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Digital In Arbeit

Nicht jede Arbeit macht Freude

1945 1960 1980 2000 2020

Viele Fehlentwicklungen in der modernen Industriegesellschaft sagen uns: Wir sind auf falscher Fährte. Eine Neuorientierung verlangt behutsame politische und soziale Reformen, die nur durch „Versuch und Irrtum” ermittelt werden können.

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Viele Fehlentwicklungen in der modernen Industriegesellschaft sagen uns: Wir sind auf falscher Fährte. Eine Neuorientierung verlangt behutsame politische und soziale Reformen, die nur durch „Versuch und Irrtum” ermittelt werden können.

Der Umbau der heutigen Erwerbsgesellschaft zu einer „nicht auf Arbeit zentrierten Tätigkeitsgesellschaft” mit Ideen wie einem von Leistung unabhängigen „Existenz” oder „Bürgergeld” mag vielen Menschen als irreal erscheinen. Nicht weniger utopisch ist allerdings die Annahme, daß der bisherige Weg der modernen Industriegesellschaft fortgesetzt werden kann, der im Wirtschaftswachstum den alleinigen Schlüssel zur Lösung aller Probleme sieht.

Die steigende strukturelle Arbeitslosigkeit ist aber nur ein - allerdings besonders beunruhigendes - Zeichen, daß etwas nicht stimmt. Unübersehbar ist zugleich, daß eine stete, globale materielle Wohlstandsvermehrung unter voller Ausnützung der modernen Technik ohne Rücksicht auf die Beschaffenheit des Menschen und die Erfordernisse der Natur unsere Zivilisation, ja selbst die Existenz des menschlichen Lebens gefährdet. Wir befinden uns auf falscher Fährte und wir wissen es: Das sagen Wissenschaftler, die schwer abschätzbare, doch deutlich erkennbare Gefahren der modernen Industriegesellschaft -wenn auch zu oft in widersprüchlichen Aussagen - aufzeigen. Das machen Künstler deutlich, die Ängste und Orientierungslosigkeit unserer Zeit in vielfach hilflosem Protest zum Ausdruck bringen. Das wissen auch führende Persönlichkeiten der Wirtschaft, die vor dem drohenden Kollaps warnen. Das empfinden letzten Endes in immer stärkerem Maße viele Menschen jeglichen Alters unabhängig von Bildung, Interessen und Lebensumständen. Doch in unserem Verhalten nehmen wir das nicht zur Kenntnis - weder in der Gemeinschaft, noch als Individuum.

Dies ist nicht, wie so oft behauptet wird, die Schuld der Marktwirtschaft, die angeblich Habsucht und Konkurrenzneid fördert (als ob es diese Eigenschaften nicht ebenso im Feudalismus oder Staatskapitalismus gegeben hätte). Es liegt auch nicht an dummen oder verantwortungslosen Politikern. Die Ursachen der Fehlentwicklung sind vielmehr in der menschlichen Psyche zu suchen: Wir nehmen unerwünschte Entwicklungen, insbesondere auch Gefahren, umso weniger zur Kenntnis, je weiter sie in der Zukunft liegen. Viele Menschen tendieren dazu, eine mögliche Wurzelbehandlung in vielleicht drei

Monaten in Kauf zu nehmen, wenn eine Zahnplombe heute vermieden werden kann. Diese Eigenschaft darf nicht nur ■negativ bewertet werden. Sie hatte durch Jahrtausende eine lebenserhaltende Funktion. Im Kampf ums tägliche Uberleben mußten Prioritäten gesetzt werden: Das zeitlich Naheliegende kam zuerst. Sicherlich waren Vorausblick und Vorsorge stets von großer Bedeutung. Doch der zu überschauende

Zeitraum war noch vor wenigen Jahrzehnten sehr klein. Für die meisten war er mit Saat und Ernte begrenzt.

Vieles spricht dafür, daß unsere Denkweisen auf solche, in tausend Generationen gewonnenen Erfahrungen zurückzuführen sind und im Selektionsprozeß bestätigt wurden. Heute ist diese Haltung angesichts der überaus raschen Abfolge des Geschehens überholtund schädlich. Denn einerseits treten die Folgen eines Fehlverhaltens viel rascher ein, andererseits sind sie unvorhersehbarer. Sie erfordern ein frühzeitiges Handeln, ohne Kenntnis aller notwendigen Entscheidungsgrundlagen.

Der Mensch glaubt auch, sich ohne Schaden über Regeln hinwegsetzen zu können, soferne sich nur die anderen daran halten. Dieser Trugschluß wird in der Soziologie gerne mit dem Beispiel von der Allmende veranschaulicht: Die fünfzig Bauern eines Ortes beschließen, daß jeder Hof eine Kuh auf die Gemeindewiese treiben darf, da diese gerade den Futterbedarf von fünfzig Rindern deckt. Wenn nun ein Landwirt auf die Idee kommt, eine zweite Kuh auf die Allmende zu bringen, werden die anderen Tiere deshalb nicht weniger satt. Sollten sich aber eine größere Anzahl oder gar alle Bauern über diese Vereinbarung hinwegsetzen, bricht das System zusammen. Genau dies geschieht heute in vielfältiger Form. Jetzt geht es aber nicht mehr um eine Gemeinde oder Talschaft, wo in der Regel ausreichende Kontrollmechanismen bestehen, um dem Mißbrauch mit angemessenen Mitteln rechtzeitig zu begegnen und den Schaden zu begrenzen.

Bei der strukturellen Massenarbeitslosigkeit ist wie bei der Vernichtung großer Teile des tropischen Regenwaldes zwecks Gewinnung von Ackerland oder Edelhölzern, bei der drohenden Ölpest durch Riesentanker oder der Gefährdung der lebensbewahrenden Ozonschicht durch

Treibgase weder ausreichende Kontrolle noch wirksame Schadensbegrenzung mit dem derzeit zur Anwendung kommenden politischen Instrumentarium möglich.,

Die Politiker, in einer parlamentarischen Demokratie dem Zwang der Stimmenmaximierung unterworfen, tragen diesen menschlichen Verhaltensweisen Rechnung. Sie wissen, daß eine jährliche Straßenbenützungsgebühr im bescheidenen Ausmaß einer einzigen Tankfüllung ihrer Partei bei der nächsten Wahl mehr schaden kann als Versäumnisse bei der Erstellung und der Realisierung notwendiger strategischer Konzepte.

Daraus ergeben sich zwei Konsequenzen:

Erstens müssen die drohenden Gefahren von nicht im politischen Tagesgeschehen verstrickten, kompetenten und glaubwürdigen Persönlichkeiten deutlich gemacht werden, damit für eine Änderung der beschriebenen Mentalität der Keim gelegt wird. Erst dann kann die in einer parlamentarischen Demokratie erforderliche Mehrheit für radikale Reformen wie etwa das Bürgergeld gewonnen werden. Dies ist gerade für unkonventionelle Denkanstöße von großer Bedeutung.

Diese Diskussion muß sich frühzeitig auch mit heiklen Themen befassen: Ein solches Tabu ist der obligatorische Sozialdienst für junge Männer und Frauen. Es ist eine Illusion zu glauben, daß jede Arbeit Freude macht. Es gibt immer Arbeit, die nicht gerne getan wird. Nur wenige Menschen sind bereit, sich etwa den schwierigen und immer größeren Anforderungen der Kranken- und Altersversorgung wie auch anderer sozialer Aufgaben aus reinem Idealismus zu stellen. Ein gesichertes Grundeinkommen würde den Anreiz, sich für diese Berufe zu entscheiden, noch mehr verringern. Es wäre zu billig, den Vorschlag einer obligatorischen Sozialarbeit mit dem Hinweis auf den nationalsozialistischen Beichsarbeits-dienst zu diffamieren. Gerade in einer Zeit, in der nicht wenige junge Menschen an Realitätsferne, Kommunikationsschwäche, Egoismus und Intoleranz leiden, kann eine Konfrontation mit den schweren Existenzbedingungen vieler Mitbürger für die Bewältigung des eigenen Lebens nur nützlich sein. Wer den Mut hat, für ein Bürgergeld einzutreten, sollte sich nicht abhalten lassen, auch Leistungen des Bürgers auf der Sollseite einzufordern. In Erinnerung an ein berühmtes Wort von John F. Kennedy wäre weniger zu fragen, was der Staat für uns tun könne als zu fragen, was wir für die Gemeinschaft tun könnten.

Zweitens muß der Umbau zwar konsequent, doch in kontrollierbaren Einzelschritten erfolgen. Die Komplexität unserer Gesellschaft führt zu nahezu totaler Unüberschaubarkeit der Folgen System verändernder Maßnahmen. Karl Popper warnt vor allzu grandiosen Versuchen. Er befürwortet vielmehr piecemeal social en-gineering, eine schrittweise Verwirklichung konkreter, politischer und sozialer Reformen. „Arbeite lieber für die Beseitigung konkreter Mißstände als für die Verwirklichung abstrakter Ideale.” Die von Klaus Firlei mit Recht als unabdingbare Voraussetzung eingeforderte Machbarkeit („Lösungen müssen mit der ökonomischen Leistungsfähigkeit in den Kernsektoren der Wirtschaft vereinbar sein” furche Nr.28/1996 ) läßt sich nicht am Reißbrett feststellen, sondern nur durch „Versuch und Irrtum” ermitteln.

Die Mahnung Karl Poppers bedeutet nicht, daß Konzepte, wie sie von Klaus Firlei, Matthias Mander und anderen zur Diskussion gestellt werden, a priori keine Verwirklichungschancen haben. Sie zeigen nach allem, was wir heute erkennen können, einen richtigen Weg. Sie sind Orientierungstafeln, die uns bei jeder politischen Entscheidung mit Augenmaß in die vorbestimmte Richtung führen sollen.

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