Plastikmüll - © Foto: Mehrwegmesse
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Warum das Plastik-Recycling fehlgeleitet ist

Mit der Hitze wächst der Durst: Österreich geht auf seinen ersten Plastikflaschenpfand-Sommer zu. Die Idee war gut – doch es gibt noch viel Besseres.

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Suchen Sie sich mal in Ihrem Haushalt eine Plastikverpackung. Wir warten hier. Nicht weiterlesen! Okay, gut. Und nun schauen Sie, ob Sie irgendwo auf diesem Objekt das Recyclingsymbol finden. Das mit den drei Pfeilen. Haben Sie’s? Nein, haben Sie nicht. Was Sie vor sich sehen, ist nicht das Recyclingsymbol, auch wenn es fast genauso aussieht. Das Recyclingsymbol wurde 1970 von Gary Anderson in den USA kreiert. Es ging in die Public Domain über, aus der es 1988 von der „Society of the Plastics Industry“ sozusagen entführt wurde.

Das, was Sie vor sich sehen, ist das „Resin Identification Coding System“, geschaffen von der petrochemischen Industrie in den USA, um zu suggerieren, Recycling würde funktionieren. Dazu der ehemalige Präsident der Organisation, Larry Thomas: „Eine Öffentlichkeit, die glaubt, dass Recycling funktioniert, ist weniger besorgt wegen der Umwelt.“ Zugegebenermaßen wurde das Symbol 2013 offiziell durch ein simples Dreieck ersetzt. Formen für die Kunststoffverarbeitung sind aber nun mal sehr teuer, die ändert man nicht leichtfertig. Deshalb würden wir wetten, dass Sie immer noch die drei Pfeile vor sich haben.

Aufwallen der Umweltbewegung

Kunststoffrecycling haben sich damals in den 1970ern also nicht irgendwelche eingerauchten Hippies ausgedacht, sondern nüchtern kalkulierende Manager in den Vorstandsetagen der petrochemischen Industrie, deren Hauptsorge war, dass im ersten Aufwallen der Umweltbewegung Verbote von Plastikverpackungen auf den Tisch kommen könnten. Das hätte sich empfindlich auf die Wachstumsprognosen der Branche ausgewirkt. Seitdem verdoppelt sich die Plastikproduktion alle zehn bis 15 Jahre. Deswegen suggerierte man der Öffentlichkeit, dass mehr oder weniger ewiges Recycling von Kunststoffen funktionieren könnte. Tut’s aber nicht - zumindest nicht so, wie man es sich gern vorstellt. Das hat sehr viel damit zu tun, was Kunststoffe nun mal sind und wie sie als Roh- und Werkstoffe funktionieren. Und gerade darüber sagt das Symbol, das sie jetzt gerade hoffentlich kritischer als zuvor fixieren, doch einiges aus.

Kunststoffrecycling haben sich damals in den 70ern also nicht irgendwelche eingerauchten Hippies ausgedacht, sondern nüchtern kalkulierende Manager.

Innerhalb des Symbols werden Sie eine Zahl finden, oder ein Buchstabenkürzel. Welche Zahl haben Sie? Wenn die Zahl drei oder größer ist, können Sie das mit dem Recycling eigentlich gleich vergessen. Nur eins (PET) und zwei (HDPE) lassen sich wirklich ökonomisch wiederverwenden. Und das auch nur, wenn das Molekulargewicht passt. Höheres, wie bei Flaschen, ist wertvoll, niedrigeres weniger. Aus einer Flasche wird eine Flasche, aber aus PET-Tiefziehschalen (z. B. für Pralinen) wird höchstens ein Teppich oder Füllstoff für Autositze. Vielleicht noch eine neue Schale, aber in jedem Fall keine Flasche.

Beim mechanischen „Recycling“ - also Einschmelzen - kommt es nämlich immer zu Polymerdegeneration. Das heißt, die Polymerketten brechen auf (was ja überhaupt erst der Grund ist, dass sich Kunststoff so gut formen lässt) und werden dabei kürzer. Bei einigen Kunststoffen kann es auch zu „Crosslinking“ oder Oxidation kommen, das heißt, die Ketten verbinden sich unkontrolliert und verändern damit die Eigenschaften des Materials. Deshalb müssen frisches Material oder Additive beigemischt werden. Oder die Anforderungen an das Recyclat, also das durch Recycling gewonnene Material, werden runtergeschraubt. Das ist insbesondere bei Verpackungen ein Problem, wo Lebensmittelechtheit eine Rolle spielt.

Chemisches Recycling

Eine Alternative ist chemisches Recycling. Vereinfacht gesagt werden hierbei die Polymerketten wieder zerlegt, um neue zu basteln. Aber das geht nur mit erheblichem Energieaufwand. Bei einem großen deutschen Chemiekonzern sagt man, das sei schon ganz bald möglich. Auf die Diskussion über die Energiekosten wollte man sich aber nicht einlassen. Ein „endloses“ Recycling in gleichbleibend hoher Qualität ist also schlicht nicht möglich; mal ganz abgesehen von der Thermodynamik, die ohnehin jedes absolute „Re“ verbietet. Der „Kreis“, den die drei Pfeile im Dreieck suggerieren, schließt sich nicht. Er wird zu einer Abwärtsspirale oder einem weiteren Antriebsriemen des globalen Treibhauseffekts.

Bedingung für wenigstens ein paar Runden im Recyclingkarussel ist grundsätzlich Sortenreinheit. Wenn Sie eine Flasche gegriffen haben: Von dieser Flasche, die Sie da in der Hand halten, gibt es in Österreich noch ca. 1,6 Milliarden. Diese im Nachgang aus dem Müllberg wieder auszubuddeln ist schwierig und kostet Zeit, Wasser, Energie und damit Geld. Um eine bessere Logistik zu ermöglichen, ist das Einwegpfand daher eine gute Möglichkeit. Das heißt aber – und jetzt dürfen Sie stöhnen –, dass Sie in Ihrer Freizeit für die Recycling- und Kunststoffindustrie arbeiten, um deren Kosten niedrig zu halten, damit sich das Recycling überhaupt irgendwie rechnet. Die realen Recyclingraten von PET und HDPE (eins und zwei) lagen laut einem Bericht 2022 in Österreich übrigens bei gerade einmal 59 Prozent und 22 Prozent. Der Deckel ist höchstwahrscheinlich eine Nummer zwei. Deshalb macht es auch Sinn, dass er an der Flasche befestigt ist und Ihnen beim Trinken liebevoll durchs Gesicht streichelt.

Ein ,endloses’ Recycling in gleichbleibend hoher Qualität ist schlicht nicht möglich. Der ,Kreis’, den die drei Pfeile im Dreieck suggerieren, schließt sich nicht.

Aber warum das Ganze? Plastik ist nach 70 Jahren großzügigem Einsatz in der Verpackungsindustrie überall; das ist mittlerweile hinreichend bekannt. In Ihrem Essen, in Ihrem Trinkwasser, in Ihren Hoden (falls Sie welche haben). In jeder menschlichen Plazenta, die in einer Studie 2024 untersucht wurde. In Ihrem Gehirn hat sich möglicherweise - je nach Alter - genug Mikroplastik angesammelt, um daraus einen Löffel herzustellen. Das allgegenwärtige Mikroplastik bedeutet Umweltverschmutzung, Gefahren für fast jedes Lebewesen, die Nahrungskette, wirtschaftliche Schäden und externalisierte Kosten (die Sie und Ihre Nachkommen zahlen). Und es ist quasi unmöglich zu beseitigen. Hätten wir uns das nicht ersparen können? Ja, wenn wir uns nicht hätten einreden lassen, dass Plastik-Recycling eine gute Idee ist.

Lieber drauf verzichten, meinen jetzt viele, wo es nicht gebraucht wird, und Alternativen schaffen, wo es möglich ist. Das ging früher ja auch: Manche erinnern sich vielleicht noch daran, wie beim wöchentlichen Familieneinkauf auch gleich Mineralwasserkisten oder diverse zuckerhaltige Getränke neben der Bierkiste aus dem und in den Kofferraum gewuchtet wurden. Bei Bier hat sich daran ja nie etwas geändert. Und wo beides nicht geht? Darum kümmern, dass das Plastik jenen Anwendungen vorbehalten bleibt, wo es hingehört. Das wäre die einzig vernünftige Lösung; und das wissen wir seit den 1970ern.

Rolle der petrochemischen Industrie

Der Verzicht auf Kunststoffe ist nur eben nicht eine Individualentscheidung, sondern gesellschaftliche und politische Aufgabe. Schließlich leiden unter der Verschmutzung langfristig alle, auch wenn sie ganz verzichten (was in unserer Gesellschaft quasi nicht geht), während die Produzenten – auf deren Mist die ganze Idee gewachsen ist - bislang fein raus sind. Und das hat System; Recycling-System. Das „Center for Climate Integrity“ hat 2024 einen wünschenswert deutlichen Bericht vorgelegt, in dem die Rolle der petrochemischen Industrie seit den 1970er Jahren in der historischen Entscheidung, gegen das Verbot von Plastikverpackungen die Legende vom ökologisch und ökonomisch sinnvollen Recycling in Stellung zu bringen, aufgedeckt wurde. Noch perfider waren die Kampagnen derselben Unternehmen, in den Jahrzehnten zuvor die massenweise Verwendung von Kunststoffverpackungen überhaupt erst gesellschaftsfähig zu machen.

Polymere, Kunststoffe, Plastik. Wunderbare Materialien. Sie ermöglichen eine Vielzahl von Anwendungen und Designentscheidungen – schauen Sie doch das gerade wieder nostalgisch in Mode gekommene Design des „Space Age“ an – welche mit anderen Materialien nicht möglich wären. In Kugelstühlen aus Polymer sitzt es sich 2024 noch genauso spacig wie auf dem Set von Stanley Kubrick’s „2001: Odyssee im Weltraum“ von 1968, nur eben, wider Erwarten, nicht auf der majestätisch rotierenden Radstation im Erdorbit. Aber sehen Sie zu, dass sie ihn mindestens so lange behalten, bis er einmal aus der Mode und wieder in Mode gekommen ist. Erstens können Sie ihn dann teuer verkaufen, zweitens gibt es wenig, was in unserer Zeit so unmodisch ist, wie ein Plastikstuhl unter der Erde. Plastik ist ein vielseitiger, langlebiger und wertvoller Werkstoff. Wertvoll vor allem auch, weil es (meistens) aus Erdöl, dem endlichen Naturschatz, der unsere moderne Welt erst ermöglicht hat, gewonnen wird.

Im Gehirn hat sich möglicherweise - je nach Alter - genug Mikroplastik angesammelt, um daraus einen Löffel herzustellen.

Fakt

Der aktuelle Bericht „The Fraud of Advanced Recycling“ des „Center for Climate Integrity“ (Mai 2025) findet sich auf der Webseite der 2017 gegründeten Organisation, die basierend auf wissenschaftlicher und juristischer Expertise darauf abzielt, die Täuschungsmanöver der Fossil-Industrie aufzudecken.

Wenn wir aber jetzt schon nostalgisch auf die 1970er zurückblicken, wäre es an der Zeit, den damals gemachten Fehler zu korrigieren und Kunststoffe endlich auf jene Anwendungen zu beschränken, in denen ihre hervorragenden Eigenschaften sinnvoll zur Geltung kommen. Sinnvoll könnte in diesem Kontext heißen, dass wir die Materialien dort einsetzen, wo ihre Eigenschaften unverzichtbar sind. Dazu gehören technische und medizinische Anwendungen. Sterile Einwegprodukte, Implantate und Prothesen. Dazu gehören Mobilität und Elektronik, Isolierungen und Rohrsysteme im Bau. Dazu gehört vielleicht auch mal ein Stuhl, je nachdem. Dazu gehört aber fix nicht die massenhafte Verwendung als Verpackungsmaterial.

Mehrwegpfand als erster Schritt

Mehrwegpfand ist da vielleicht kein so schlechter erster Schritt, um das Bewusstsein der Öffentlichkeit aus dem Recyclingtraum zu erwecken, wenn der Diskurs nicht wieder von den Rechtspopulisten gekapert wird. In Italien setzt übrigens die Initiative CORIPET auf freiwilliges Sammeln von PET-Flaschen gegen Einkaufscoupons. Eine mediterran leichtfüßige Alternative gegenüber dem transalpinen Staatsinterventionismus. Zusätzlich müssten aber dieselben Produkte offen oder in umweltfreundlichen Verpackungen angeboten werden; denn sonst hat man ja keine echte Alternative. Am besten billiger und nicht teurer, schließlich kauft man den Kunststoff nicht mit. Auch hier gibt es bereits lobenswerte Initiativen im Einzelhandel. Und darüber hinaus müssen politische Entscheidungen folgen, die nicht nur die Kosteneinsparung der Recycling-Industrie auf die Konsumenten abwälzen, sondern die Verantwortung an jene zurückgeben, welche sie tragen sollten. Eine Steuer auf die Herstellung von neuem Plastik aus Erdöl würde nicht nur dazu beitragen, diesen wertvollen, endlichen Rohstoff für Anwendungen zu erhalten, wo er unverzichtbar ist, sondern würde auch die bereits existierenden Recyclate wirtschaftlich konkurrenzfähig machen. Beim Recycling ist tatsächlich noch Luft nach oben – nur in eine andere Richtung, als wir bisher unterwegs waren.

Ilja Steffelbauer ist studierter Historiker und arbeitet am Department für Wissens- und Kommunikationsmanagement der Donau-Uni Krems. Seine Schwerpunkte sind Transdisziplinarität und gesellschaftlicher Wandel.

Simon N. Hoefer ist gelernter Designer in Halle (Saale) und beschäftigt sich damit, wie sich Materialflüsse effizienter gestalten und Recyclingstrategien umsetzen lassen.

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