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Die Verteidigung der HOFFNUNG

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Während die EU mit Griechenland über Finanzhilfen streitet, hoffen die Griechen auf eine Erlösung von den Sparmaßnahmen. Eine Reportage.

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Während die EU mit Griechenland über Finanzhilfen streitet, hoffen die Griechen auf eine Erlösung von den Sparmaßnahmen. Eine Reportage.

Das peloponnesische Dokumentarfilm-Festival musste wegen der Wahl um eine Woche verschoben werden. Als es am 28. Jänner in Kalamata eröffnet wurde, war die neue SYRIZA-Regierung Griechenlands drei Tage im Amt - und selbstverständlich in aller Munde. "Die Stimmung hat sich völlig verändert", meint einer der Organisatoren. "Die Leute reden wieder miteinander, auf der Straße und beim Bäcker." Ein Dokumentarfilmregisseur aus Athen erzählt, er habe gemeint zu träumen, als der neue Premierminister, Alexis Tsipras, bei der Angelobung nicht Gott (to theo) sondern dem Volk (to lao) dankte und keinen religiösen Eid ablegte. "Endlich kann man in diesem Land offiziell ungläubig sein", sagt er.

Viele nehmen dem abgetretenen Regierungschef, Antonis Samaras, übel, dass er nicht die Größe gezeigt hat, der Amtsübergabe beizuwohnen, sondern sich einfach aus dem Staub machte. Im Internet kursieren Karikaturen wie jener Zettel an der Tür der Residenz des Premierministers: "Alexis", steht darauf, "der Schlüssel liegt unter der Türmatte. Vergiss nicht, die Katzen zu füttern. Antonis." Zudem wurde berichtet, Mitglieder der alten Regierung hätten Akten mitgenommen und Dateien gelöscht. Ist das Verhalten ein Hinweis darauf, dass er sich mit dem Machtwechsel nicht abgefunden hat?"Klar", sagt Filmregisseur Dimitris Bavellas. "Bei den Konservativen rechnet man damit, dass die neue Regierung in einigen Monaten schon Geschichte ist."

"Wann haben wir uns zuletzt gesehen? - Das muss noch vor dem Kommunismus gewesen sein." Wenn Bavellas diese Formulierung verwendet, legt er Wert darauf, dass das nur im Scherz gemeint ist. In Wirklichkeit haben die Kommunisten eine Regierungsbeteiligung ausgeschlossen, weil sie SYRIZA für zu euro-und europafreundlich halten. Doch der Scherz ist bisweilen durchaus ernst gemeint. Im Privatsender "Alpha" beispielsweise ist ein Trailer zu sehen, in dem während der Angelobung des neuen Regierungschefs auf einem Tisch vor ihm Hammer und Sichel eingeblendet werden. Doch Propaganda solcher Art scheint derzeit an dem neuen Premier und seinem Team abzuperlen. Etwa 70 Prozent der Bevölkerung unterstützen laut Umfragen die SYRIZA-Regierung.

Einblicke in die Geschichte

Das Festival bietet unter anderem Einblicke in die griechische Geschichte. Eine Dokumentation beschäftigt sich mit dem Massaker, das Wehrmachtssoldaten an der Bevölkerung der peloponnesischen Kleinstadt Kalavrita begangen haben. Nach der Massenhinrichtung holte sich seine Familie blutiges Brot aus der Manteltasche des toten Vaters, berichtet ein Zeitzeuge; so groß war der Hunger. Eine Filmbiographie berichtet ausführlich über Leben und Sterben des Sportlers, Arztes, Politikers und Friedensaktivisten Grigoris Lambrakis, der 1963 in Thessaloniki ermordet wurde. Der Anschlag, der auch dem berühmten Spielfilm "Z" von Costa-Gavras zugrunde liegt, wurde von höchsten Polizei-und Militärkreisen geplant. In der Dokumentation zeigt sich ein Griechenland in schwerster Polarisierung, in dem sich wenig später das Militär an die Macht putschen würde. "Der Bürgerkrieg ist nie wirklich beendet worden", sagt einer der Regisseure nachdenklich.

Eine Dokumentation beschäftigt sich mit Umweltbelastungen durch Kohlekraftwerke in Nordgriechenland. "Der Film hat mich nach dem Höhenflug der vergangenen Tage wieder auf den Boden der Tatsachen geholt", sagt eine Frau beim Filmgespräch.

Einige Tage später, in Athen, ist der Stimmungsumschwung mit Händen zu greifen. "Die Menschen lachen wieder", sagt Lina Sipitanou, eine Übersetzerin, die derzeit an Michel Houellebecqs jüngstem Roman "Soumission"(Unterwerfung) arbeitet. Vor dem Parlament wurden die Sperrgitter weggeräumt. Das sieht nicht nur viel besser aus, es symbolisiert auch eine zugängliche Staatsmacht, die sich die Bürgerinnen und Bürger nicht vom Leib hält. Die Pro-Regierungs-Demonstrationen vor dem Parlament, eine Innovation dieser Tage, verlaufen grundsätzlich friedlich. Aber auch bei einer Demonstration gegen die rechtsextreme Partei "Chrysi Avgi"(Goldene Morgenröte), die zum Schrecken vieler bei der Wahl den dritten Platz errungen hat, hielt sich die Polizei auffallend zurück -ein wohltuender Kontrast zu früheren Ereignissen dieser Art. Dabei kann Chrysi Avgi unter Polizistinnen und Polizisten auf besonders viele Parteigänger zählen. Der neue Innenminister will seine Polizei demokratisieren -ein schwieriger, aber überfälliger Prozess.

Ein Haus im Einkaufsviertel nahe dem Parlament verweist mit einer Fülle von Plakaten und Transparenten auf Widerstand und Protest: Hier haben die von der Vorgängerregierung aus Spargründen gekündigten Reinigungsfrauen ihren Stützpunkt errichtet. Jetzt sollen sie wieder angestellt werden; das Protesthaus wirkt wie eine Erinnerung an vergangene Zeiten. Die Regierung macht sich daran, teure Dienstwagen zu verkaufen. Sie will den Mindestlohn erhöhen. Tausende arbeitslose Journalistinnen und Journalisten freuen sich über die in Aussicht gestellte Wiedereröffnung der öffentlichen TV-und Radioanstalt ERT - und über ein versprochenes Programm zur Finanzierung von Umschulungsmaßnahmen.

Das große Versprechen

Aber zunächst ist alles ein großes Versprechen. Symbole, Absichten, Pläne. Was davon ist umsetzbar? Wird die Regierung den hohen Erwartungen gerecht werden? Wird sie die finanziellen Mittel haben?"Jetzt wird alles noch viel schlimmer", klagt eine Frau aus Deutschland, die seit Jahrzehnten in Athen lebt. Sie vermutet, dass Tsipras und Finanzminister Varoufakis kein ernstzunehmendes Konzept haben, dass sie Griechenland in Europa isolieren würden und aufs Spiel setzten, was unter großen Opfern erreicht worden sei. "Das Wirtschaftswachstum hatte begonnen -und jetzt sind in zwei Wochen die Kassen leer." Sie habe Angst vor der Wut enttäuschter Wähler, wenn die Regierung zurückrudern müsse, sagt sie.

Eine Journalistin und frühere ERT-Mitarbeiterin, die jetzt um 700 Euro monatlich bei einem privaten Internet-Magazin arbeitet, gibt zu, dass es viele Anlässe gibt, sich Sorgen zu machen. "Aber", fügt sie dann hinzu, "es ist mir derzeit egal." Für sie haben die wenigen Tage der neuen Regierung schon jetzt eine entscheidende Wirkung: "Wir haben unsere Würde zurückerhalten." Der aufrechte Gang sei wieder möglich - trotz aller Probleme, die auch im besten Fall nicht von heute auf morgen gelöst werden könnten.

Stergios Theodoridis, ein SYRIZA-Wahlkandidat, spricht ebenfalls von der wiedergewonnenen Würde. "Wir sind keine Befehlsempfänger mehr", sagt er. SYRIZA sei für Gerechtigkeit angetreten -dafür, dass in Griechenland und Europa nicht länger "die Armen für die Reichen zahlen"."Wir hoffen alle, dass das gut geht", sagt Lina Sipitanou. "Aber wenn nicht, wird es entscheidend sein, ob die Regierung an äußeren Umständen scheitert -oder an eigenen Fehlern."

Aufatmen und den Atem anhalten: Griechenland in neuen Zeiten.

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