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Feuilleton

Theoretiker des kommunikativen Handelns

1945 1960 1980 2000 2020

Seit den 1950er-Jahren beschäftigt sich Jürgen Habermas mit den Möglichkeiten eines vernünftigen kommunikativen Umgangs miteinander. Am 18. Juni feiert der Philosoph seinen 85. Geburtstag.

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Seit den 1950er-Jahren beschäftigt sich Jürgen Habermas mit den Möglichkeiten eines vernünftigen kommunikativen Umgangs miteinander. Am 18. Juni feiert der Philosoph seinen 85. Geburtstag.

"Jürgen Habermas ist das leuchtende Beispiel eines Mannes, der die Rolle des Bürgers und die des Philosophen in überragender Weise vereint." So charakterisiert der kanadische Philosoph Charles Taylor seinen Kollegen, der sich in seinem gesamten Lebenswerk als "öffentlicher Intellektueller" verstand.

"Öffentlichkeit -als Raum des vernünftigen kommunikativen Umgangs miteinander -ist das Thema, das mich ein Leben lang beschäftigt hat", bekannte Jürgen Habermas. Er verfolgt dieses Projekt seit dem Beginn seiner intellektuellen Karriere, die in den 1950er-Jahren am Institut für Sozialforschung in Frankfurt am Main begann. Die kommunikative Vernunft ist für ihn die Grundlage jeder funktionierenden Gesellschaft. Sie ist das Mittel, Macht und Gewalt zu domestizieren. Solange wir uns am "herrschaftsfreien Diskurs der Kommunikationsgemeinschaft" beteiligen -so lautet das Postulat von Habermas - ist ein vernünftiges Zusammenleben der Menschen möglich. Misslingt die kommunikative Vernunft, werden Gewalt, Willkür und Intoleranz zu bestimmenden Handlungsmustern, wie es die Beispiele der verschiedenen Fundamentalismen deutlich zeigen.

Habermas versteht sich, die Tradition der französischen Aufklärung aufnehmend, als "prototypischer politischer Alarmist", der zu politischen und gesellschaftlichen Debatten pointierte Kommentare abgibt. So bezeichnete er die durch den Bankencrash hervorgerufene Finanzkrise als "eine himmelschreiende soziale Ungerechtigkeit, die darin besteht, dass die Kosten des Systemversagens die verletzbarsten sozialen Gruppen betreffen" und reflektierte über das zukünftige Schicksal des europäischen Staatenbundes.

Kultur des besseren Arguments

Geboren am 18. Juni 1929 in Düsseldorf wuchs Jürgen Habermas wohlbehütet in einem konservativen Elternhaus auf. Seine Kindheit war von frühem Leid geprägt; er litt seit Geburt an einer Gaumenspalte, die eine starke sprachliche Behinderung mit sich brachte, die ihn während der Schulzeit zu einem Objekt des Spottes machte. Ausdrücklich betont Habermas die Bedeutung dieser Behinderung: Aus der Erfahrung von Kommunikationsschwierigkeiten und Kränkungen wegen seiner Behinderung sei seine Obsession für die sprachliche Kommunikation entstanden. Hier tauchte erstmals das Gefühl der Empörung gegen argumentative Stärke auf, die den Schwächeren demütigt und verletzt.

Nach dem Abitur studierte Habermas Philosophie, Literatur, Geschichte und Ökonomie und arbeitete nach seiner Promotion als freier Journalist und lernte Theodor W. Adorno kennen, der ihn an das Frankfurter Institut für Sozialforschung vermittelte. In diesen Jahren vertiefte er sich in das Studium des Marxismus, was das Missfallen von Max Horkheimer erregte. Er veranlasste Habermas, sich bei Wolfgang Abendroth in Marburg mit der Arbeit "Strukturwandel der Öffentlichkeit" zu habilitieren. Das Werk gilt heute als ein Klassiker der Soziologie, in der Habermas bereits das Grundmodell seiner Theorie entfaltete. Mit Sympathie skizzierte er die bürgerliche Öffentlichkeit, wie sie in Salons oder Kaffeehäusern anzutreffen war. Dort kam es zu einem Gedankenaustausch von gebildeten Bürgern über Literatur und Kunst; ausschlaggebend war die Kultur des besseren Arguments, die Habermas als vorbildlich für die menschliche Kommunikation darstellte.

Eine alternative Öffentlichkeit herzustellen, die den herrschenden Zeitgeist der kapitalistischen Konsumgesellschaft demaskiert, war die Intention der revoltierenden Studenten der 68er-Bewegung, die Habermas vorerst mit großer Sympathie unterstützte.

Regeln der Verständigung

Bald aber wandte er sich gegen die wachsende Radikalisierung der Studenten, die sich in Aufrufen zur symbolischen Gewalt artikulierte. Er sah darin "eine Taktik der Scheinrevolution" und er prägte den Begriff "linker Faschismus", der das Ende der Diskussion mit der radikalen Linken bedeutete.

Als Reaktion auf die enttäuschenden Erfahrungen mit der Studentenbewegung zog sich Habermas zurück und gründete gemeinsam mit Carl Friedrich von Weizsäcker das Starnberger Institut zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlichtechnischen Welt. Dieses Institut bot ihm die Gelegenheit, marxistische Positionen zu überdenken. Im Zentrum stand nun die sprachtheoretische Grundlegung der Sozialphilosophie, die von Ludwig Wittgensteins Sprachspieltheorie und dem Linguistic Turn der angelsächsischen Philosophie ausging. Das Resultat dieser Reflexionen ist das Buch "Theorie des kommunikativen Handelns", in dem er versucht, "das Regelsystem, nach dem wir die Situation möglicher Rede überhaupt hervorbringen, nachzukonstruieren." Die Verständigung mit anderen erfolgt immer und automatisch nach Regeln, die durch die sogenannte Lebenswelt festgelegt werden, in die der Mensch seit Geburt eingebunden ist. Diese ursprünglich vitale Lebenswelt unterliegt in der kapitalistischen Gesellschaft einer wachsenden Kolonialisierung durch die verschiedenen zweckrationalen Systeme wie Technologisierung und Profitmaximierung. Hier dominiert das strategische, erfolgsorientierte Handeln, das der Durchsetzung egoistischer Interessen dient -das, mit Immanuel Kant zu sprechen, den anderen als Mittel benützt.

Habermas ruft nun zu einer radikalen Wende auf: An die Stelle des strategischen Handelns soll das kommunikative Handeln treten, das durch die herrschaftsfreie, wechselseitige Anerkennung die Sphäre einer nicht entfremdeten Kommunikation -"die ideale Sprechsituation" begründen soll. Die "ideale Sprechsituation" ist an verschiedene Bedingungen der Chancengleichheit geknüpft, die gewährleisten, dass sich nicht das Argument des Stärkeren oder Eloquenteren durchsetzt. Diese Bedingungen werden in der Nachfolge Immanuel Kants als Regulative angesehen, die so in der konkreten Kommunikation niemals anzutreffen sind. Habermas' Bezeichnung dafür lautet "kontrafaktisch". Obwohl nicht real existierend, muss das Kontrafaktische vorausgesetzt werden, um auf den defizienten Ist-Zustand einwirken zu können.

Interpretation der Religion

Eine für die intellektuelle Biografie von Habermas ungewöhnliche Facette stellt seine Interpretation der Religion dar. Der von Karl Marx als "Opium des Volks" bezeichneten Religion gesteht Habermas nunmehr zu, "ein Bewusstsein von dem zu haben, was gesellschaftlich fehlt", nämlich "die Sensibilität für ein verfehltes Leben und die Deformation entstellter Lebenszusammenhänge". Er spricht auch von der "Aura des Entzückens und Erschreckens, die vom Sakralen ausgehen". Angesichts der "entgleisenden Moderne" könnte die Religion im postsäkularen Zeitalter Sinnstiftung und moralische Orientierung anbieten.

Hiermit revidiert Habermas eine Einsicht, die er noch in der "Theorie des kommunikativen Handelns" vertrat: Da hatte er noch gedacht, dass die Funktion der Religion, Solidarität innerhalb einer Gesellschaft zu schaffen, besser durch die kommunikative Vernunft geleistet werden sollte: "Die Autorität des Heiligen wird sukzessive durch die Autorität eines für begründet gehaltenen Konsenses ersetzt werden", verkündete er noch voll Optimismus. Hingegen empfahl er für ein post-säkularisiertes Zeitalter eine "Dialektik der Aufklärung", die er als komplementären Lernprozess anlegt: Religiöse Gemeinschaften und säkulare Gesellschaften sollten lernen, einander gegenseitig anzuerkennen.