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"Seien Sie fair, Mister Blair!"

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Der Zustand des britischen öffentlichen Schulsystems ist katastrophal: schlechte Infrastruktur, Lehrermangel, Stress und Überbelastung. Manche Schulen sehen sich bereits zur Einführung der Vier-Tage-Woche gezwungen.

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Der Zustand des britischen öffentlichen Schulsystems ist katastrophal: schlechte Infrastruktur, Lehrermangel, Stress und Überbelastung. Manche Schulen sehen sich bereits zur Einführung der Vier-Tage-Woche gezwungen.

Seien Sie fair, Mister Blair", forderte Jan Stillaway dieser Tage in einem großen Beitrag für den konservativen Daily Telegraph. Einer ihrer Schlüsselsätze lautete: "Wenn Sie London lieben, dann hängen Sie besser Ihren Lehrerjob an den Nagel."

Für die Vorschullehrerin Stillaway war es dabei nicht so sehr eine Frage nach ihren Gefühlen für die britische Hauptstadt. London war ihr Geburtsort, hier wollte sie bleiben und arbeiten. Erst allmählich wurde ihr bewusst, was das an Entbehrungen bedeutete. Auf große Urlaube, ein Auto oder häufiges Essengehen war sie ja noch bereit zu verzichten. Doch Großbritannien ist das Land der Eigenheime, und es schmerzt sie zutief, dass ihr ein solches verwehrt bleiben soll, weil ihr Lehrerinnengehalt gemessen an den Lebenshaltungskosten in London, heute einer der teuersten Städte der Welt, einfach mickrig ist.

Die Ankündigung der New Labour-Regierung von Anfang Jänner, mit Gehaltserhöhungen, diversen Bonuszahlungen, zinsfreien Wohnkrediten und anderen Vergünstigungen dem Lehrermangel in den staatlichen Schulen beikommen zu wollen, hat Jan Stillaway mit skeptischer Freude aufgenommen. "Besten Dank für die milde Gabe, Mister Blair", wendet sie sich an den seit 1997 amtierenden Premierminister und fügt hinzu: "Wenn Sie allerdings wollen, dass erfahrene, überzeugte Lehrer auch in der Hauptstadt bleiben, dann warten Sie bitte nicht bis zum nächsten Immobilienboom, bevor sie uns diese Gabe überreichen."

Das genaue Ausmaß des Lehrermangels ist schwer auszumachen. Ist es ein Problem, eine Krise oder gar eine dramatische Krise? Angesichts einer für April oder Mai erwarteten Neuwahl hat die inoffizielle Kampagne längst begonnen, und der Bildungssektor ist zu einer wichtigen Kampfarena geworden, in der mit Behauptungen und Dementis, Studien und Gegenstudien und immer neuen Berichten wild hantiert wird.

Unbestritten scheint jedenfalls zu sein, dass in London und in Südengland der Bedarf an Lehrern und Schuldirektoren längst nicht mehr gedeckt werden kann. An manch anderen Orten, darunter etwa Liverpool, soll die Lage kaum besser, wenn nicht gar noch schlechter sein. Es mehren sich die Berichte von Schulen, die zumindest vorübergehend die Vier-Tage-Woche eingeführt haben und von solchen, denen bald nichts anderes mehr übrig bleiben wird.

Seit 1992 ist es keiner Regierung mehr gelungen, die Lehrerplanstellen zu füllen. 2.500 Direktoren haben allein im Vorjahr ihren Job aufgegeben, wie eine neue Untersuchung belegt, und das, obwohl Bruttojahresgehälter für Direktoren auf umgerechnet bis zu 1,7 Millionen Schilling außerhalb Londons und bis zu knapp zwei Millionen in London angehoben worden waren.

Stress und Überlastung werden als zwei Hauptgründe genannt. Dabei gilt es zu bedenken, dass Jahre von Unterfinanzierung des öffentlichen Sektors und zumal der öffentlichen Schulen während der 17 Jahre Tory-Regierungen zu einer substantiellen Verschlechterung der Infrastruktur geführt hat. Und wenn die eben erwähnten Direktorengehälter auch sehr hoch klingen mögen, darf man nicht vergessen, dass nach dem gigantischen Preisanstieg des letzten Jahrzehnts schon eine Garconniere in einem akzeptablen Viertel in London kaum unter 15.000 Schilling Miete zu haben ist.

Privatschulen beliebt Die Bildungsausgaben unter den konservativen Kabinetten von Margaret Thatcher und John Major hielten weder mit der Inflation noch den steigenden Schülerzahlen mit. Real sanken die Ausgaben, während zugleich der Prozentsatz jener Kinder, die Privatschulen besuchten, stieg. Laut dem Wirtschaftshistoriker Simon Szreter in Cambridge fiel Großbritannien in den vergangenen zwei Jahrzehnten hinter fast alle anderen Industrieländer zurück, was die Investitionen in Lehrpersonal für den staatlichen Sektor betraf. Die Machtelite hatte einfach kein Interesse an den öffentlichen Schulen, deshalb wurden diese konstant vernachlässigt, zieht der ehemalige Bildungsminister der Tories, George Walden in seinem Buch "We should know better" Bilanz.

Aushilfskräfte aus Australien, Neuseeland und Südafrika füllen derweil einige Lücken. In anderen Fällen werden einfach Leute eingestellt, die, wie einzelne Direktoren offen zugestehen, sie unter normalen Umständen mangels ausreichender Qualifikation nie genommen hätten. Zugleich spielt die Regierung mit der Idee einer "grauen Armee". Mehr als 100.000 Frauen und Männer über 50 könnten, wie es heißt, als "Freiwilligenarmee" rekrutiert werden, um in Schulen und im Gesundheitssektor - dessen miserable Befindlichkeit eine eigene Geschichte ist - auszuhelfen.

Edel, aber keine Lösung, meldeten sich Kritiker zu Wort. Gestützt werden sie von ersten Studien darüber, was es für Kinder bedeutet, von stets wechselnden Lehrern betreut zu werden, darunter jenen aus dem Ausland, die bei aller fachlicher Eignung nicht mit dem britischen System vertraut seien. "Es genügt nicht, dass irgendjemand vorne in der Klasse steht und unterrichtet. Kinder brauchen Kontinuität und stabile Beziehungen zu Lehrern", sagt ein Direktor.

"Wer kann, unterrichtet" lautete eine Werbeeinschaltung, mit der die Regierung über Weihnachten neue Rekruten locken wollte. Ob das und die nach dem Jahreswechsel in Aussicht gestellten finanziellen Lockungen ausreichen, ist noch unsicher. Solange Bildungsminister David Blunkett nur von einem "Problem" spricht und das wahre Ausmaß der Krise nicht einmal anerkennen will, besteht wohl wenig Aussicht auf die so dringend nötige umfassende Reform des Bildungswesens, melden sich resignierte Stimmen zu Wort.

Diese Reform trauen die Briten und auch die Lehrer, wenn überhaupt, dann viel eher New Labour zu, wie eine Umfrage der Bildungsbeilage der Times von Mitte Jänner ergab. 54 Prozent aller Lehrer würden demnach für das Blair-Team stimmen, lediglich 20 Prozent für die Konservativen und ebenso viele für die Liberaldemokraten. Unter den Briten insgesamt würden derzeit 52 Prozent für New Labour, 31 Prozent für die Tories und 11 Prozent für die Liberaldemokraten votieren, wie eine kürzlich im Daily Telegraph veröffentlichte Umfrage zeigte. Offenbar zieht der Vermerk von New Labour, dass in vier Jahren nicht gut gemacht werden könne, was in 20 Jahren verpatzt worden sei. Dafür sei mindestens eine weitere Legislaturperiode vonnöten. Für die aber scheint New Labour weit weniger dramatische und kurzfristige Verbesserungen versprechen zu wollen, als die Partei es vor dem Urnengang 1997 getan hatte - und damit extrem hohe Erwartungen weckte, die zu erfüllen sie keinesfalls imstande war.

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