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Der „König von Mitteleuropa“

Nicht nur in Polen wird der Tod des dissidenten Philosophen Leszek KolDakowski betrauert. Der Medienstar mit den Qualitäten eines Volkstribuns machte früh auf sich aufmerksam: Als 30-jähriger Marxist richtete er sich vehement gegen den Geschichtsdeterminismus, im Laufe der Zeit setzte er sich immer wieder kritisch mit Theologie und Kirche auseinander.

Das hätte Leszek KolDakowski gefallen: Kaum zwei Wochen nach seinem Tod in Oxford, wo er seit fast vierzig Jahren gelebt und gelehrt hatte, segnete in diesem Sommer auch die letzte Kommunistische Partei Europas in ihrer regierungsamtlichen Form das Zeitliche. Im kleinsten und ärmsten Land des Kontinents, in der Republik Moldawien, verloren die Kommunisten Ende Juli mit ihrem Namen auch die Alleinherrschaft über vier Millionen Menschen und beendeten damit das einflussreichste Kapitel der Ideologiegeschichte des 20. Jahrhunderts dort, wo es sich einst am wirkungsmächtigsten ausgebreitet hatte: auf europäischem Boden.

Auch dies hätte Leszek KolDakowski gefallen: In seiner Heimat Polen nehmen die Würdigungen und emotionalen Gedenkappelle für ihn, dessen Leichnam von einer Maschine der polnischen Luftwaffe nach Warschau überstellt und Anfang August auf dem Militärfriedhof Powazki mit dem Pomp eines Staatsbegräbnisses beigesetzt wurde, kein Ende. „Polen in Trauer“ hatte die Gazeta Wyborcza ihren Nachruf betitelt und KolDakowski posthum zum „König von Mitteleuropa“ gekrönt – er hatte den Begriff einst miterfunden. Landesweit erscheinen weiterhin Sonderbeilagen in Zeitungen, Porträts, Erinnerungen, Ausschnitte aus Fernsehsendungen mit dem Philosophen: In Polen galt Leszek KolDakowski als Medienstar mit den Qualitäten eines Volkstribuns, dem die Nation eifrig ihr Ohr lieh.

Leben trotz Geschichte

Populär war der Philosoph in seiner Heimat schon mehr als ein halbes Jahrhundert zuvor: Er hatte sich als 30-jähriger Marxist 1957 in der Warschauer Zeitschrift Nowa Kultura in dem viel beachteten Aufsatz „Verantwortung und Geschichte“ vehement gegen den als Wissenschaft gelehrten und real praktizierten Geschichtsdeterminismus weltanschaulicher Prägung aufgelehnt. Damit hatte er, damals selbst Mitglied der kommunistischen Partei, an einer der bresthaftesten Säulen des Marxismus, dem historischen Materialismus, gerüttelt. Was er dagegensetzte, wurde später zum geflügelten Wort einer Aufbruchsstimmung nicht nur im Osten: Leben trotz Geschichte.

Tatsächlich war die Rolle, die dieser dissidente Denker in der Verfallsgeschichte des europäischen Kommunismus eingenommen hat, ungleich bedeutender als sein Stellenwert in der Historie der europäischen Philosophie. KolDakowski, den die polnischen Kommunisten 1966 aus der Partei ausgeschlossen, 1968 aus seiner Heimat vertrieben und bis zur Wende von 1989 mit einem Einreiseverbot belegt hatten, konnte für sich in Anspruch nehmen, mit seiner dreibändigen ideengeschichtlichen Generalabrechnung mit den „Hauptströmungen des Marxismus“ in den siebziger Jahren auch deren Versiegen eingeleitet zu haben.

Was hat er nicht für einen Wirbelsturm ausgelöst in den ideologischen Debatten vor drei, vier Jahrzehnten! Und wie entrückt erscheint einem dieses hartköpfige Gezerre um ein widerspruchsfreies Lebensmodell entweder im Gefängnis (Kommunismus) oder in der Wettkampfarena (Kapitalismus) angesichts der lauen Pragmatik heutiger Verteilungskämpfe. Am schlagkräftigsten wird die damalige orthodoxe Erstarrung wohl durch die Episode von 1970 illustriert, als Jürgen Habermas in Frankfurt KolDakowski für die Nachfolge Adornos auf dessen Lehrstuhl vorgeschlagen und die Fachschaft des Philosophischen Seminars diesen Plan unter dem zustimmenden Gejohle der Studenten wegen „mangelnder marxistischer Linientreue“ des Kandidaten vereitelt hatte.

Erfahrungen mit Linientreue hatte der Kandidat allerdings bereits zuhauf. Kommunist war der 1927 in Radom geborene Student Leszek KolDakowski einst aufgrund seiner lebensgeschichtlichen Erfahrungen geworden: Der Zwölfjährige hatte die deutsche Besetzung Polens und dessen Teilung zwischen Hitler und Stalin erlebt – und die Ermordung seines sozialistischen Vaters durch die Gestapo. Den Einmarsch der Roten Armee musste er als Befreiung empfinden – den Einfluss der Kirche im katholischen Polen hingegen als finstere Reaktion. Dennoch ließ ihn neben der Philosophie die christliche Theologie nicht los – zunächst nur als Schulbeispiel für die Macht religiöser Verführung. Was ihn fesselte, war die Geschichte der Religion als Vehikel politischer Interessen. Hier fand er die Analogien zur Dogmatik des Marxismus – und schärfte seinen Widerspruchsgeist. Er verbiss sich in polemische Auseinandersetzungen mit den Lehren der Kirchenväter von Augustinus bis Thomas von Aquin und in die Widerlegung religiöser Dogmen: Der KolDakowski von damals war ein Apostat und Ketzer, obschon zeitlebens ungetauft.

Indes, Kirchengeschichte und Katholizismus ließen den rebellischen Polen nicht los. Nach „Christen ohne Kirche“, einer Historie der Glaubenskrisen des 17. Jahrhunderts, wandte er sich in den sechziger Jahren, noch als Philosophieprofessor in Warschau, in einer heftig befehdeten Studie der „Gegenwärtigkeit des Mythos“ zu – und damit endgültig von der materialistischen Weltsicht ab.

Die Spannung zwischen religiösem Glauben und wissenschaftlicher Skepsis hatte er schon früh, 1959, in dem Gegensatzpaar „Der Priester und der Narr“ beschrieben. Dort hieß es: „Wir treten für die Philosophie des Narren ein, also für die Haltung der negativen Wachsamkeit gegenüber jedem Absoluten.“ Der spätere Revisionist näherte sich mit seinem kritischen Rationalismus immer mehr dem Popper’schen Denkmodell. In seinen souverän zwischen Widersprüchen und Paradoxien tänzelnden Essays legte er stets eine verblüffend abgezirkelte stilistische Polonaise aufs geistige Parkett. So heißt es in dem Aufsatz „Über die sogenannte Entfremdung“: „Das Wort ‚Entfremdung‘ soll eine Suggestion einblasen, dass wir, die es gebrauchen, eine fertige globale Lösung für alle menschlichen Schwierigkeiten in der Hand halten, während eine solche Lösung weder existiert noch je existieren wird. So hilft uns dieses Wort vor allem, das Denken loszuwerden und es durch eine vage Phrase zu ersetzen.“

„… des geistigen Grundes beraubt“

Zuweilen geriet er mit seinen rabulistisch formulierten Interventionen auch ins theologisch Schwankende, philosophisch Verquere. So ließ er beispielsweise in einer rhetorisch überaus gefinkelten Brandrede den Teufel in einer „Pressekonferenz“ mit religiöser Inbrunst über den schwindenden Glauben der Christen an das Böse wettern – und unterschlug dabei schlaumeierisch die logische Inkonsequenz, dass der Agent des Destruktiven per se kein Interesse an Verbesserungsvorschlägen für die Glaubensfestigkeit seiner prospektiven Klientel haben kann. Indessen: Als KolDakowski in Teufels Namen den Katholiken ins Gewissen redete, am Glauben an die Existenz des genuin Bösen festzuhalten, war von den Verheerungen des internationalen Terrorismus noch gar nichts zu verspüren.

In Oxford, am altehrwürdigen All Souls College, eröffnete sich dem Philosophen mit dem gläsernen Stock der grüne Rasen des englischen Liberalismus, dessen „Nützlichkeitsdenken“ ihm gleichwohl Unbehagen bereitete. Darin sah er einen Hochmut walten, der sich blind zeigt gegenüber der Tiefe des metaphysischen Begehrens: „Heute fürchten wir nicht mehr den Kommunismus, wir fürchten etwas Unbestimmtes, da wir uns des geistigen Grundes beraubt haben, auf dem sich das Vertrauen des Lebens bildet. Dieses verlorene Vertrauen wird durch eine unklare Furcht ersetzt.“

Narr und Priester – das Gegensatzpaar offenbarte die innere Antinomie KolDakowskis, der sich sommersüber in Castel Gandolfo, im Beraterstab des polnischen Papstes Johannes Paul II. wiederfand. Ungeteilt blieb sein Kampfgeist für eine „Güte ohne Nachsicht, für Mut ohne Fanatismus, für Intelligenz ohne Verzweiflung und Hoffnung ohne Verblendung“. Und sein leidenschaftliches Plädoyer für die ungeteilte Würde aller Menschen sowie für eine nicht bloß individuelle, sondern sozial verbindliche Freiheit. Es ist ein Plädoyer, das wie sein Vermächtnis nachhallt: „Leider gibt es keinen Moment, und wahrscheinlich wird es nie in der Geschichte einen geben, wo die Freiheit nicht gefährdet ist. Sie ist immer bedroht, sie muss immer verteidigt werden. Die Trägheit des gesellschaftlichen Lebens neigt zum Despotismus, sinkt in diese Richtung herab, wenn die Sache der Freiheit für eine Weile sorglos als verbürgt gilt.“

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