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Tüfteln an einer zukunftsfähigen Welt

1945 1960 1980 2000 2020

Fortschritt war einst die Idee einer unaufhörlichen Entwicklung zum Besseren. Um diese Vorstellung ist es heute schlecht bestellt. Aber wo sollten wir umdenken und welche alternativen Gestaltungsmöglichkeiten gibt es? Bericht vom Ernst Mach-Forum in Wien.

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Fortschritt war einst die Idee einer unaufhörlichen Entwicklung zum Besseren. Um diese Vorstellung ist es heute schlecht bestellt. Aber wo sollten wir umdenken und welche alternativen Gestaltungsmöglichkeiten gibt es? Bericht vom Ernst Mach-Forum in Wien.

Stellen Sie sich manchmal vor, dass alles auch hätte anders kommen können? Wenn zum Beispiel nicht die Benzinautos, sondern die Elektromobile zu Beginn des 20. Jahrhunderts einen weltweiten Siegeszug angetreten hätten? Auf den Straßen zur Zeit der Jahrhundertwende bewegten sich Fahrzeuge mit ganz unterschiedlichen Antriebsarten: pfeifende Dampfkarossen neben elektrischen Stadtwägen, ratternden Benzinern und auch Hybrid-Fahrzeugen mit gemischter Antriebstechnik. Damals war noch nicht absehbar, welches Modell sich langfristig durchsetzen würde. Die Elektro-Autos waren am häufigsten, und sie erschienen aus technischer Sicht viel versprechend: Sie stanken nicht und waren wenig störanfällig; man musste sich mit ihnen nicht allzu oft die Finger schmutzig machen.

"Die ersten Autos mit Verbrennungsmotoren hingegen waren fast dauernd kaputt", bemerkte der Wissenschaftsjournalist Marcel Hänggi beim 26. Ernst Mach-Forum der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, das kürzlich in Wien abgehalten wurde. "Die Elektromobile ließen sich übrigens auch bequem per Knopfdruck starten. Deshalb wurden sie leicht abfällig als 'Frauen-Autos' bezeichnet."

Innovationen und Mentalitäten

In der elektrisierten Moderne war freilich etwas anderes gefragt: Autos mit Kraft und Reichweite, sportliche Vehikel, Symbole für heroische Männlichkeit. Die Benziner wurden schon bald zur Duftmarke eines neuen Zeitalters. Und mit dem Verbrennungsmotor wurde ein ganzes System aus Fahrzeugen, Institutionen, Infrastrukturen und Mentalitäten hervorgebracht, so der Schweizer Journalist, der in seinem Buch "Fortschrittsgeschichten" (2015) bezeichnende Episoden des technischen Wandels beleuchtet. Es seien jedenfalls nicht nur die technischen Innovationen, die den Fortschritt prägen, sondern auch der kulturelle und soziale Nährboden, auf dem sie gedeihen.

Wenn sich bereits im frühen 20. Jahrhundert ein System der Elektroautos durchgesetzt hätte, gäbe es heute eine ganz andere Geschichte der Mobilität: Das Eisenbahn-Netz wäre wohl für längere Strecken ausgebaut worden, das Auto eher als Nahverkehrsmittel konzipiert worden, vermutet Hänggi. Solche Gedankenspiele alternativer Fortschrittsszenarien bezeichnet er als "kontrafaktische Geschichtsschreibung". Hält das, was nicht realisiert wurde, später Alternativen bereit? Zumindest am Automarkt könnte dies zutreffen, denn angesichts von Ölknappheit und Klimawandel gibt es auch heute wieder einen großen Wettlauf um die Fahrzeugtechnologie der Zukunft. Aber muss Fortschritt als moderner Leitbegriff generell neu gedacht werden?

"Pyrrhus-Siege über die Natur"

Diese und ähnliche Fragen wurden beim Ernst Mach-Forum diskutiert, das in Kooperation mit den Wiener Vorlesungen und der Ö1-Wissenschaftsredaktion stattgefunden hat. Ausgangspunkt war das zweischneidige Schwert des wissenschaftlich-technischen Fortschritts, das heute wieder besonders deutlich zutage tritt: Denn ohne diese Entwicklung gibt es keinen Wohlstand; umgekehrt aber läuft die Menschheit im Zuge dessen mitunter Gefahr, ihre eigenen Grundlagen zu zerstören - sei es durch den Einsatz von Nuklear-Technologien oder durch die aktuellen "Kollateralschäden" bei Klima und Umwelt. In Anbetracht zahlreicher Katastrophen und enttäuschter Hoffnungen wirkt die Idee eines linearen, unaufhörlichen Fortschritts heute wie ein verbrauchter Mythos, der einer kritischen Revision bedarf. Und die Tradition der Fortschrittskritik steht hoch im Kurs: Dass der Fortschritt "Portemonnaies aus Menschenhaut macht" und "Pyrrhus-Siege über die Natur feiert", ist bereits in den bissigen Aphorismen von Karl Kraus nachzulesen.

"Wer denkt, dass die Ausbeutung der Ressourcen, die Abholzung der Regenwälder ohne Konsequenzen zu haben ist, setzt die Zukunftsfähigkeit der Menschheit aufs Spiel", betonte der Schweizer Wissenschaftsforscher Michael Hagner bei der Wiener Diskussion. Er sieht die moderne Idee des Fortschritts von religiös aufgeladenen Heilserwartungen durchdrungen -ein Platzhalter der Hoffnung, der seit der Aufklärung an die Stelle der religiösen Erlösungssehnsucht getreten ist. "Der Fortschrittsglauben ist zumindest für säkulare Gesellschaften unverzichtbar", ist Hagner überzeugt. Aber Fortschritt sei stets mit Folgekosten verbunden: Die Entwicklung der Antibiotika zum Beispiel war ein Segen im Kampf gegen Infektionskrankheiten; ihr häufiger Einsatz aber brachte das Problem resistenter Krankheitserreger hervor. "Wir sollten uns von der Vorstellung verabschieden, dass Fortschritt zur Perfektion oder Glückseligkeit einer Gesellschaft führen kann", gab der Züricher Professor zu bedenken. "Besser als jetzt wird es vermutlich nie werden. Fortschritt könnte künftig viel eher bedeuten, das Schlimmste zu vermeiden und einigermaßen über die Runden zu kommen."

Neue UN-Entwicklungsziele

Dass sich mit dem Beschluss nachhaltiger UN-Entwicklungsziele im September ein Drall in Richtung eines alternativen Fortschritts ergeben könnte, hofft die Volkswirtin Angelika Zahrnt vom deutschen Institut für Ökologische Wirtschaftsforschung. Auf der Agenda der Vereinten Nationen stehen 17 Kernziele und 169 Unterziele, die bis 2030 erreicht werden sollen: "Da wurde versucht zu definieren, was Fortschritt weltweit bedeuten könnte. Das betrifft nicht nur Entwicklungsländer, denn auch die westlichen Industriestaaten haben zum Teil große Defizite", bemerkte Zahrnt. Fortschritt könne nun differenzierter als bisher an diesem Leitbild der nachhaltigen Entwicklung und einer generationenübergreifenden Gerechtigkeit gemessen werden.

Bisherige Wellen an Innovationen haben zu einer ungeheuren Beschleunigung der Gesellschaft geführt. Angst und Ermüdung seien heute die unübersehbaren Folgen, sagt Nicole Karafyllis, Philosophin an der TU Braunschweig, und diagnostiziert eine große Sehnsucht nach Entschleunigung: "Trotzdem will kaum jemand zurück in die Zeit vor 1800." Wie auch die anderen Diskussionsteilnehmer plädierte sie für ein eher defensives Fortschrittskonzept, bei dem es nicht um hochtrabende Visionen, sondern primär um Schadensvermeidung geht. Das Motto wäre ganz pragmatisch: "nachdenken und weitermachen".

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