit und Zwang in der Körpergestaltung aufgezeigt. Glauben Sie Ihren Patienten, dass sie es nur für sich tun, Herr Turkof?

Turkof: Ich meine damit nicht, dass der Wunsch völlig zwanglos erfolgt. Aber die Leute lassen sich nicht operieren, weil sie etwa der Partner schickt, so was ist selten. Was man betonen muss, und das geht in Ihre Richtung, Frau Posch, ist die sozioökonomische Komponente: Es ist leider so, dass Leute bei gleicher Qualifikation eher einen Job bekommen, wenn sie hübsch sind. Das ist die grausame Wahrheit. Dass sich Barbara Streisand ihre Nase nicht operieren hat lassen, spricht für sie, aber es gibt Menschen, die sagen, das gefällt mir nicht und ich will, um meine Konkurrenzfähigkeit zu verbessern, den Makel korrigiert haben. Da kann man nicht sagen: Diese Person hat keinen Charakter, weil sie sich einer Norm unterwirft, die gesellschaftlich existiert. Man darf ihr nicht vorwerfen, es zu tun und auch nicht, es nicht zu tun. Nehmen wir das Beispiel Fettabsaugen. Das Körperideal hat sich in den letzten 50 Jahren gewandelt. Models auf dem Laufsteg haben Körpermaße, die ohnehin kaum jemand hat, die werden auch nicht angestrebt. Aber es gibt Frauen und Männer, die haben einen idealen Body-Mass-Index, nur die Proportion stimmt nicht, weil etwa ein Körperteil nicht dazupasst.

Die Furche: Essgestörte Frauen streben aber doch oft nach den Figuren der Models.

Ivanek: Was den Menschen in den Medien präsentiert wird oder was Jugendliche untereinander kommunizieren, sind wichtige Faktoren. Auch Aussagen von Eltern können dazu beitragen, dass sich Mädchen im Körper nicht mehr wohl fühlen, wie etwa: Du hast einen Hintern wie deine Großmutter. Wenn solche Botschaften in der Pubertät fallen, wo das Selbst fragil ist, der Körper und die Psyche sich verändern, wo sich der Mensch die Frage „Wer bin ich und wer will ich werden“ stellt, können sie Schaden anrichten.

Die Furche: Inwiefern spielt die Macht über den Körper eine Rolle bei Essstörungen?

Ivanek: Das ist wichtig. Junge Menschen, die ins Leben hinaustreten und sich behaupten müssen, erleben sich oft als unzulänglich, sie trauen sich Aufgaben nicht mehr zu. Dann der Ausweg: Ich kann das Leben nicht kontrollieren, es macht mir Angst, aber wenigstens das Essen kann ich kontrollieren. Dabei erlebe ich mich als kompetent, stark und in Folge als hübsch und gesellschaftlich akzeptiert.

Posch: In der derzeitigen Form der Körperlichkeit nehmen wir den Körper stark als Instrument wahr, unsere Kontrolle über das Leben zu zeigen. Sich schön zu machen ist ein Phänomen mit zwei Gesichtern: Einerseits ist es ein Instrument der Unterdrückung, es gibt eine Norm, die wir durch unser Handeln zwar mitproduzieren, aber nicht selber erfunden haben. Andererseits ist es auch ein Akt der Selbstermächtigung. Es kann Identität stabilisieren.

Die Furche: Sie haben im Buch auch die Ambivalenz herausgearbeitet zwischen dem Drang zur Individualisierung und dem Trend zur Uniformierung.

Posch: In unserer Zeit ist es ganz wichtig, besonders zu sein und sich abzuheben. Deshalb war es gar nicht so schwierig für Barbara Streisand, ihre Nase zu behalten, weil sie viel hatte, was sie besonders macht. Heute würde sie die Nase vielleicht eher operieren lassen.

Turkof: Nein umgekehrt. Damals war die Zeit viel normierter und diktierter.

Posch: Es gab weniger mediale Verbreitung von Idealen, daher war es damals leichter.

Turkof: Ich glaube, die Schönheitsideale haben sich in den letzten Jahren eher liberalisiert. Es gibt Schauspieler, die nicht so tolle Figuren und Nasen haben.

Die Furche: Zum Beispiel Gérard Depardieu.

Posch: Für Männern ist es ohnehin leichter.

Die Furche: Frauen stehen noch immer viel stärker unter dem Schönheitsdruck?

Posch: In den letzten 20 Jahren hat sich viel getan. Das Schönheitsideal betrifft eindeutig beide Geschlechter, aber Frauen und Mädchen in einem weitaus deutlicherem Ausmaß und vor einem anderen Hintergrund: Die Ursachen sind einerseits das Patriarchat sowie die historische Entwicklung: Es war für Frauen wichtig, geheiratet zu werden. Zudem: Frauen sprechen von Schönheit, Männer von Fitness. Das zeigt sich auch in der Nutzung von Schönheitsoperationen und Kosmetika. 90 Prozent der Personen in den USA, die eine Schönheitsoperation machen lassen, sind Frauen.

Turkof: In meiner Ordination liegt der Männeranteil bei 20 bis 30 Prozent.

Die Furche: Feministinnen sehen den Schönheitskult sehr kritisch, es gibt Gegenbewegungen, die die Selbstbestimmung betonen.

Posch: Ich denke, dass derzeit Strömungen abnehmen, die das nur verteufeln. Ich plädiere für eine differenzierte Sichtweise. Wir müssen schauen, was steckt dahinter und wie gehen wir damit um. Es ist wichtig, dass Politik und Wirtschaft strukturelle Maßnahmen setzen, etwa Gewichtsvorgaben bei Model-Shows, oder dass Krankenkassen kaum für eine Schönheitsoperation bezahlen. Aber innerhalb des Rahmens ist es dann individuell, wie man damit umgeht.

Die Furche: Wie wird sich die Fixierung auf den Körper weiterentwickeln? Und was sollte sich ändern?

Ivanek: Ich würde dafür plädieren, mehr in die Jugend, ihr Lebensgefühl und ihre positive Selbstannahme zu investieren.

Die Furche: Ist das möglich angesichts der Macht von Medienbildern?

Ivanek: Es gibt nicht nur die Macht der Medien, sondern auch die der Gesellschaft, der Menschen rund um uns. Die Frage ist, wo kann der Mensch Orientierung für sein Leben finden. Muss ich mir meine Orientierung in den Medienbildern suchen oder eher im sozialen, zwischenmenschlichen Bereich? Ich denke, es gibt auch wieder einen Trend hin zu mehr Innerlichkeit. Das scheint eine Reaktion auf die Entwicklungen der letzten Jahre zu sein.

Posch: Ich glaube das auch, weil wir jetzt schon eine starke Verbindung zum Inneren haben: Ich schaffe mein Inneres, indem ich mein Äußerliches verändere. Meiner Einschätzung nach wird es auch künftig sehr schwer sein, dem Schönheitsideal zu entgehen, weil wir uns in einem Sog von Machbarkeit und Selbstverantwortung befinden. Es gibt aber einen Gegentrend, wenn zum Beispiel Kosmetikfirmen mit normalgewichtigen Frauen werben. Das hat sich bewährt.

Turkof: Ich glaube, die Entwicklung wird eine gute sein, weil sich Patienten immer besser informieren. Der Druck in Richtung Qualitätsleistungen ist größer geworden, das ist gut so. Es wäre aber wichtig, wenn es den Facharzt für ästhetische Chirurgie geben würde. Sobald ein Arzt den Turnus, also das Jus practicandi hat, darf er operieren, was er oder sie möchte. Das muss sich ändern.

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