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Elite ist, wer die Gesellschaft lenkt

Viele Regierungschefs sind weniger elitär als Mark Zuckerberg, der heute 26-jährige Gründer von Facebook, wie der deutsche Soziologe Michael Hartmann von der TU Darmstadt erklärt.

Das Weltgeschehen sei vor allem von einer Wirtschaftselite bestimmt, deren Macht größer ist als jene von Funktionären in Justiz und Politik. Der Zugang zur Elite sei nur bedingt von Qualifikationen abhängig.

Die Furche: Die Österreichische Volkspartei beschwört den "Mut zur Elite“ bei der Förderung besonders begabter Schüler. Können Sie dieser Eliten-Definition beipflichten?

Michael Hartmann: Nein, dafür ist deren Anteil an der Bevölkerung zu groß. Selbst wenn man nur fünf Prozent als begabt oder anderweitig herausragend bezeichnet, sind es zu viele. Bei der Elite handelt es sich um eine kleine Gruppe. In Deutschland, bei über 80 Millionen Einwohnern, sind es vielleicht 4000 Leute, die man als Elite, und 1000, die man als Kernelite bezeichnen kann. In Österreich entsprechend weniger.

Die Furche: Und was zeichnet die Elite aus?

Hartmann: Diese Menschen müssen mit ihren Entscheidungen die gesellschaftliche Entwicklung maßgeblich beeinflussen.

Die Furche: Wenn wir 1000 Deutsche und vielleicht 100 Österreicher als Kernelite bezeichnen, wo finden wir die? Ihre Kanzlerin wird wohl dabei sein, aber wer noch?

Hartmann: Angela Merkel ist selbstverständlich dabei, aber in Deutschland sehe ich 200, vielleicht 250 große Unternehmen, aus denen man zumindest ein, zwei Führungspersönlichkeiten aus dem Vorstand einrechnen müsste. In Österreich sind es 25 bis 30, aber dann hätten wir die Hälfte bereits abgedeckt. Die Wirtschaftselite ist nämlich bei Weitem der wichtigste Teil jener Entscheidungsträger. Daneben gibt es natürlich noch Spitzenvertreter im Bereich Justiz, Verwaltung und Politik, die zu berücksichtigen sind.

Die Furche: Noch zur Schüler-Debatte: Kritiker meinen, dass die "Besten“ dann die Kinder reicher Familien wären. Eine "Herkunftselite“. Was sagen Sie dazu?

Hartmann: Die Chancen solcher Kinder sind sicherlich weit überdurchschnittlich. Eine reine Herkunftselite wird es aber nicht geben, schon gar nicht auf der Ebene der Schulen.

Die Furche: Hätten Absolventen solcher Begabten-Programme eine größere Chance, in die von Ihnen definierte Elite vorzustoßen?

Hartmann: Das schon. Eine hervorragende Leistung allein reicht aber nicht aus, auch die hohe Herkunft nicht. Weil der Vater in der Elite ist, muss das nicht auf den Sohn zutreffen. Die Ausnahme ist natürlich, wenn ein bedeutendes Familienunternehmen vererbt wird. Wenn etwa Red-Bull-Chef Dietrich Mateschitz sein Imperium vererbt und der Nachwuchs damit weiter erfolgreich ist, dann gehört der dazu. Es ist aber grundsätzlich nicht so, dass man über herausragende intellektuelle Fähigkeiten verfügen muss, um zur Elite zu gehören. In der Justiz gibt es zum Beispiel eine Reihe von Kriterien zur Beförderung, die nicht alle mit Intelligenz oder Leistung zu tun haben. In der Politik ist das noch offenkundiger. Überhaupt ist Leistung schwer zu messen, das sieht man in der Wirtschaft: Wenn ein Manager Glück hat, ist er eben in einem Segment tätig, das gut läuft. Ein gutes Beispiel ist Porsche: Die haben das Glück, dass ihre potenziellen Käufer seit Jahren unglaublich gut verdienen.

Die Furche: Gehen wir weg vom Nationalstaat: Gibt es eine Weltelite und würden da alle Regierungschefs dazugehören?

Hartmann: Wenn man sich fragt, wessen Entscheidungen über nationale Grenzen hinweg bedeutend sind, dann sind das sicher nicht alle Regierungschefs. Schauen Sie sich die Bedeutung des österreichischen Bundeskanzlers in der EU an. Der hat nicht mehr Gewicht als meinetwegen der dänische Regierungschef. Wenn aber die Briten, Franzosen oder Deutschen sich einbringen und auf globaler Ebene die Amerikaner, Russen, Chinesen oder Brasilianer, dann sieht es anders aus. Es gelten dieselben Kriterien: Wer hat so viel Macht, um die Entwicklung des Planeten zu beeinflussen?

Die Furche: Osama bin Laden hat mit 9/11 die Welt bewegt. Gehört er zur Elite?

Hartmann: Der würde eher dem klassischen Begriff der "Gegenelite“ zugeordnet, den ich aber nicht verwenden will, weil das zu diffus ist. Es gibt Personen, die einzelne Ereignisse stark beeinflussen. Das trifft auch auf Wissenschafter zu. Aber im Unterschied zur echten Elite ist das nicht strukturell durch Machtpositionen verankert.

Die Furche: Wie sieht es mit Mark Zuckerberg aus, dem Gründer von Facebook? Er beeinflusst potenziell 600 Millionen Menschen mit seinem Sozialen Netzwerk …

Hartmann: Sicher, weil er durch sein Unternehmen auch dauerhaft Einfluss nehmen kann.

Die Furche: Karl-Theodor zu Guttenberg musste seinen Doktortitel abgeben, schließlich trat er zurück. Stand er aufgrund seiner Herkunft unter besonderem Druck, auch in wissenschaftlicher Hinsicht zu glänzen, um der "Herkunfts-Elite“ gerecht zu werden?

Hartmann: Da steht sicher persönliche Eitelkeit im Vordergrund. Er hat sich ohnehin von "normalen“ Politikern unterschieden, das hätte bei Weitem gereicht. Schon sein Vater ist als Dirigent aus der Tradition ausgebrochen - da gab es keinen Druck.

* Das Gespräch führte Bernhard Madlener

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