"Wir werden vom Westen verraten"

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Macram Max Gassis, Bischof von El Obeid im Zentral-Sudan, über die Christenverfolgung in seinem Land und die Gleichgültigkeit des Westens.

die furche: Herr Bischof, stimmen die Berichte über neuerliche Christenverfolgungen im Sudan?

bischof macram max gassis: Die Berichte sind leider Gottes wahr. Die Verfolgungen im Sudan sind sowohl religiöser als auch ethnischer Natur. Sie richten sich in erster Linie gegen die afrikanische Bevölkerung.

die furche: Man hört über Fälle von Sklaverei.

gassis: Sklaverei gibt es wirklich. Unsere Kinder werden von islamischen Soldaten geraubt. Sie brennen ganze Dörfer nieder, plündern sie und führen die Kinder weg - mit dem Segen des Regimes von Khartum. Kinder werden oft wie Vieh eingefangen und am ganzen Körper gebrandmarkt, so dass sie von ihren "Herren" leichter wieder eingefangen werden können, falls sie weglaufen. Junge Mädchen werden vielfach aus ihren Familien gerissen, vergewaltigt, bekommen ein Kind von ihren Peinigern. Auch die Beschneidung ist eine physisch und psychisch grausame Methode der Fundamentalisten, um den Frauen zu signalisieren: "Ihr gehört zum Islam, also müsst ihr das durchstehen." Selbst der frühere Ministerpräsident des Sudans Sadek al-Mahdi hat diese Zustände zugegeben.

die furche: 1999 erregte der Fall des Priesters Hilary Boma Aufsehen, der von Kreuzigung bedroht war. "Kirche in Not" und andere Organisationen haben sich damals erfolgreich für seine Freilassung eingesetzt. Haben Sie seitdem von Kreuzigungen gehört?

gassis: Einer meiner Katecheten wurde von islamischen Fundamentalisten bedroht. Als er sich nicht zum Islam bekehren wollte, haben sie ihn gefoltert und dann gekreuzigt. Er überlebte und arbeitete als Dorfrichter, bis er vor zwei Monaten ermordet wurde.

die furche: Warum schweigt die Welt zu diesen Grausamkeiten? Warum erhebt niemand die Stimme für die Opfer?

gassis: Aus verschiedenen Gründen. Das Regime von Khartum ist zum einen sehr geschickt darin, die Medien von der grausamen Realität fernzuhalten. Außerdem sind die Medien immer nur an sensationellen Neuigkeiten interessiert. Im Sudan sterben die Menschen aber selten auf einen Schlag, dafür aber kontinuierlich. Seit Beginn des Bürgerkrieges zählen wir zwei Millionen Tote und fünf Millionen Flüchtlinge, und niemand spricht darüber. Als das Regime Nahrungsmittellieferungen davon abhängig machte, ob sich die Menschen arabisieren und islamisieren lassen wollten oder nicht, haben die Medien geschwiegen. Und als wir, die katholischen Bischöfe vor einer drohenden Hungersnot gewarnt haben, hat sich die internationale Gemeinschaft nicht gerührt. Als sie sich regte, war die Katastrophe bereits da. Wo waren da die Medien?

die furche: Hat sich seit dem 11. September daran etwas geändert?

gassis: Vor dem 11. September gab es große Hemmungen, überhaupt zuzugeben, dass es Christenverfolgungen durch fundamentalistische Islamisten gibt, weil man die islamischen Länder nicht gegen sich aufbringen wollte. Warum erhob der Westen seine Stimme nur für die Kosovaren? Warum regte sich die gesamte westliche Welt, um die Kurden zu verteidigen, die zumeist Muslime sind und warum hat andererseits niemand in der so genannten christlichen westlichen Welt, weder von den Medien noch von den Regierungen, etwas zur Verteidigung der Glaubensbrüder und -schwestern im Sudan unternommen?

Zumindest haben die Terrorangriffe vom 11. September den westlichen Nationen bewusst gemacht, was ich schon vor 18 Jahren gesagt habe: Der islamische Fundamentalismus ist eine Gefahr für die Weltsicherheit. Niemand hat mir damals Glauben geschenkt. Ich nenne bewusst den "islamischen Fundamentalismus" und will nicht den Islam als Religion diskreditiert wissen. Die Kirche ist bereit zum Dialog mit den islamischen Schwestern und Brüdern. Aber der islamische Fundamentalismus ist keine Religion, sondern eine politische und ökonomische Ideologie.

die furche: Inwiefern beeinflussen die Ölvorkommen im Süden des Sudans die Situation?

gassis: Ganz dramatisch! Früher hat sich kaum jemand um dieses Land gekümmert. Jetzt zeigen Länder wie Frankreich, Deutschland, Belgien, Holland oder Kanada Interesse am Sudan - wegen des Öls. So wie Christus für 30 Silberlinge verraten wurde, wird mein Volk von den westlichen Glaubensgeschwistern für ein paar Fässer Öl verraten. Ob die afrikanischen Christen oder die Angehörigen der Naturreligionen leben oder ausgelöscht werden, interessiert die westlichen Regierungen nicht im Geringsten. Was zählt ist das Geschäft. Wenn einmal die afrikanischen Völker im Sudan vollständig ausgerottet sein werden, wird der "christliche" Westen ihnen sicher Denkmäler bauen.

Das Gespräch führte Thomas Kötter anlässlich eines Besuchs von Bischof Gattas beim katholischen Hilfswerk "Kirche in Not/Ostpriesterhilfe" in Königstein/Deutschland.

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