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Feuilleton

Es ist ein gutes Land

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Am vergangenen Sonntag gedachte die Bundesversammlung (National-und Bundesrat) in einer Festsitzung im ehemaligen Niederösterreichischen Landhaus der konstituierenden Sitzung der "Provisorischen Nationalversammlung für Deutschösterreich" an eben jenem Ort vor 100 Jahren. "100 Jahre Republik" also gilt es zu feiern -und der bevorstehende Nationalfeiertag wird im heurigen Gedenkjahr nochmals in besonderer Weise Anlass bieten, historische Bögen zu spannen: vom "Staat, den keiner wollte" zur "Erfolgsstory" der Zweiten Republik -so lautet jedenfalls das gängige Narrativ, das freilich immer wieder kritischer Brechung bedarf.

Im Kern ist freilich richtig, dass die Republik Österreich erst ab 1945, nach NS-Diktatur und Kriegsverheerungen, in einem langen, mühevollen und vielfach auch schmerzlichen Prozess gleichsam zu sich selbst gefunden hat.

Sinn und Zweck historischer Rückschau -insbesondere in Gedenkjahren - kann nur eine Selbstvergewisserung sein, der Versuch einer Standortbestimmung in der Gegenwart, welcher Perspektiven für die Zukunft erkennen lässt. Dabei muss freilich klar sein, dass es eine "objektive" Sicht der Geschichte nicht gibt, nicht geben kann. In ihr spiegelt sich, worauf etwa der Philosoph Rudolf Burger hingewiesen hat, immer das leitende Erkennntnisinteresse des jeweiligen Betrachters wider.

Keine Phantomschmerzen

Wo also steht, was ist dieses Österreich heute? Vielfach wird in jüngerer Zeit vor einer Wiederkehr des (Un-)Geistes der Zwischenkriegszeit gewarnt: Wie damals sei das gemeinsame Ganze von Polarisierung, Spaltung, Lagerbildung bedroht. Richtig ist, dass man sich nie allzu sehr in Sicherheit wiegen soll, vor einem Rückfall in die Barbarei nie restlos gefeit ist. Dennoch sind entsprechende Analogien fehl am Platz: Not und Elend der Dreißigerjahre sind in keiner Weise mit prekären Lebensverhältnissen unserer Tage zu vergleichen. Freiheit, Sicherheit und Wohlstand haben -nehmt alles nur in allem -ein nie gekanntes, nie auch nur vorstellbares Niveau erreicht. Auch identitätspolitisch betrachtet haben sich die Dinge völlig gewandelt: Österreich leidet, anders als damals, nicht unter den Phantomschmerzen verloren gegangener Größe, es laboriert in Bezug auf Deutschland weder an einem "Ausschluss-" noch an einem "Anschlusstrauma" (© Burger).

europäische Verankerung

Das Land ist heute grosso modo mit sich im Reinen -und dies ganz wesentlich auch mit Blick auf die und als Teil der EU. Dabei darf freilich eine gewissen Entfremdung gegenüber der Union, die in den letzten Jahren sich verschärfende Kritik an ihr nicht übersehen werden. Daran ist indes nicht, wie oft suggeriert wird, in erster Linie der Rückfall in dumpfen Provinzialismus oder Nationalismus schuld (solches gibt es in einem bestimmten Ausmaß zu jeder Zeit), sondern mancherlei Fehlentwicklung der Union selbst: von einem faszinierenden Projekt der Freiheit und des Friedens hin zu nivellierender Bevormundung.

Vor diesem Hintergrund zählt es zu den ganz klaren Pluspunkten von Bundeskanzler Kurz, wiederholt vor einer moralischen Überdehnung der EU insbesondere gegenüber den osteuropäischen Mitgliedsländern gewarnt zu haben: "Ich glaube nicht, dass es sinnvoll wäre, in Europa eine zusätzliche neue Partei der moralisch nicht ebenbürtigen und eigentlich ungewollten Osteuropäer zu bilden", sagte er etwa jüngst in seinem FAS-Interview. Das wäre in der Tat der nächste schwere Fehler, nachdem man schon den Briten die Mitgliedschaft verleidet hat (wenngleich natürlich London mitschuldig am Brexit ist).

Österreich jedenfalls hat 100 Jahre nach der Republiksgründung allen Grund zur Zuversicht. Zu wünschen ist dem Land ein gesundes Maß an Selbstbewusstsein, jenseits von Depression und Größenwahn, in die es immer wieder zu kippen droht.

rudolf.mitloehner@furche.at |

Am vergangenen Sonntag gedachte die Bundesversammlung (National-und Bundesrat) in einer Festsitzung im ehemaligen Niederösterreichischen Landhaus der konstituierenden Sitzung der "Provisorischen Nationalversammlung für Deutschösterreich" an eben jenem Ort vor 100 Jahren. "100 Jahre Republik" also gilt es zu feiern -und der bevorstehende Nationalfeiertag wird im heurigen Gedenkjahr nochmals in besonderer Weise Anlass bieten, historische Bögen zu spannen: vom "Staat, den keiner wollte" zur "Erfolgsstory" der Zweiten Republik -so lautet jedenfalls das gängige Narrativ, das freilich immer wieder kritischer Brechung bedarf.

Im Kern ist freilich richtig, dass die Republik Österreich erst ab 1945, nach NS-Diktatur und Kriegsverheerungen, in einem langen, mühevollen und vielfach auch schmerzlichen Prozess gleichsam zu sich selbst gefunden hat.

Sinn und Zweck historischer Rückschau -insbesondere in Gedenkjahren - kann nur eine Selbstvergewisserung sein, der Versuch einer Standortbestimmung in der Gegenwart, welcher Perspektiven für die Zukunft erkennen lässt. Dabei muss freilich klar sein, dass es eine "objektive" Sicht der Geschichte nicht gibt, nicht geben kann. In ihr spiegelt sich, worauf etwa der Philosoph Rudolf Burger hingewiesen hat, immer das leitende Erkennntnisinteresse des jeweiligen Betrachters wider.

Keine Phantomschmerzen

Wo also steht, was ist dieses Österreich heute? Vielfach wird in jüngerer Zeit vor einer Wiederkehr des (Un-)Geistes der Zwischenkriegszeit gewarnt: Wie damals sei das gemeinsame Ganze von Polarisierung, Spaltung, Lagerbildung bedroht. Richtig ist, dass man sich nie allzu sehr in Sicherheit wiegen soll, vor einem Rückfall in die Barbarei nie restlos gefeit ist. Dennoch sind entsprechende Analogien fehl am Platz: Not und Elend der Dreißigerjahre sind in keiner Weise mit prekären Lebensverhältnissen unserer Tage zu vergleichen. Freiheit, Sicherheit und Wohlstand haben -nehmt alles nur in allem -ein nie gekanntes, nie auch nur vorstellbares Niveau erreicht. Auch identitätspolitisch betrachtet haben sich die Dinge völlig gewandelt: Österreich leidet, anders als damals, nicht unter den Phantomschmerzen verloren gegangener Größe, es laboriert in Bezug auf Deutschland weder an einem "Ausschluss-" noch an einem "Anschlusstrauma" (© Burger).

europäische Verankerung

Das Land ist heute grosso modo mit sich im Reinen -und dies ganz wesentlich auch mit Blick auf die und als Teil der EU. Dabei darf freilich eine gewissen Entfremdung gegenüber der Union, die in den letzten Jahren sich verschärfende Kritik an ihr nicht übersehen werden. Daran ist indes nicht, wie oft suggeriert wird, in erster Linie der Rückfall in dumpfen Provinzialismus oder Nationalismus schuld (solches gibt es in einem bestimmten Ausmaß zu jeder Zeit), sondern mancherlei Fehlentwicklung der Union selbst: von einem faszinierenden Projekt der Freiheit und des Friedens hin zu nivellierender Bevormundung.

Vor diesem Hintergrund zählt es zu den ganz klaren Pluspunkten von Bundeskanzler Kurz, wiederholt vor einer moralischen Überdehnung der EU insbesondere gegenüber den osteuropäischen Mitgliedsländern gewarnt zu haben: "Ich glaube nicht, dass es sinnvoll wäre, in Europa eine zusätzliche neue Partei der moralisch nicht ebenbürtigen und eigentlich ungewollten Osteuropäer zu bilden", sagte er etwa jüngst in seinem FAS-Interview. Das wäre in der Tat der nächste schwere Fehler, nachdem man schon den Briten die Mitgliedschaft verleidet hat (wenngleich natürlich London mitschuldig am Brexit ist).

Österreich jedenfalls hat 100 Jahre nach der Republiksgründung allen Grund zur Zuversicht. Zu wünschen ist dem Land ein gesundes Maß an Selbstbewusstsein, jenseits von Depression und Größenwahn, in die es immer wieder zu kippen droht.

rudolf.mitloehner@furche.at |