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Nach dem Wahl-Tsunami

Ich meine: Die Ereignisse rund um das jüngste Wahlfinale fordern weit mehr Aufarbeitung und Überdenken als bisher. Mit dem Namen 'Silberstein' ist es nicht getan.

Arztbesuche sind nicht nur medizinisch wertvoll. In den Wartezimmern liegt auch eine bunte Zeitschriften-Auswahl, die meist eine Gemeinsamkeit aufweist: Ihre Aktualität ist schon in Richtung Zeitlosigkeit unterwegs. Dafür erinnert ihre Lektüre daran, was uns erst vor wenigen Wochen beschäftigt und erregt hat. Und wie rasch sich das Rad der Zeit inzwischen weitergedreht hat.

So habe ich dieser Tage, einem Zahnarzt-Termin entgegenbangend, noch einmal das jüngste Nationalratswahl-Finale lesend nachvollzogen. Eine interessante, verstörende Lektüre. Da wurde von der "schmutzigsten Politschlacht aller Zeiten" geschrieben. Auch von der grenzenlosen Empörung der einen ("Wir sind in einem Tsunami der Perfidie aufgewacht") - und vom Gelöbnis der anderen, "sofort und umfassend aufzuklären". Da war auch vom kommenden gerichtlichen Nachspiel die Rede, denn die Parteien würden "einander jetzt mit Klagen überziehen". Und selbstverständlich würde alles getan werden, um die dunklen Mächte hinter den heimtückischen Facebook-Seiten ans Licht zu bringen.

Merkwürdige Stille

Sicherheitshalber habe ich noch einmal die Erscheinungsdaten der aufliegenden Medien kontrolliert -es waren die Tage vor dem Wahlgang am 15. Oktober. Also vor gut einem Monat -nicht mehr.

Unweigerlich hat sich da die Frage aufgedrängt: Habe ich seither die falschen Medien konsumiert? Denn über den Fieberschub jener Tage hat sich inzwischen eine merkwürdige Stille gebreitet. Das Thema ist wie weggeblasen, anderes im Vordergrund: Eine neue Koalition ist im Werden. Die alte Kanzlerpartei baut ihre Politik bereits zügig auf linke Opposition um. Marktforscher erzählen diskret, wie eine Wahl schon heute ganz anders ausgehen würde. Und im ORF diskutieren Christian Kern und Co. über die "Sinnkrise der Sozialdemokratie", ohne jenes "Dirty Campaigning" als dankbare Mitursache der SPÖ-Niederlage auch nur zu erwähnen. Vorbei, was da alles war und warum der "wahrscheinlich beste Kanzler, den Österreich bisher hatte"(Buchautor Markus Huber) jetzt sein Amt räumen muss.

Selten hat eine Wahl so viele Fragen aufgerissen. Vor allem, ob sich die Parteien tatsächlich einer so gnadenlosen Blase von PR-Beratern ausliefern müssen, um Chancen zu haben. Aber auch, ob ein so menschenvernichtender Wahl-Marathon wie zuletzt überhaupt sein muss. Und ob den Boulevard-Medien künftig ein derart totaler Zugriff auf Wahlwerber zustehen muss und so weiter.

Ich meine: Die Ereignisse rund um das jüngste Wahlfinale fordern weit mehr Aufarbeitung und Überdenken als bisher. Mit dem Namen "Silberstein" ist es nicht getan. Alles Unaufgearbeitete bleibt beim Wähler letztlich als Misstrauen in die Politik zurück. Das aber ist laut Umfragen schon jetzt so desaströs wie nie zuvor ("kein Vertrauen" 43 Prozent, "wenig Vertrauen" weitere 50 Prozent).

Schlimmer darf es nicht mehr werden.

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