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Religion

"So wäre alle Religion ihrem Wesen nach POETISCH"

1945 1960 1980 2000 2020

Friedrich Hölderlin (1770-1843) und seine unkonventionellen Reflexionen und Interpretationen über das Wesen der Religion.

1945 1960 1980 2000 2020

Friedrich Hölderlin (1770-1843) und seine unkonventionellen Reflexionen und Interpretationen über das Wesen der Religion.

Philosophische Reflexionen über den Stellenwert der Religion haben in der zeitgenössischen Gesellschaft Konjunktur. So wiesen Philosophen wie Jürgen Habermas und Charles Taylor darauf hin, dass die religiöse Dimension des Lebens zunehmend an Bedeutung gewonnen habe. Diese Wertschätzung der Religion ist umso erstaunlicher, da bis vor kurzem die Auffassung vorherrschte, dass der wissenschaftlichphilosophische Diskurs mit religiösen Überzeugungen aufgeräumt habe und der Säkularisierungsprozess in der europäischen Kulturgeschichte abgeschlossen sei. Dieser Prozess, der mit der europäischen Aufklärung begann -so lautete die Argumentation, habe das Ziel erreicht, den Menschen aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit zu befreien und somit dem Menschen ein authentisches Leben, das nach eigenen Vorstellungen gestaltet werden kann, zu ermöglichen.

Da dieses Insistieren auf unbedingte Säkularität nicht länger für die philosophische Auseinandersetzung mit der Religion bestimmend ist, eröffnen sich Perspektiven auf Diskurse, die sich mit dem Wesen der Religion beschäftigen. Paradigmatisch für solch eine unkonventionelle Interpretation sind die Reflexionen von Friedrich Hölderlin, die in seinem poetischen und theoretischen Werk vorzufinden sind. Den Ausgangspunkt bildet die Frage, ob eine Erfahrung des Transzendenten in einer Welt, in der das Individuum unter einer grundlegenden "transzendentalen Obdachlosigkeit" leidet, noch möglich sei.

Religion im Leben Hölderlins

Die Religion spielte in Hölderlins Leben und auch in seinen Dichtungen eine wesentliche Rolle. Er verfügte über eine exzellente theologische Ausbildung; deren dogmatische Elemente erlebte er jedoch als Einengung, "als Galeerendienst", der wenig mit der Sphäre des Numinosen, wie sie Hölderlin emphatisch beschwor, zu tun hatte. "Eins zu sein mit Allem, das ist das Leben der Gottheit, das ist der Himmel des Menschen", heißt es zu Beginn von Hölderlins Roman "Hyperion". Er sprach vom "absoluten Seyn","vom Unendlicheinigen", das sich der rationalen Annäherung entzieht. Dieser "Urgrund des Seyns" liegt vor der grundlegenden Differenz von Subjekt und Objekt, vor jener "Ur-Teilung", die für die Zerrissenheit der menschlichen Existenz verantwortlich ist. Sie generiert die rationale Annäherung an die phänomenale Welt, in der sich der Mensch - cartesianisch gesprochen -"zum Herrn und Meister der Natur" aufschwingt, die Hölderlins Romangestalt Hyperion emphatisch beklagt: "Ach! Wäre ich nie in eure Schulen gegangen. Ich bin bei euch so recht vernünftig geworden, habe gründlich mich unterscheiden gelernt von dem, was mich umgibt, bin nun vereinzelt in der schönen Welt, bin so ausgeworfen aus dem Garten der Natur, wo ich wuchs und blühte, und vertrockne an der Mittagssonne." Und in einem Brief an seinen Bruder schrieb Hölderlin, dass er den Gedanken nicht ertragen könne, "so kalt und all zu nüchtern und verschlossen zu werden."

Empfindsamkeit, Gefühl und Fantasie

Aber es existiert ein probates Mittel, schrieb Hölderlin, um der Geworfenheit in die "transzendentale Obdachlosigkeit" zu entrinnen. Es handelt sich um die Religion, die den Menschen eine Sphäre erschließt, die eine Transgression seiner Alltagswelt ermöglicht: "Die Religion lehrt ihn jene höhere Welt gerade da, wo er sie sucht und schaffen will, das heißt in seiner eigenen, und in der rings umgebenden Welt". Die Religion, die Hölderlin vorschwebt, hat nichts mit dem Dogmatismen herkömmlicher Religionen zu tun, die einen Kanon von Vorschriften festlegt, der das Leben der Menschen weitgehend reglementiert. Vielmehr ist es eine Religion, in der sich Empfindsamkeit, Gefühl und Fantasie verbinden, wie es schon der Theologe und Philosoph Friedrich Schleiermacher vorgeschlagen hatte. In seiner 1799 publizierten Schrift "Reden über die Religion an die Gebildeten unter ihren Verächtern" bestimmte er die Religion als das grundsätzliche, menschliche Vermögen, sich durch das Gefühl und die Anschauung zum Unendlichen zu verhalten. "Je stärker das Gefühl, desto stärker die Religion", notierte Schleiermacher. Die so verstandene Religion ermöglicht die Begegnung mit dem Numinosen im Alltagsleben: "Alles Einzelne als einen Teil des Ganzen, alles Beschränkte als eine Darstellung des Unendlichen hinnehmen, das ist Religion." Die Religion besteht laut Schleiermacher unabhängig von Metaphysik und Moral. Denn die Metaphysik "klassifiziert das Universum"; sie sucht nach Gründen, Gesetzen, nach letzten Ursachen und ewigen Wahrheiten; die Moral "entwickelt ein System von Pflichten" und dekretiert einen "Kodex von Gesetzen".

Schleiermacher hatte jedoch andere Vorstellungen von der Religion: "Das Anschauen des Universums, ich bitte befreundet Euch mit diesem Begriff, er ist der Angel meiner ganzen Rede, er ist die allgemeinste und höchste Formel der Religion, woraus Ihr jeden Ort in derselben finden könnt, woraus sich ihr Wesen und ihre Grenzen aufs Genaueste bestimmen lassen." Deutlich wird hier der Bruch mit der Vernunftreligion der Aufklärung, die auch Hölderlin ablehnte: "Ein Gott ist der Mensch, wenn er träumt, ein Bettler, wenn er nachdenkt." An die Stelle der Vernunft tritt die Poesie. "So wäre alle Religion ihrem Wesen nach poetisch", proklamierte Hölderlin.

Das ästhetische Gefühl für die Schönheit

Ulrich Gaier, der in Konstanz lebende Emeritus für Neuere Deutsche Literatur und Allgemeine Literaturwissenschaften, einer der besten Kenner von Hölderlins Werk, spricht von der Sakralisierung der Poesie, die sich bereits bei Klopstock findet, der die "heilige Poesie" erwähnt. In diesem Sinn bezeichnet Ulrich Gaier die späten Gesänge Hölderlins als "hymnische Begeisterung weckende Antizipationen einer Zeit, wenn die Menschen wieder eine gemeinsame Gottheit haben". Zur Poesie gehört auch das ästhetische Gefühl für die Schönheit; sie ist die Vermittlungsinstanz zwischen Gott, Natur und Mensch: "Es wird nur eine Schönheit sein und Menschheit und Natur werden sich vereinen in Eine allumfassende Gottheit". Diese allumfassende Gottheit ist eine gemeinschaftliche Gottheit, wie Hölderlin in dem Fragment "Über Religion" ausführte, das er 1797 verfasste. "Es ist das Bedürfnis der Menschen, ihre verschiedenen Vorstellungen vom Göttlichen sich einander zuzugesellen." Solch eine Sphäre wäre der Schauplatz einer freien Lebensweise, die nicht durch Vorschriften von dogmatischen Lehrmeinungen jeglicher religiöser, philosophischer oder ideologischer Provenienz eingeengt würde - ein "Reich Gottes","eine Revolution der Gesinnungen und Vorstellungsarten, die alles Bisherige schamrot machen wird".