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"Öl auf Kosten der Menschen" Wenn Elefanten kämpfen, ..."

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Seit 18 Jahren herrscht Bürgerkrieg im Sudan. Finanziert wird diese Endlostragödie mit Erdölverkäufen. Auch die österreichische OMV ist daran beteiligt, kritisiert "Christian Solidarity International" (CSI).

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Seit 18 Jahren herrscht Bürgerkrieg im Sudan. Finanziert wird diese Endlostragödie mit Erdölverkäufen. Auch die österreichische OMV ist daran beteiligt, kritisiert "Christian Solidarity International" (CSI).

Wenn Elefanten kämpfen, dann leidet das Gras unter ihnen", lautet ein arabisch-sudanesisches Sprichwort, das die Situation im Sudan am besten wiedergibt. Seit 1983 herrscht - von der Weltöffentlichkeit kaum mehr wahrgenommen - Bürgerkrieg im flächenmäßig größten Land Afrikas. Kein "Religionskrieg" zwischen dem moslemischen Norden und dem christlich-animistischen Süden, wie der aus Italien stammende und seit Jahrzehnten in Ostafrika wirkende Comboni-Missionar Pater Renato Kizito Sesana dieser Tage bei einem Pressegespräch in Wien betonte. Wahrer Hintergrund seien vielmehr handfeste wirtschaftliche Beweggründe.

Neben dem Gespräch mit Sesana organisierte die Österreich-Sektion der ökumenischen Solidaritätsbewegung "Christian Solidarity International" (CSI) Ende März einen Schweigemarsch durch die Wiener Innenstadt, um auf die Situation im Sudan aufmerksam zu machen. Heftige Kritik äußerte CSI dabei am österreichischen Energiekonzern OMV für sein Engagement im Südsudan. "Die Ölförderung im Sudan geht mit schweren Menschenrechtsverstößen einher", klagt CSI an. Die Ölgesellschaften geben durch ihre Zahlungen an das Regime in Khartum "Waffen in die Hände von Mördern", bestätigte Pater Sesana. Und die islamistischen Machthaber missbrauchen Religion als Mittel, um sich die Kontrolle über das erdölreiche Gebiet der Nuba-Berge am Nil-Oberlauf zu sichern. Den Ertrag aus dem Ölgeschäft wiederum setzt die Junta zum Kauf von Waffen ein. Ziel der sudanesischen Regierung ist es, so Sesana, den Widerstand der Nuba brechen. Systematische Vertreibungen, Morde und große Flüchtlingsbewegungen stehen auf der Tagesordnung.

Massaker und Folter In einem Antwortschreiben der OMV an CSI hieß es, man habe "keinerlei Hinweise, dass die Zivilbevölkerung durch Regierungstruppen oder verbündete Milizen in diesem Gebiet vertrieben wurde". Außerdem sei die Region, in der die OMV als Teil eines Konsortiums mit einer schwedischen Gesellschaft Erdöl fördert, "gering besiedelt". Pater Sesana stellte die Situation ganz anders dar: Seit dem Beginn der Ölförderung im Jahr 1999 hat sich die Lage der Nuba arg verschlechtert. Sesanas Anklagen stimmen mit dem von der Menschenrechtsorgansiation amnesty international (ai) verfassten Bericht zur Lage im Sudan überein: "Öl auf Kosten der Menschen" betitelte amnesty diese Situationsanalyse: "Ausländische Ölfirmen sind an der lukrativen Ölproduktion beteiligt", heißt es darin, "und sie erwarten, dass die sudanesische Regierung für ein sicheres Umfeld sorgt". Sicheres Umfeld bedeutet, dass die Regierung nicht nur gegen die Südsudanesische Rebellenarmee SPLA, sondern auch gegen die Zivilbevölkerung militärisch vorgeht. Amnesty dokumentiert Menschenrechtsverletzungen, Massaker und Folter auf beiden Seiten der Bürgerkriegsparteien.

Der Bürgerkrieg im Sudan ist ein Erbe der britischen Kolonialzeit: 1956 unvorbereitet in die Unabhängigkeit entlassen, forderte der schwarzafrikanische Süden vergeblich einen eigenen Staat und schon vor den Unabhängigkeitsfeiern in Khartum begann der Krieg der "Anyanya" (Schlangengift) gegen die verhassten arabischen Besatzer aus dem Norden.

Stellvertreterkrieg Der eigentliche Zynismus aber liegt in den Allianzen dieses Krieges: Die Zweiteilung der Welt vor dem Ende der Sowjetunion bewirkte einen irrationalen Stellvertreterkrieg im Sudan: Sowjetische Ausbildner und Waffen via Äthiopien für den Führer der Südsudanesischen Befreiungsbewegung SPLA Oberst John Garang - ehemals Offizier der arabischen Nordarmee und in den USA ausgebildet - und westliche Ausbildner und Waffen für den islamischen Norden unter General Gaafar el Numeiri. Dieser hatte sich wenige Jahre vorher mit Hilfe der Sowjets an die Macht geputscht - damals unterstützte der Westen John Garang und der Ostblock Numeiri, bis der General zum Wendehals mutierte. Sowjetische Ausbildner im Südsudan und deutsche Instrukteure im arabischen Norden, wenig später westliche Ausbildner im Süden und sowjetische Instrukteure im Norden. Und auf beiden Seiten Zehntausende Gefallene und Verhungerte ... - die Elefanten und das Gras!

"Dieser Bürgerkrieg erinnert an den Dreißigjährigen Krieg in Europa", sagte im Gespräch mit der furche ein Missionar in Wau, der von den Garang Soldaten eingeschlossenen Provinzhauptstadt des Bahr el Gazal, der Gazellenflussprovinz. Beide Seiten sengen, morden, plündern. Die zerstrittenen Anführer der verschiedenen Ethnien im Süden verbünden sich zeitweilig mit der Nordarmee gegen John Garangs SPLA und Krieg und Gräuel gehen unvermittelt - nur unter wechselnder Patronanz - weiter. "Unser kleines Unicef-Flugzeug mit einer Lieferung an Medikamenten für die eingeschlossene Provinzhauptstadt Wau wurde von der Südsudanischen Befreiungsbewegung mit einer (russischen) Boden-Luft-Rakete beschossen", erzählt der Missionar. "Das Geschoß prallte am Heck ab und explodierte wie durch ein Wunder nicht. Darauf stellte die UNO alle Hilfsflüge in den Süden für Monate ein und Zehntausende sind deshalb gestorben", klagt der Mann. Und mehr als eine Million Menschen im Südsudan leiden nach Angaben der katholischen Kirche wegen des Bürgerkrieges Hunger.

Einer der seltenen Lichtblicke im Sudan ereignete sich im vergangenen Februar. Die Südsudanesische Rebellenarmee SPLA entließ mehr als 2.500 Kindersoldaten aus den Waffen und übergab sie an das UNO-Kinderhilfswerk Unicef. In einer einzigartigen Evakuierungsaktion wurden sie aus der Konfliktregion Bahr el Gazal größtenteils herausgeflogen und zur Rehabilitation und Traumabewältigung in sichere Regionen des Landes gebracht. Nach vier bis neun Monaten sollen die zwischen acht und 18 Jahre alten Soldaten zu Familien oder Verwandten zurückkehren können. Insgesamt geht man im Sudan aber immer noch von 9.000 in verschiedenen Armeen und Miliztrupps rekrutierten Kindersoldaten aus.

Wenn Elefanten lieben Schwarzafrikanische Christen beziehungsweise Animisten im Süden gegen arabische Moslems im Norden. Feindbilder, die historisch in den Sklavenjagden im schwarzen Süden, aktuell in wirtschaftlicher, rassistischer, religiöser und kultureller Unterdrückung durch den arabisch-islamischen Norden ihre Wurzeln haben und bisher bereits über eine Million Opfer forderten. Dieselbe Zahl in Dollar - so zynisch es klingen mag - kostet der Krieg dem bitterarmen Land täglich.

Das Geld für den Krieg kommt aus den Ölfeldern im Süden des Landes bei Bentiu. Waren vor einigen Jahren noch China, Nordkorea und arabische Staaten die maßgeblichen Investoren, so zieht nunmehr der Westen nach. Neben der Einführung der Scharia im christlichen Süden und dem Streit um das Nilwasser war es das Erdöl, dass den Bürgerkrieg nach einem Jahrzehnt wackeligen Waffenstillstands 1983 eskalieren ließ. Der damalige Machthaber General Gaafar el Numeiri legte eine Pipeline direkt in den Norden bis zum Hafen Port Sudan und der unterentwickelte Süden ging wieder einmal leer aus. Anlass, für SPLA-Chef Garang, die Situation eskalieren zu lassen.

Doch bis zum Ende des Kalten Krieges blieb der Sudan das Bollwerk des Westens gegen den kommunistischen Nachbarn Äthiopien und erst Hungerrevolten in den Straßen Khartums führten zum Sturz Numeiris, zu freien Wahlen und zu einem dreijährigen demokratischen Zwischenspiel von Sadek el Mahdi - bis zur neuerlichen Diktatur der Generäle und Islamisten. Im Sommer 1989 putscht das Militär, Verhaftungswellen überziehen das Land, es wird gefoltert, erschossen, der Nachbar Ägypten wird für viele zum Exil.

Seither steht General Omar Hassan el Beshir an der Spitze des islamisch-fundamentalistischen Gewaltregimes im Sudan. Anfang dieses Jahres konnte er die umstrittenen Präsidentschaftswahlen neuerlich mit großer Mehrheit gewinnen. Der 1985 gestürzte Ex-Präsident Numeiri wurde weit abgeschlagen Zweiter. Nach seinem Wahlsieg versprach General Beshir, dass er den Bürgerkrieg durch Verhandlungen und Dialog beenden wolle. Große Zweifel an der ernsthaften Umsetzung dieses Versprechens sind angebracht.

Und letztlich stellt sich auch die Frage: Wenn sich die Parteien des Sudan irgendwann friedlich einigen können, werden dann die Gewinne aus den Ölgeschäften dem sudanesischem Volk zugute kommen, Armut, Hunger, Krankheit in diesem Land - das zu den "last developed countries" - zählt, besiegen helfen? Das Sprichwort von den kämpfenden Elefanten hat nämlich noch eine zweite Zeile: "Wenn sich Elefanten lieben, auch dann leidet das Gras."

Der Autor, freier Journalist, bereist seit den achtziger Jahren regelmäßig den Sudan.

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