Neoludditen - Neoludditen: Des Menschen Verhältnis zur Maschine ist nicht konfliktlos. Der englische Revolutionär Ned Ludd ließ 1811 Webstühle in Brand stecken. Heute greifen Menschen selbstfahrende Autos an. - © Illustration: Florian Zwickl (Unter Verwendung einer Illustration von Wikipedia / Chris Sunde)
Wirtschaft

Maschinensturm 2.0

1945 1960 1980 2000 2020

In den USA häufen sich Angriffe auf autonome Fahrzeuge. Schon während der Industriellen Revolution im 19. Jahrhundert zerstörten Arbeiter Maschinen.

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In den USA häufen sich Angriffe auf autonome Fahrzeuge. Schon während der Industriellen Revolution im 19. Jahrhundert zerstörten Arbeiter Maschinen.

Es war ein bizarrer Fall von Vandalismus, der sich im Oktober vergangenen Jahres in der Wüs­tenstadt Chandler im US-Bundesstaat Arizona ereignete. Ein Mann stürmt mitten in der Nacht auf eine Kreuzung und schlägt mit einem stumpfen Gegenstand auf ein Roboterfahrzeug ein. Dabei zerstach er den Reifen des Vehikels. Der Verdächtige, ein Mann Mitte 20, flüchtete nach der Attacke zu Fuß in die umliegende Nachbarschaft.

Es ist nicht der erste Vorfall dieser Art. Seitdem die Google-Schwester Waymo in dem Vorort von Phoenix ihre autonome Fahrzeugflotte im Rahmen eines Testbetriebs ausrollte, kam es immer wieder zu tätlichen Übergriffen. Laut einem von der New York Times zitierten Polizeibericht sollen Unbekannte die Fahrzeuge mit Steinen beworfen haben. Ein Mann warf sich vor ein Auto und bedrohte den Fahrgast mit einem Rohr. Ein anderer zückte einen Revolver und bedrohte den Testfahrer am Steuer. Obwohl die Arbeitslosigkeit in Chandler mit drei Prozent unter dem landesweiten Durchschnitt liegt, beobachten die Bewohner die autonomen Fahrzeuge mit großer Skepsis. Sie fürchten um ihre Arbeitsplätze, wenn die Automatisierung weiter voranschreitet.

Nicht nur in Arizona entlädt sich der Zorn. Auch in Kalifornien vermelden Polizeibehörden vermehrt Vandalismus-Vorfälle. In San Francisco rannte vor einem Jahr ein Fußgänger auf die Straße und warf sich auf ein autonomes Fahrzeug von GM, das dort gerade eine Testfahrt absolvierte. Der Passant, berichteten lokale Medien, schrie herum, rammte mit seinem Körper die Stoßstange und beschädigte dabei ein Rücklicht des Roboterfahrzeugs. Im Unfallprotokoll der Verkehrsbehörde wurde lapidar ein „Zusammenstoß mit einem Fußgänger“ vermerkt. Doch dahinter steckt mehr: der Hass auf Maschinen.

Wenige Wochen später, erneut in Kalifornien, stieg ein Taxifahrer aus seinem Auto und schlug wütend auf die Windschutzscheibe eines Roboterfahrzeugs ein. 2017 wurde ein Mann in Mountain View im Silicon Valley verhaftet, nachdem er einen Sicherheitsroboter, der unter anderem in Shopping-Malls patrouilliert, demolierte. In San Francisco wurden die privaten Goog­le-Busse, welche die Mitarbeiter aus der Stadt ins Hauptquartier nach Mountain View befördern, wegen steigender Mieten von einer aufgebrachten Stadtguerilla mit Steinen beworfen. Und in Los Angeles treten Passanten immer häufiger auf Lieferroboter ein, die dort Pizzen und andere Fast-Food-Gerichte an die Wohnungstür liefern.

Das linke US-Magazin Mother Jones bezeichnete die Vorkommnisse als „neue ludditische Revolte“. Und der Sozialwissenschaftler Jamie Barlett fragte im Guardian, ob 2018 das Jahr der Neoludditen werden könnte. Der Hintergrund: Im Jahr 1811 zerstörten englische Arbeiter um ihren Rädelsführer Ned Ludd Webstühle, um gegen die Automatisierung und den drohenden Arbeitsplatzverlust zu protestieren. In ganz Europa steckten aufgebrachte Weber Spinnereien und Fabriken in Brand, wie beim Usterbrand im November 1832 in Oberuster in der Schweiz. Auch der französische Tüftler Joseph-Marie Jacquard, der durch die Erfindung des lochkartengesteuerten Webstuhls der Industriellen Revolution zum entscheidenden Durchbruch verhalf, wurde in Lyon von einem Mob attackiert und beinahe umgebracht. Die britische Armee schlug die Bewegung der Maschinenstürmer gewaltsam nieder, das Parlament erklärte die Sabotage von Maschinen zu einem Kapitalverbrechen.

Vom Webstuhl inspiriert

Eine Ironie der Geschichte ist, dass sich der Computerpionier Charles Babbage bei der Konstruktion seiner Analytical Engine vom Jacquard-Webstuhl inspirieren ließ. Die Idee, Muster in eine Maschine einzuspeisen, übertrug er auf seine mechanische Rechenmaschine – nur, dass diese keine Stoffe, sondern Zahlen ausspucken sollte. Die britische Mathematikerin Ada Lovelace, Tochter des berühmten Lord Byron, die an der Maschine mitwirkte, formulierte poetisch: „Am treffendsten können wir sagen, dass die Analytical Engine algebraische Muster webt, gerade so wie der Jacquard-Webstuhl Blüten und Muster.“

Es gibt also eine direkte Entwicklungslinie vom mechanischen Webstuhl bis hin zu modernen Computern und künstlichen Intelligenzen. Das heißt: Auch im autonomen Fahrzeug, das nun tätlich attackiert wird, steckt ein Stück mechanischer Webstuhl. Man kann die Proteste daher als neoludditisch bezeichnen, auch wenn es bislang kein gemeinsames politisches Motiv gibt und es sich vorwiegend um Einzelaktionen handelt. Gewiss, man sollte Vandalismus nicht zur politischen Protestform verklären und versuchen, Gewalt zu legitimieren. Denkwürdig sind die Aktionen aber schon.

Es gibt in den USA eine unrühmliche Tradition gewaltsamer Technikfeindlichkeit. Der Terrorist und Mathematikprofessor Theodore „Ted“ Kaczynski, ein ebenso genialer wie radikaler Kopf, verübte zwischen 1978 und 1995 ein Dutzend Briefbombenanschläge auf Universitätsprofessoren und Computerladenbesitzer, bei denen drei Menschen getötet und 23 verletzt wurden (der Informatikprofessor David Gelernter, eines der prominenten Opfer, verlor bei einem Anschlag seine rechte Hand).

Im Unfallprotokoll der Verkehrsbehörde wurde lapidar ein Zusammenstoß mit einem Fußgänger‘ vermerkt. Doch dahinter steckt mehr: der Hass auf Maschinen.

1995 erpresste der „Unabomber“, der ein Einsiedlerleben in den Bergen von Montana führte, die Washington Post und New York Times: Sollten diese sein 35.000 Wörter umfassendes Manifest abdrucken, würde die Anschlagsserie enden. Die Blätter gaben der Erpressung nach Absprache mit dem FBI und der Staatsanwaltschaft nach und druckten das Pamphlet ab. Darin schreibt Kaczynski: „Es ist unmöglich, einen dauerhaften Kompromiss zwischen Technologie und Freiheit zu finden, weil Technologie als weitaus stärkerer gesellschaftlicher Zwang mit Hilfe von immer neuen Kompromissen andauernd in die Freiheit eingreift.“ Ein Satz wie eine Anklage, apodiktisch und pamphletistisch. Wer die Freiheit bewahren will, muss die Technologie stoppen.

Neoludditen

Viele Neoludditen berufen sich auf das Manifest des anarcho-primitivistischen Fanatikers. Wie groß die Bewegung ist, weiß niemand – nicht zuletzt deshalb, weil sich der Hass auf Maschinen nicht als solcher artikulieren muss. Er kommt auch in Gestalt des Populismus daher.
Der Oxford-Ökonom Carl Benedikt Frey, Autor der vielzitierten Arbeitsmarktstudie, wonach durch die Automatisierung bis 2030 fast die Hälfte aller Arbeitsplätze verschwunden sein werden, nannte die Wahl Trumps zum US-Präsidenten einen „Maschinensturm“. Wiederholt sich die Geschichte also doch? Die Trump-Wahl, ein Aufstand gegen die Polit-Maschinerie?

Die historische Analogie hat insofern nur bedingte Erklärungskraft, als die ökonomische Entwicklung heute unter ganz anderen Voraussetzungen stattfindet. Kapital und Arbeit sind mobiler und globaler, Informationen werden in Bruchteilen von Sekunden um die Welt gejagt. Der Datenkapitalismus hat eine Plattformökonomie mit Akteuren wie Uber und Airbnb hervorgebracht, die keine eigenen Autos respektive Zimmer mehr benötigen – die Preise setzen Algorithmen. Serverfarmen, die Fabriken des Datenkapitalismus, halten eine gigantische Maschinerie am Laufen, für die kaum noch Menschen erforderlich sind. Als der Messengerdienst WhatsApp 2014 für 19 Milliarden von Facebook aufgekauft wurde, hatte die kleine Start-up-Klitsche gerade einmal ein paar Dutzend Mitarbeiter.

Rückblickend lässt sich feststellen, dass weder die Einführung des mechanischen Webstuhls noch Bankautomaten oder Auto­piloten im Flugzeug zu Arbeitsplatzverlusten geführt haben. In der Makro­ökonomie spricht man von der „Luddite fallacy“ (frei übersetzt: ludditische Täuschung). Sie besagt, dass es zwar kurzfristig zu technologischer Arbeitslosigkeit kommen kann, technische Innovationen langfristig jedoch neue Jobs schaffen und zu keiner systemischen Arbeitslosigkeit führen. Womöglich sitzen auch die Maschinenstürmer in den USA einer optischen Täuschung auf: Die eigentliche Revolution findet nicht auf der Straße, sondern in den Rechenzentren statt, wo Daten zu Gold gesponnen werden. Der Kampf gegen Roboter ist daher ein Kampf gegen Windmühlen.

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