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Feuilleton

Geglückter Euro-Start

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Allgemeines Staunen und Fühlen, Prüfen und Rechnen - auf einmal ist er da, der Euro. Und das ganz ohne Katerstimmung.

Begeisterung um Mitternacht: der Euro als großes Silvesterspektakel. Hunderttausende begrüßten zu den Klängen von Pummerin und Donauwalzer nicht nur überschwänglich sich selbst und das neue Jahr, sondern auch das historische Datum - den Beginn des Euro-Zeitalters mit der größten Währungsumstellung aller Zeiten.

250.000 Österreicherinnen und Österreicher wollten es noch in der E-Night ganz genau wissen: Bankomatkarte rein in den Automaten, raus mit den neuen Geldscheinen. Seither allgemeines Staunen und Fühlen, Tasten und Prüfen des neuen Zahlungsmittels mit dem kühlen, postmodern wirkenden Design. Freilich, das richtige Gefühl fehlt noch, aber im Zweifelsfall wird in den nächsten Tagen und Wochen eben der Rechner gefragt. Hie und da eine Spur von Traurigkeit über den Verlust des Schillings, aber keine Katerstimmung, kein großes Lamento wie vielfach befürchtet. Auch hierzulande ist die Mehrheit stolz darauf, zusammen mit rund 300 Millionen anderen Europäern die junge Währung in Händen zu halten.

Schon bei den Straßenbefragungen in den vergangenen Wochen gab es allgemeine Zustimmung zum neuen Zahlungsmittel. Zwar wurde etwa der Verlust der 20-Schilling-Banknote bedauert, der Häufung des Euro- Kleingeldes mit gewisser Sorge entgegengesehen, dazu kam die Angst vor Diebstahl und Falschgeld und - umstellungsbedingt - vor höheren Preisen. Was sonst noch in der Kürze von den Befragten zu erfahren war, beschränkte sich in der Regel allerdings auf die Erleichterung des Geldwechselns bei Urlaubsreisen. Als ein Symbol für ein politisch-kulturelles Zusammenrücken Europas wurde das neue Geld hingegen nicht gesehen.

Die fast kindlich anmutende Lust auf die Startpakete mit den Münzen und das Gedränge vor den Geldautomaten hat ten wohl noch wenig zu tun mit einem unbändigen Wunsch der Bevölkerung nach mehr Gemeinsamkeit und einem Vereinten Europa. Dabei sind die Integrationsbemühungen angesichts der jahrhundertelangen Selbstzerfleischung des europäischen Kontinents eine nicht genug zu würdigende historische Großtat. Die Freisetzung solidarisierungsfähiger Kräfte über den wütenden Nationalstaat hinaus hat die Verarbeitung der inneren und äußeren Kriegszerstörungen des Zweiten Weltkrieges gebracht. Und sie hat die über Jahrhunderte hinaus aufrechten Vorurteile und nationalen Hassgefühle zwischen Franzosen und Deutschen, zwischen Österreichern und Italienern entscheidend reduziert und bei den nachwachsenden Generationen gänzlich aufgelöst.

Euro = Europa?

Mit dem Euro sind die Volkswirtschaften Europas untrennbar miteinander verschweißt. Ob es in Zukunft auch politisch-kulturelle Gemeinsamkeiten geben kann, die auch in breiten Schichten der Bevölkerung fühlbar werden, bleibt die große Frage der nächsten Jahre. Sie muss immer wieder neu gestellt und bearbeitet werden. Verfassungsjuristen und Völkerrechtler, die sich intensiv mit Fragen einer europäischen Konstitution befassen, plädieren heute mehr und mehr für die Entwicklung einer verbindenden Vielheit - zwar mit wachsenden gesamteuropäischen Kompetenzen, aber auch der Aufrechterhaltung regionaler und (in einem gewissen neuen Sinn) "nationaler" staatlicher Organisation mit neuen Souveränitäten.

Mehr Integration in Europa wird auch in Zukunft mehr Integrationspotential freisetzen - wenn sie mit Behutsamkeit und der nötigen Vorsicht vorangetrieben wird. So wird sie letztlich auch mehr Handlungsfähigkeit schaffen als bei allen Integrationsprozessen geopfert werden muss.

Die großen Chancen der Europäisierung in Schritten, die Brücke um Brücke schafft und mehr und mehr die verschiedenen Kulturen einander näher rückt, könnte zu einem modellhaften Prozess der vielfach als Bedrohung empfundenen Globalisierung beitragen. Dieser Zusammenhang zwischen Europäisierung und Globalisierung lässt sich ja schon im alten Europa-Mythos des frühen Griechentums, also in der Vorgeschichte Europas selber auffinden. Der Vater der neuen, relativ friedfertigen Götterwelt, Zeus, ist auch der Gatte Europas. Er wählt sie aus. Sie aber ist die Tochter eines phönizischen, also kleinasiatischen Königs. Im Grunde ist schon die Verbindung des Zeus mit dieser Prinzessin ein kulturübergreifender Schritt. Europa als ein Prozess, der über sich selbst hinausweist ...

Nicht das Überrollen und Überrolltwerden, sondern das Aufeinandereingehen und Verstehen könnte der Beitrag der europäischen Länder als "Teilkulturen" für die Integration der Weltgesellschaft werden. Nicht zufällig sollen auch die Darstellungen von Brücken, Toren und Fenstern auf dem neuen Geld das Öffnen und Überschreiten von Grenzen symbolisieren. Gefragt ist dabei allerdings mehr als nur ein wechselseitiges touristisches Verständnis der Unionsbürger füreinander und die Freude über den Wegfall von Umrechungskosten.

Mit dem Euro ist jetzt ein weiteres Terrain freigegeben worden, entsprechende Bewusstseinsschübe und Handlungen zu setzen. In einer seit dem 11. September ins Mark getroffenen Welt ist die Gewissheit, sich freier und auch in intensiverer Weise austauschen zu können, ein wichtiger Schritt nach vorne. Aber die Europäer werden sich wohl mehr denn je fragen müssen, was sie mit der neuen (Geld-)Macht in ihren Händen eigentlich wirklich anfangen wollen.

Allgemeines Staunen und Fühlen, Prüfen und Rechnen - auf einmal ist er da, der Euro. Und das ganz ohne Katerstimmung.

Begeisterung um Mitternacht: der Euro als großes Silvesterspektakel. Hunderttausende begrüßten zu den Klängen von Pummerin und Donauwalzer nicht nur überschwänglich sich selbst und das neue Jahr, sondern auch das historische Datum - den Beginn des Euro-Zeitalters mit der größten Währungsumstellung aller Zeiten.

250.000 Österreicherinnen und Österreicher wollten es noch in der E-Night ganz genau wissen: Bankomatkarte rein in den Automaten, raus mit den neuen Geldscheinen. Seither allgemeines Staunen und Fühlen, Tasten und Prüfen des neuen Zahlungsmittels mit dem kühlen, postmodern wirkenden Design. Freilich, das richtige Gefühl fehlt noch, aber im Zweifelsfall wird in den nächsten Tagen und Wochen eben der Rechner gefragt. Hie und da eine Spur von Traurigkeit über den Verlust des Schillings, aber keine Katerstimmung, kein großes Lamento wie vielfach befürchtet. Auch hierzulande ist die Mehrheit stolz darauf, zusammen mit rund 300 Millionen anderen Europäern die junge Währung in Händen zu halten.

Schon bei den Straßenbefragungen in den vergangenen Wochen gab es allgemeine Zustimmung zum neuen Zahlungsmittel. Zwar wurde etwa der Verlust der 20-Schilling-Banknote bedauert, der Häufung des Euro- Kleingeldes mit gewisser Sorge entgegengesehen, dazu kam die Angst vor Diebstahl und Falschgeld und - umstellungsbedingt - vor höheren Preisen. Was sonst noch in der Kürze von den Befragten zu erfahren war, beschränkte sich in der Regel allerdings auf die Erleichterung des Geldwechselns bei Urlaubsreisen. Als ein Symbol für ein politisch-kulturelles Zusammenrücken Europas wurde das neue Geld hingegen nicht gesehen.

Die fast kindlich anmutende Lust auf die Startpakete mit den Münzen und das Gedränge vor den Geldautomaten hat ten wohl noch wenig zu tun mit einem unbändigen Wunsch der Bevölkerung nach mehr Gemeinsamkeit und einem Vereinten Europa. Dabei sind die Integrationsbemühungen angesichts der jahrhundertelangen Selbstzerfleischung des europäischen Kontinents eine nicht genug zu würdigende historische Großtat. Die Freisetzung solidarisierungsfähiger Kräfte über den wütenden Nationalstaat hinaus hat die Verarbeitung der inneren und äußeren Kriegszerstörungen des Zweiten Weltkrieges gebracht. Und sie hat die über Jahrhunderte hinaus aufrechten Vorurteile und nationalen Hassgefühle zwischen Franzosen und Deutschen, zwischen Österreichern und Italienern entscheidend reduziert und bei den nachwachsenden Generationen gänzlich aufgelöst.

Euro = Europa?

Mit dem Euro sind die Volkswirtschaften Europas untrennbar miteinander verschweißt. Ob es in Zukunft auch politisch-kulturelle Gemeinsamkeiten geben kann, die auch in breiten Schichten der Bevölkerung fühlbar werden, bleibt die große Frage der nächsten Jahre. Sie muss immer wieder neu gestellt und bearbeitet werden. Verfassungsjuristen und Völkerrechtler, die sich intensiv mit Fragen einer europäischen Konstitution befassen, plädieren heute mehr und mehr für die Entwicklung einer verbindenden Vielheit - zwar mit wachsenden gesamteuropäischen Kompetenzen, aber auch der Aufrechterhaltung regionaler und (in einem gewissen neuen Sinn) "nationaler" staatlicher Organisation mit neuen Souveränitäten.

Mehr Integration in Europa wird auch in Zukunft mehr Integrationspotential freisetzen - wenn sie mit Behutsamkeit und der nötigen Vorsicht vorangetrieben wird. So wird sie letztlich auch mehr Handlungsfähigkeit schaffen als bei allen Integrationsprozessen geopfert werden muss.

Die großen Chancen der Europäisierung in Schritten, die Brücke um Brücke schafft und mehr und mehr die verschiedenen Kulturen einander näher rückt, könnte zu einem modellhaften Prozess der vielfach als Bedrohung empfundenen Globalisierung beitragen. Dieser Zusammenhang zwischen Europäisierung und Globalisierung lässt sich ja schon im alten Europa-Mythos des frühen Griechentums, also in der Vorgeschichte Europas selber auffinden. Der Vater der neuen, relativ friedfertigen Götterwelt, Zeus, ist auch der Gatte Europas. Er wählt sie aus. Sie aber ist die Tochter eines phönizischen, also kleinasiatischen Königs. Im Grunde ist schon die Verbindung des Zeus mit dieser Prinzessin ein kulturübergreifender Schritt. Europa als ein Prozess, der über sich selbst hinausweist ...

Nicht das Überrollen und Überrolltwerden, sondern das Aufeinandereingehen und Verstehen könnte der Beitrag der europäischen Länder als "Teilkulturen" für die Integration der Weltgesellschaft werden. Nicht zufällig sollen auch die Darstellungen von Brücken, Toren und Fenstern auf dem neuen Geld das Öffnen und Überschreiten von Grenzen symbolisieren. Gefragt ist dabei allerdings mehr als nur ein wechselseitiges touristisches Verständnis der Unionsbürger füreinander und die Freude über den Wegfall von Umrechungskosten.

Mit dem Euro ist jetzt ein weiteres Terrain freigegeben worden, entsprechende Bewusstseinsschübe und Handlungen zu setzen. In einer seit dem 11. September ins Mark getroffenen Welt ist die Gewissheit, sich freier und auch in intensiverer Weise austauschen zu können, ein wichtiger Schritt nach vorne. Aber die Europäer werden sich wohl mehr denn je fragen müssen, was sie mit der neuen (Geld-)Macht in ihren Händen eigentlich wirklich anfangen wollen.