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Spielräume der Freiheit

Autorinnen und Autoren haben als Ankläger der Unfreiheit und als Anwälte des freien Wortes den Sinn für die Freiheit immer wieder wachgehalten.

"Freiheit, ich will dich", schrieb Hilde Domin 1968 im Angesicht des Prager Frühlings. Vierzig Jahre später scheinen viele Intellektuelle nicht mehr so gut auf die Freiheit zu sprechen zu sein. Dem Stolz auf die Freiheitsrechte des Individuums, die in oft schweren Befreiungskämpfen errungen worden sind, stehen in der globalen Risikogesellschaft Entscheidungsängste, Gewissensnöte und kollektive Tröstungsangebote entgegen.

Eine Meinungsumfrage des Allensbacher Instituts aus den Jahren 2003/2004 über die Verankerung des Freiheitsbewusstseins in Deutschland hat ergeben, dass die "Freiheitsmüdigkeit" der Bürger mehr und mehr einem Sicherheitsdenken und dem Ziel sozialer Gerechtigkeit zu weichen beginnt. "Die ängstliche Gesellschaft verliert den Sinn für die Freiheit", erklärt Udo Di Fabio, Verfassungsrichter und Autor des Buches "Die Kultur der Freiheit". Die Politikwissenschafterin und Publizistin Ulrike Ackermann warnt in ihrem Buch "Eros der Freiheit" davor, sich von den Feinden der Freiheit, dem alles verstehenden Multikulturalismus, dem religiösen Fundamentalismus und dem Kulturpessimismus der Frankfurter Schule, überrumpeln zu lassen. Und was haben die Schriftsteller zur Freiheit zu sagen?

Sie werden, spätestens seit dem Humanismus, der den Menschen als souveränen Schöpfer seines eigenen Schicksals entdeckte, immer wieder als Zeugen der Freiheit angerufen. Das hat gute Gründe. Die Dichter vertreten auf besondere Weise den Autonomieanspruch der Artes liberales, die in der Antike als freie Künste galten, weil sie von "freien" Bürgern freiwillig und unentgeltlich ausgeübt wurden. Doch heute heißen die Streitpositionen nicht mehr Elfenbeinturm und Barrikade. Auch den Schriftstellern geht es um die Alternative Freiheit oder Sicherheit - die für Ralf Rothmann eine Scheinalternative ist, weil gerade die Garantie der "absoluten Freiheit" des literarischen Werkes die beste Sicherheit für eine "freie, weder geistig noch körperlich einengende Gesellschaft" sei.

Nicht zu unterdrücken

Es sind die Schriftsteller, die als Ankläger der Unfreiheit und Anwälte des freien Wortes den Sinn für die Freiheit, die eine Kultur braucht, um bestehen und sich legitimieren zu können, immer wieder wachgehalten haben. Die Literatur ist somit das verlässlichste und unnachgiebigste Gedächtnis der Freiheit. Sie gibt dem freien Denken, Sprechen, Schreiben das Wort, wodurch Freiheit erst ermöglicht wird. Selbst wenn diese Freiheit des Wortes durch Zensur und Bespitzelung, durch Ausreiseverbot und Zwangsausbürgerung geknebelt wird, lässt sie sich nicht unterdrücken. Das haben die europäischen Schriftsteller, die mit der Freiheitsidee im Herzen den Weg zum Fall des Eisernen Vorhangs bereitet haben, gezeigt.

Zugleich gibt es auf der Kehrseite der Freiheitsidee tragische Missverständnisse. Für Walter Ulbricht, erster Generalsekretär des Zentralkomitees der SED und bis 1971 mächtigster Mann der DDR, war die Freiheit eine politische Kampfparole ersten Ranges. So sah er Fausts Vision, "auf freiem Grunde mit freiem Volke (zu) stehn", in seinem Land bereits Wirklichkeit geworden. Doch dabei erlag er einer teuflisch arrangierten Täuschung: Die Vermesser neuer Welten, die Goethes Faust am Werk zu hören glaubt, sind tatsächlich die sein eigenes Grab schaufelnden Lemuren. Schon am Anfang der DDR ist die politische Ideologie also am Ende mit ihren Freiheitsparolen.

Selbst die Universitäten sind in Zeiten der Diktatur anfällig für die Versuchung der Freiheit gewesen. Als vor 75 Jahren, am 10. Mai 1933, in vielen deutschen Universitätsstädten die Bücher von Freud, Kästner, Tucholsky und anderen in die Flammen geworfen wurden, gehörten Studenten zu den Veranstaltern, waren Professoren im Talar zugegen; noch im April 1938 fand, nach dem sogenannten Anschluss Österreichs, eine große Bücherverbrennung auf dem Salzburger Residenzplatz statt. Schon Heine hat prophezeit, da wo Bücher brennen, würden dermaleinst auch Menschen verbrannt werden. Wo Werke des freien Geistes vernichtet werden, da stehen nicht nur die Freiheit von Kunst und Literatur auf dem Spiel, da ist auch die gesamte Gesellschaft von Unfreiheit bedroht.

Aus dieser Lektion haben vor sechzig Jahren die Väter und Mütter des deutschen Grundgesetzes, in dem das Wort "Freiheit" in mancher Abwandlung sage und schreibe 45-mal vorkommt, gelernt. Die Gefahr der Instrumentalisierung der Kunst sollte so weit wie möglich ausgeschlossen werden. Die Freiheit des Wortes ist so wertvoll, dass sie in einem eigenen Grundgesetzartikel unter den Schutz des Staates gestellt wird. Das garantiert freilich nicht seine grenzenlose Ausübung. In einen justitiablen Grenzbereich gerät die Freiheit, wenn sie mit einem konkurrierenden Wert wie dem Schutz der Persönlichkeit in Konflikt gerät. "Nicht alle guten Dinge sind vereinbar, geschweige denn alle Ideale der Menschheit", schreibt der Ideenhistoriker Isaiah Berlin.

Die Stärke der Freiheit

Die fortwährende Geschichte der Bücherverbote von Thomas Bernhards Roman "Holzfällen" (1984) bis zu Maxim Billers "Esra" (2003), in dem sich zwei Frauen entwürdigend dargestellt fanden, zeigt diese Doppelbödigkeit der literarischen Freiheit ebenso wie der dänische Karikaturenstreit 2005 oder die Absage einer als religiös verletzend empfundenen Opernaufführung 2006 in Berlin. Hier, im Bereich des interreligiösen Dialogs, wird die Belastbarkeit der Kunstfreiheit einer besonders harten Bewährungsprobe unterzogen. Es wird künftig nicht nur darauf ankommen, die Grenze der eigenen Freiheit in der Freiheit Andersdenkender zu erkennen, sondern auch darauf, die "Stärke der Freiheit" (Norbert Lammert) gegen Terrorismus und Fundamentalismus zu verteidigen.

Wie das funktionieren kann, zeigt der berühmte Dialog zwischen Naphta und Settembrini in Thomas Manns Roman "Der Zauberberg" (1924). Was jener, Jesuit und Kommunist, fordert, nämlich den Zustand der Menschengleichheit notfalls über den Weg der Unfreiheit, des Terrors und der Inquisition herzustellen, das lehnt dieser, Humanist und Demokrat aus tiefer Überzeugung, als Angriff auf die "Interessen des Lebens" ab. Und doch kann sich Settembrinis schöngeistiges Verständnis von Freiheit als "Gesetz der Menschenliebe" des Verdachts nicht erwehren, die anarchische Seite einer Freiheit, die um der Revolution willen auch über Leichen geht, zu unterschätzen.

"Wer war denn nun endlich frei", fragt man sich am Ende des Kapitels "Operationes spirituales", und "was machte den wahren Stand und Staat des Menschen aus": "der Untergang in der alles verschlingenden und ausgleichenden Gemeinschaft, der zugleich wüstlingshaft und asketisch war, oder das, kritische Subjekt', bei welchem Windbeutelei und bürgerliche Tugendstrenge einander ins Gehege kamen?" Thomas Manns Protagonisten erkennen, dass Freiheit immer auch etwas Utopisches an sich hat. "Das Übel ist nicht, dass freie Menschen böse handeln", resümiert Adorno in der "Negativen Dialektik" (1966), "sondern dass noch keine Welt da ist, in der sie, wie es bei Brecht aufblitzt, nicht mehr böse zu sein brauchten."

Kein Freischein

Freiheit ist eben kein Freischein, jederzeit zu tun und zu lassen, was man will. Sie bedarf, um realisiert zu werden, der Gemeinschaft - und einer Verfassung, die sie zugleich legitimiert und schützt. Robinson ist ja, bevor er Freitag kennenlernt, nicht wirklich frei. Deshalb bedeutet Freiheit auch Verantwortung. Durs Grünbein hat diese Idee durchgespielt. Seine autobiografische Wende-Erzählung "Der Weg nach Bornholm", erschienen in der Zeit vom 6. 11. 2008, inszeniert das Schicksal der Freiheit als Erinnerungsbericht eines Jean-Paul- haften Helden. Rufus Rebhuhn, wie der Autor so alt wie die Berliner Mauer, erlebt deren Fall in der Nacht des 9. November im Strom der Massen zum Grenzübergang Bornholmer Brücke: "Hier stand ein durch und durch braves, wohlkonditioniertes Volk, eisern in seiner Selbstverleugnung", nach einer Parole suchend und festen Willens, auf dem "Weg in die Freiheit" gemeinsam die bestgesicherte Staatsgrenze der Welt zu überschreiten.

Als selbstmächtig handelndes Individuum erfährt sich Rufus in der Menge nicht. Der historische Augenblick der Freiheit ist ein genuines Erlebnis der Gemeinschaft. Persönlichen Zuschnitt und poetisches Profil gewinnt dieser Freiheitsmoment jedoch in der literarischen Erinnerung.

Angesichts der neurobiologischen Forschungen der letzten Jahre, die den ernstzunehmenden Verdacht nähren, dass die freie Willensentscheidung eine "Illusion" ist, gesteuert von evolutionären, genetischen und kognitiven Prozessen im menschlichen Gehirn, ist es wichtig, den Grundwert einer Kultur der Freiheit herauszustellen. Die Literatur, die in ihrer Geschichte manches Mal ihre sogenannte poetische Freiheit zu ideologischen und menschenfeindlichen Zwecken missbraucht hat, markiert auch die Grenzen der Freiheit. Die Schriftsteller sind heute nicht mehr "brave Soldat(en) im Befreiungskriege der Menschheit" wie zu Heines Zeiten. Sie sind zur Freiheit verurteilt, aber weniger im existentialistischen als vielmehr im aufklärerischen Sinne.

Wenn es eine bleibende Aufgabe der Literatur gibt, dann ist es die, die Schiller vorschwebte, als er in seinem "Don Carlos" die "Gedankenfreiheit" ausrufen ließ. Der Begriff mag in der Postmoderne reichlich abgenutzt klingen. Aber seine ursprüngliche Bedeutung ist, daran hat zuletzt der Schiller-Biograf Rüdiger Safranski erinnert, "der freie Gebrauch der individuellen Vernunft in Religion, Moral, Staat und Wissenschaft - in allen wichtigen Angelegenheiten des Lebens also". So verstanden, ist die Freiheit der Literatur ein notwendiges Lebensmittel der demokratischen Zivilgesellschaft im 21. Jahrhundert.

Nur eine verantwortungsvoll freie Literatur kann maßgeblich das "Handwerk der Freiheit" lehren (Peter Bieri). Sie kann so zeigen, wie viel uns die literarische Freiheit heute wert sein muss.

Literaturhinweise:

Eros der Freiheit. Plädoyer für eine radikale Aufklärung

Von Ulrike Ackermann

Klett-Cotta 2008

167 S., geb., e 20,50

Freiheit. Vier Versuche

Von Isaiah Berlin

Fischer Taschenbuch 2006

332 S., kart., e 15,40

Das Handwerk der Freiheit.

Über die Entdeckung des eigenen Willens

Von Peter Bieri

Fischer Taschenbuch 2007

445 S., kart., e 14,50

Die Kultur der Freiheit

Von Udo Di Fabio

C. H. Beck 2005

295 S., geb., e 20,50

Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung 2008: Ralf Rothmann. Eine Dokumentation Hg. von Günther Rüther

St. Augustin 2008

Schiller oder: Die Erfindung des deutschen Idealismus

Von Rüdiger Safranski

Deutscher Taschenbuch Verlag 2007

559 S., kart., e 13,30

Michael Braun ist Leiter des Referats Literatur der Konrad-Adenauer-Stiftung. Diese vergibt jährlich einen Literaturpreis als "Auszeichnung für Autoren, die der Freiheit und Würde des Menschen zu ihrem Recht verhelfen". Die Preisträger der vergangenen Jahre waren Daniel Kehlmann (2006), Petra Morsbach (2007) und Ralf Rothmann (2008).

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