Die Morgendämmerung der Autopiloten

Die großen Automobil- und IT-Konzerne arbeiten am "PKW der Zukunft“: Fahrzeuge sollen künftig durch intelligente Software individuell auf die Konsumenten zugeschnitten werden. Und die Vision vom autonomen Fahren rückt in greifbare Nähe.

Glaubt man aktuellen Prognosen, dann steht die Automobilbranche vor einer radikalen Umwälzung: Die Entwicklung selbstfahrender Autos schreitet voran - und nährt damit Visionen einer völlig neuen Mobilität. Das "Auto der Zukunft“ jedenfalls ist derzeit in aller Munde. In den Worten von Dieter Zetsche, Vorstandsvorsitzender der Daimler AG, hört sich das so an: "Mercedes will eine wahrlich übermenschliche Fahrweise entwickeln“, sagte er anlässlich der Präsentation des neuen Konzeptautos F015 bei der internationalen Messe der Konsumgüterelektronik-Industrie (CES) in Las Vegas. "Ein solches Auto kann eigenständig fahren; hat Sitze, die sich zueinander drehen lassen, und verfügt über ein Computer-Hirn, das den Fußgängerverkehr im Auge behält.“

Völlig autonom fahrende Autos sollen nicht nur die Sicherheit erhöhen, indem sie das größte Unfallrisiko, den Mensch am Steuer, beseitigen. Sie versprechen auch den Fahrer für andere Tätigkeiten frei zu spielen: zum Beispiel am Computer zu arbeiten oder zu spielen, zu essen, zu lesen oder ein Nickerchen zu machen. Nicht nur für Pendler, die wöchentlich mehrere Stunden im Auto verbringen, ist das eine reizvolle Vorstellung - vorausgesetzt die autonomen Autos werden auch ökonomisch massentauglich umgesetzt. Das jedenfalls führen große Autokonzerne wie Volkswagen, Nissan oder Toyota, das IT-Unternehmen IBM oder der Internet-Konzern Google, der seit Jahren eine autonom fahrende Testflotte betreibt, im Schilde. Wie in Las Vegas zu hören war, widmet sich auch Ford der groß angelegten Suche nach neuen Verkehrslösungen, so auch der Frage, ob Fahrzeuge im Verkehr per Funk gesteuert werden können.

Das neue Konzeptauto orientiere sich am wahren Luxus der Zukunft, nämlich Zeit und Privatsphäre, betonte Daimler-Chef Zetsche: "Und es trägt dazu bei, den Traum von Freiheit und Mobilität weiter zu verwirklichen.“ Dieser Traum wird seit den Anfängen der Automobil-Entwicklung beschworen, als die ersten Benziner noch mit behäbigen Dampfkarossen die Straßen teilten. Das Auto wurde rasch zum "Leitfossil unserer Zeit“ (E. Stubin), zum Inbegriff moderner Technik und neuen Komforts, zum Symbol für die zunehmende "Herrschaft des Menschen über Zeit und Raum“ (W. Ruppert). Autonom fahrende Autos könnten künftig dazu beitragen, auch jenen, die gar nicht in der Lage sind, ein Fahrzeug zu steuern, neue Handlungsspielräume zu eröffnen, etwa für ältere oder behinderte Personen.

"Robo-Taxis“ und "Mitfahr-Apps“

Freilich gibt es bei der Einführung autonomer Fahrsysteme noch jede Menge Hürden zu nehmen: zum Beispiel die Frage der Haftung im Falle von Unfällen, aber auch bei Verstößen gegen die Verkehrsordnung. Hier sind schlüssige Antworten des Gesetzgebers gefragt. Aus technologischer Sicht jedenfalls sehen Experten keine ernsthaften Hindernisse, auch wenn bei den Sensoren, der Software, den Fahrer-Assistenzsystemen und der GPS-Navigation noch Verbesserungsbedarf verortet wird.

Bis zum Jahr 2035 könnten autonome Fahrzeuge bereits großflächig im Straßenverkehr zum Einsatz kommen, prognostiziert eine aktuelle Studie der "Boston Consulting Group“ (BCG), bei der Industrie-Experten und Verbraucher in den USA involviert waren. "Wir erwarten 2035 eine Penetration von 25 Prozent, was massive Implikationen auf Autos, Verkehr und Infrastruktur haben wird“, bemerkt BCG-Manager Nikolaus Lang. "Fahrzeuge werden sich künftig stark durch intelligente Software unterscheiden und können somit individuell auf den Konsumenten zugeschnitten werden.“ Bereits in den 2020er-Jahren könnten selbstständig fahrende Taxis in klar umgrenzten großstädtischen Verkehrszonen zum Einsatz kommen. Zudem soll das autonome Fahren den wachsenden Trend zum "Car-Sharing“ beschleunigen und dadurch die Zahl der PKWs vor allem in den Städten deutlich reduzieren. Simulationen in New York und Shanghai zeigen, wie Taxi-Fahrer Konkurrenz durch selbstfahrende "Robo-Taxis“ erhalten werden. "Das Taxi der Zukunft fährt elektrisch, autonom, und es wird geteilt“, sagt Susanne Schatzinger vom deutschen Fraunhofer-Institut für Anwendungs-orientierte Forschung und verweist auf "Mitfahr-Apps“, die melden sollen, wenn jemand in der Nähe den gleichen Weg hat.

Wie das Auto der Zukunft mit der Umwelt kommunizieren kann, wird ebenfalls am Fraunhofer-Institut untersucht: In einem Testfahrzeug soll Software die Emotionen des Fahrers nach außen tragen, indem LED-Lampen an den Scheinwerfern Augenbrauen simulieren und auf einem Display am Kühler einfache Schriftzüge aufleuchten. Kameras und Sensoren wiederum sollen die Reaktionen der anderen Verkehrsteilnehmer erfassen. So könnte man sich etwa für aggressives Fahrverhalten charmant entschuldigen und den Fußgängern ein paar Smileys schicken. Oder vielleicht auch ein paar weniger nette Dinge in technisch erweiterter Form zum Ausdruck bringen.

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