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Griechischer Herbst

Eine Reise in das Land, dessen Literatur sich demnächst in Wien präsentiert.

Griechenland ist nur im Urlaub ein Traum. Arbeitet man mit Institutionen des Landes zusammen, ist man dem berüchtigten griechischen Organisationstalent ausgesetzt: Keine Chance, dass die Programmdetails rechtzeitig vorliegen, und kommt man ins Land, ist sowieso wieder alles anders. Auch die Olympic Airways lässt ihre Gäste einfach in der Wartehalle stehen und die Abflugzeit ungerührt verstreichen, ohne auch nur eine Meldung über die Verspätung abzugeben. Der griechische Charme scheint auch nur in den Urlaubsregionen lebendig - im Athener Straßenverkehr sicherlich nicht. Dort ist man an keiner Kreuzung seines Lebens sicher, denn eine grüne Ampel für Fußgänger hat keinerlei Bedeutung - nicht einmal, wenn die Polizei untätig zuschaut. Auch die Motorräder rasen vor ihren Augen durch die Fußgängerzone der Altstadt. Zurecht wird man mittlerweile schon in den Tourismuszentren gewarnt: Verstöße gegen Verkehrsregeln werden von der griechischen Polizei nur bei Touristen geahndet.

Importierte Demokratie

Was der Tourist nicht sieht: die allgegenwärtige Korruption - sie "beginnt bei sehr hohen Regierungsposten und reicht bis zum letzten Angestellten in der Verwaltung", sagt die Schriftstellerin Eliana Chourmousiadou im Furche-Gespräch. Korruption und Steuerhinterziehung haben mit jenem "wesentlichen Unterschied zwischen Griechenland und den westlichen Staaten" zu tun, den Lena Divani anspricht: Die Demokratie wurde in Griechenland nach dem Ende der Osmanenherrschaft 1821 sozusagen importiert, die Menschen waren auf persönliche Interessen und die ihrer Kommune ausgerichtet, aber der Zentralstaat hatte keine Chance: sein erster Gouverneur Joannis Kapodistrias wurde ermordet. Lena Divani ist Professorin für Politikwissenschaft an der Universität Athen, doch in ihren Romanen beschäftigt sie sich aus feministischer Perspektive mit den zwischenmenschlichen Beziehungen. Zusammen mit vielen anderen werden die beiden Autorinnen das diesjährige Programm der "Literatur im Herbst" in der Alten Schmiede gestalten.

Eliana Chourmousiadou kommt noch auf ein anderes Problem zu sprechen: die noch immer untergeordnete Rolle der Frau im traditionell patriarchalischen Griechenland. Trotz allen Fortschritts bleibt es dabei: "Nach griechischem Recht gilt der Mann noch immer als Familienoberhaupt." Man darf eben die Vergangenheit nicht vergessen: "Griechenland war ein sehr orientalisches und unterentwickeltes Land, woran ich mich in meiner Kindheit erinnern kann, denn ich bin 1965 geboren", sagt Eliana Chourmousiadou. "Erst vom Beginn der achtziger Jahre an haben sich die Gesellschaft und das Leben in Griechenland Europa angenähert." Schließlich war ja bis 1974 die Militärjunta an der Macht; seit 1981 gehört Griechenland der EU an.

Erfolgreicher Krimi-Autor

"Ja, die Furche!" - wer hätte in Athen mit diesem freudigen Wiedererkennen gerechnet. Petros Markaris ist 1937 als Sohn eines Armeniers und einer Griechin in Istanbul geboren, hat dort eine österreichische Schule besucht und danach fünf Jahre in Wien studiert und gerne die Furche gelesen. Mit seinen Krimis im Diogenes Verlag ist er im deutschen Sprachraum erfolgreich, weil er seine Leser mit so viel Griechenland unterhält, wie der Urlauber gerade noch erträgt; dabei schafft er es, nie platt zu sein und alle Probleme anzusprechen, an denen Griechenland in den letzten Jahrzehnten leidet: Korruption, brutaler Rassismus gegen Einwanderer, Wandel der Gesellschaft, Medienmacht und Konsumwut.

Petros Markaris bewegt sich zwischen Popular-und Hochkultur. Denn der Krimi-Autor ist nur eine Facette seiner Person. In den Pausen zwischen den Romanen hat er beide Teile von Goethes Faust oder Bertolt Brecht ins Griechischen übersetzt. Und zudem ist er Co-Autor des berühmten Filmemachers Theo Angelopoulos. Der Auftritt des gesprächigen Schriftstellers wird auch einer der Höhepunkte der Veranstaltungen in Wien sein.

Die Last der Antike

Schriftsteller sein in Griechenland ist nicht leicht. Zum einen gibt es wenig Autorenförderung, Stipendienmöglichkeiten werden erst aufgebaut. Der Markt ist bei knapp elf Millionen Einwohnern sehr klein, große Auflagen und dem entsprechende Honorare sind kaum zu erzielen. Und international hat es die griechische Literatur schwer. Wie immer, wenn es um "neue" Länder am literarischen Kosmos geht, sucht man die Quadratur des Kreises: einen jungen, präsentablen, weltläufigen Autor, der gleichzeitig tief in seiner griechischen Heimat verwurzelt ist, konstatiert die Übersetzerin Michaela Prinzinger sarkastisch; sie hat das Programm der "Literatur im Herbst" vorbereitet und unsere Pressereise begleitet. Abgesehen von der "kleinen" Sprache hat griechische Literatur eine besondere Belastung: die Antike. Die Autorinnen und Autoren von heute kriegen in unseren Köpfen zwischen ihren antiken Vorfahren und den schönen Sandstränden keinen Fuß auf den Boden.

Was ist "griechisch"?

Einer von ihnen ist auch Nikos Papandreou, der Sohn des berühmten Politikers Andreas Papandreou. Der Papandreou-Clan ist so etwas wie die Kennedy-Familie von Griechenland, und wenn Nikos auf der Straße gegrüßt wird, weiß er nie, ob es wegen seiner Bücher oder wegen seines Vaters ist. Geboren und aufgewachsen in den USA, versteht er sich weder als griechischer noch als amerikanischer Autor, sondern als Mixtur. Erst den jüngsten Roman, Tage wie diese, hat er griechisch geschrieben. Er spielt in Washington und in Algerien, und Nikos Papandreou verarbeitet darin seine Erfahrungen als Angestellter der Weltbank. Vielleicht ist dieser Stoff ja für deutsche Verlage wieder nicht "griechisch" genug. Aber immerhin: Sein Erzählband Und Vater tanzte ist 1997 auf Deutsch erschienen.

Lust auf Literatur

Auch wenn es sich bei uns nicht herumgesprochen hat: Griechenland stellt in diesem Jahr die europäische Kulturhauptstadt: Patras, die Tag und Nacht pulsierende Hafen-und Touristenstadt. Auch hier haben alle Vorbereitungen viel zu spät begonnen, und doch spürt man in dieser Stadt mehr von der lebendigen Gegenwartskultur als im Wasserkopf Athen. Der Regisseur Alexis Alatsis ist als künstlerischer Leiter des Kulturhauptstadt-Projektes in letzter Minute eingesprungen und voller Ideen. Er macht neugierig auf die griechische Literatur und Kultur, die sich demnächst in Wien präsentieren wird.

LITERATUR IM HERBST:

GRIECHENLAND

Fr 10. 11. ab 19 Uhr, Sa 11. 11.

ab 17 Uhr, So 12. 11. ab 16 Uhr

Lesungen auf Deutsch, Eintritt frei.

Odeon Theater, Taborstr. 10, 1020 Wien

Infos: www.alte-schmiede.at

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