Unzeitgemäßes Denken

Warum es an der Zeit ist, sich des eigenen Verstandes zu bedienen. "Die Freiheit des Denkens" war das diesjährige - zehnte - Philosophicum Lech übertitelt. Ist Freiheit nach wie vor ein "notwendiges Konzept zum Selbstverständnis des Menschen oder eine aufklärungsbedürftige Illusion" (K. P. Liessmann)? Wir dokumentieren (stark gekürzt) einige der Vorträge - von Konrad Paul Liessmann, Michael Schmidt-Salomon und Ursula Pia Jauch -, dazu lesen Sie ein Interview mit Birgit Recki, die ebenfalls am Arlberg referierte. - Im Frühjahr 2007 erscheint wieder der Tagungsband im Zsolnay-Verlag. Redaktion: Rudolf Mitlöhner

Ob wir im Denken prinzipiell frei sind, und wie sich Freiheit überhaupt denken lässt, ist eine Frage, die nicht erst durch die modernen Wissenschaften aufgeworfen wird, sondern die die Selbstreflexion des Menschen seit Anbeginn begleitet. Bei einer Tagung, die sich der Freiheit des Denkens widmet, sollte man sich bewusst sein, dass wir damit die geistigen und moralischen Voraussetzungen unserer Kultur verhandeln. Dass die Gedanken frei sein sollen - mit diesem Imperativ begann die Aufklärung ihren Ausgang aus der wie auch immer verschuldeten Unmündigkeit des Menschen. Und die Annahme, dass wir im Denken frei sein können, dass wir mehr und anderes denken können, als es die Wirklichkeit zu gestatten scheint, war und ist die Voraussetzung für jene Vorstellung, nach der sich souveräne Menschen letztlich eine Welt nach ihrem Bilde schaffen sollten.

Erkämpfte Freiheit

Freiheit des Denkens bedeutete einmal - und bedeutet vielleicht wieder - nicht mehr, aber auch nicht weniger, als dass sich die Vernunft keinen anderen Instanzen beugen soll als denen ihrer eigenen Gesetze. Der Kampf um die Freiheit des Denkens begann als Kampf gegen die Bevormundungen durch Religionen, durch Traditionen, durch Herrschaftssysteme, durch moralisch verbrämte Denkverbote. Vieles deutet darauf hin, dass dieser Kampf noch nicht zu Ende ist, an manchen Stellen womöglich in neuer Form beginnt. Wer heute etwa aus welchen Motiven auch immer Grenzen für die Gedanken-und Meinungsfreiheit fordert, sollte nicht vergessen, welche Anstrengungen und Opfer Europa dafür auf sich nehmen musste, diese Freiheit überhaupt einfordern zu können.

In einem seiner letzten Bücher, der "Götzen-Dämmerung", nannte Friedrich Nietzsche ein Kapitel in Erinnerung an seine Jugendschriften "Streifzüge eines Unzeitgemäßen". Darin findet sich ein Aphorismus mit dem Titel "Mein Begriff von Freiheit", wo es heißt: "Denn was ist Freiheit! Dass man den Willen zur Selbstverantwortlichkeit hat." Freiheit ist etwas, so Nietzsche, das man will, das man erobert. Sie bemisst sich nach dem Widerstand, der überwunden werden muss. Freiheit ist kein Recht, schon gar kein Geschenk. Freiheit muss man sich nehmen, und wenn man sie hat, muss man sie verteidigen. Solch ein Gedanke mag uns vielleicht nicht sonderlich gefallen - aber dort, wo in einem politischen Sinn von Freiheit die Rede ist, sollte man diesen durchaus hin und wieder riskieren.

Freiheit als Illusion

Möglich allerdings, dass Freiheit, zumindest als anthropologische Bestimmung, eine Illusion ist. Dass auch der Mensch nur ein Tier sei, von Naturgesetzen bestimmt, ist in der Philosophie selbst immer eine beunruhigende These gewesen. Dass das Ich eine Illusion sei, Freiheit eine Täuschung und wir selbst bestimmt von unserer Umwelt, unseren Trieben, unseren Genen, ist ein Verdacht, der seit den Mechanisten der Aufklärung, seit Schopenhauer und Nietzsche, seit den Empiriokritizisten des Fin de Siècle, seit den Anfängen der Tiefenpsychologie immer wieder und mit Nachdruck geäußert wurde. Das Selbstverständnis des modernen Menschen hat sich dadurch zweifellos geändert. Wir wissen: Wir sind nicht das souveräne, rationale Subjekt, von dem Humanismus und Aufklärung träumten.

Aber noch der Wille, zu erforschen und zu erkennen, durch welche Faktoren und Gesetze wir nun in unserem Denken, Fühlen und Handeln bestimmt sind, hat eine Freiheit des Denkens zur Voraussetzung, eines Denkens, das zumindest dem uralten Imperativ der Selbsterkenntnis verpflichtet ist. Ohne diese Freiheit war und ist Wissenschaft nicht möglich. Wir wollen wissen, wer wir sind. Und wir wollen dies wissen, um vielleicht dann doch etwas zu tun, was all unsere Beschränktheiten wenigstens für einen Moment übersteigt. Möglich, dass nun ein Denken an der Zeit ist, das sich trotz aller Ernüchterung, trotz aller Desillusionierungen, trotz des Verlusts der Utopien, trotz der scheinbaren Alternativlosigkeit globaler Entwicklungen genau jener Potenziale versichert, die es auch bislang den Menschen ermöglicht haben, das scheinbar Vorgegebene und Unabänderliche in Frage zu stellen.

Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen: Dieser Wahlspruch der Aufklärung stellt im Zeitalter der Medien-und Bilderfluten vielleicht eine noch größere Herausforderung dar als in den finsteren Zeiten des späten Absolutismus. Wie unzeitgemäß uns diese Herausforderung auch immer erscheinen mag: Ich plädiere dafür, sie anzunehmen.

Der Autor ist Professor für Philosophie an der Universität Wien und wissenschaftlicher Leiter des Philosophicum Lech.

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