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Bagger gegen Flüchtlinge im "Dschungel"

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Frankreichs Behörden wollen das Flüchtlingscamp "Jungle" bei Calais verkleinern. Dabei schrecken sie nicht vor harten Maßnahmen zurück. Auch die Kälte kommt ihnen gelegen.

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Frankreichs Behörden wollen das Flüchtlingscamp "Jungle" bei Calais verkleinern. Dabei schrecken sie nicht vor harten Maßnahmen zurück. Auch die Kälte kommt ihnen gelegen.

Entschlossen stößt die Baggerschaufel in den gefrorenen Grund. Fest greifen die Zähne in Plas tikplanen, Zeltres te und Kleidungsstücke, die hier, am äußers ten Rand des Geländes, auf dem Boden zurückgelassen wurden. Wenig später landet alles in dem Container, bei den anderen Überbleibseln von Behausungen, bei nassen Schlafsäcken und Brettern. Einige Dutzend Beamte einer Spezialabteilung der Polizei sichern die Abrissstelle an diesem bitterkalten Morgen. Mehr der Form wegen, als dass sie dazu einen Grund hätten, denn Proteste gibt es nicht.

Verzweiflungstaten ohne Aussicht

An diesem Morgen sind Bagger angerückt, um einen Streifen von hundert Metern Breite zu räumen. Zu nah kam der "Dschungel", das inoffizielle Flüchtlingscamp außerhalb der Hafenstadt Calais, an die Autobahn heran, die in diesem Winter eine der letzten Optionen bietet, an Bord eines Lasters zu gelangen. Mehrmals versuchten Flüchtlinge den Verkehr lahmzulegen. Eine Verzweiflungstat, ohne jede Aussicht auf Erfolg, die meist in Krawallen mündete. Die Polizisten feuerten Tränengas und Gummigeschosse, die Flüchtlinge warfen Steine.

Am Abend vor der Räumung befindet sich am Eingang des "Dschungels", wo vor kurzem viele Sudanesen ihre einfachen Zelte hatten, nur noch ein Meer aus Planen und Abfall. Hier und da wärmen sich Menschen an einem stinkenden Feuer, von dem schwarzer Rauch aufsteigt. Ein wenig weiter, wo das Gebiet der afghanischen Restaurants beginnt, sind einige Männer damit beschäftigt, Teppiche vom Holzgerüst zu lösen, die in ihrem Verschlag als Wände dienten. In der Nähe, außerhalb der Räumungszone, haben sie einen Platz gefunden, an dem sie ihre Unterkunft wieder aufbauen wollen.

Das neue Jahr war gerade ein paar Tage alt, als der "Dschungel" wegen massiver nächtlicher Tränengas-Einsätze im Chaos versank. Eines Morgens tauchten Vertreter der Präfektur von Calais auf den schlammigen Wegen auf, begleitet von Polizisten, die neben den Arm- und Beinpanzern ihrer üblichen Patrouillengängen auch noch Maschinenpistolen trugen. Sie inspizierten das Gebiet, sprachen mit Flüchtlingen und hinterließen eine Drohung in Form von gesprühten rosa Markierungen auf dem Boden: die künftige Räumungs-Zone. In den nächsten Tagen wurden mit Hilfe von mehr als hundert Freiwilligen rund 1500 Personen von dort vertrieben. So manches planenverkleidete Holzgerüst sah man in diesen Tagen von sechs oder acht paar Händen durch die Dünen getragen werden.

Ein Areal ist von der allgemeinen Betriebsamkeit ausgenommen, und genau dieses ist nötig, um zu verstehen, was in diesem Winter in Calais geschieht. Am anderen Ende des "Dschungels" ist in den letzten Wochen eine kleine Siedlung aus blendend weißen Containern entstanden. 125 sind es, meist stehen zwei übereinander, und mit ihren soliden Betonfundamenten und dem Kies, der zwischen ihnen aufgeschüttet wurde, bilden sie einen bemerkenswerten Kontrast zu den Wegen und Pfaden des "Dschungels", auf denen erst Pfützen entstanden, die inzwischen gefroren sind. In jedem der einfachen Container warten sechs Doppelstock-Betten mit nagelneuen Laken und Decken auf ihre neuen Bewohner.

Am Tag, als die Präfektur Gesandte in den "Dschungel" schickte, öffneten auch die Container die Tore, für die ersten von insgesamt 1500 Personen. Wer bisher ein Zelt statt eines hölzernen Verschlags bewohnt hat, soll Vorrang bekommen. Auch für diejenigen, die von der Räumung betroffen sind, wird es hier Unterschlupf geben. Doch die Zielgruppe reagiert skeptisch: Zwar wurde der neue, dunkelgrüne Zaun, der die Container umgibt, binnen Stunden in die Umgebung integriert, indem man ein paar Kleidungsstücke dort aufhängte, damit sie irgendwann einmal trockneten. Doch da ist dieses Tor, das sich nur mit Hilfe eines elektronischen Handerkennungsverfahrens öffnet.

Viele haben Angst, dort unwissentlich ihre Fingerabdrücke zu hinterlassen. Dass es nachts geschlossen wird, würde den Traum von England endgültig vernichten. Abgezeichnet hat sich diese Entwicklung schon im Herbst, als der "Dschungel" sich mit 6.000 Bewohnern seine größte Ausdehnung erreichte. Deren Fokus hat sich vom Hafen auf den nahen Eurotunnel verlagert. Im Sommer versuchten sie es mit Massendurchbrüchen. Von Jahresbeginn bis Oktober bezahlten 20 Menschen den Versuch, nach England zu gelangen, mit dem Leben.

Also fassten die Behörden den Plan, die Zahl der Migranten auf 2000 zu reduzieren, 1500 im neuen Containercamp und weitere 500 im schon bestehenden Frauen-und Kind-Zentrum in der Nähe. Mehrere hundert wurden im Herbst willkürlich verhaftet, in anderen französischen Städten interniert und bald wieder freigelassen. Vermutlich kehrten die meisten nach Calais zurück, doch die Abschreckung als Methode war etabliert. Daneben gibt es die Option eines Platzes in einer offiziellen Flüchtlings-Unterkunft für jene, die zumindest in Erwägung ziehen, in Frankreich um Asyl anzusuchen. Die Strategie scheint zu wirken: Am Morgen der Räumung erzählt ein Freiwilliger, er habe alleine in der letzten Woche rund 300 Flüchtlinge in Busse steigen sehen, die sich ein Leben in Frankreich vorstellen können.

Widerstand gegen die Räumung

Es ist eine Tatsache: Dem "Dschungel" steht das Wasser bis zum Hals, und dies durchaus im doppelten Sinn. Wenige Tage, nachdem die Räumung angekündigt wurde, beschließt die Betreiberfirma des Eurotunnel, das Marschland am Eingang unter Wasser zu setzen. Unweit des TGV-Bahnhofs von Calais erstreckt sich hinter dem ersten von drei Zäunen eine bräunlich glänzende Fläche, beschienen vom fahlgelben Licht der Laternen entlang der Schienen. Sicher 50 Meter ist sie breit und im Begriff zu gefrieren. Die beiden Gendarmen auf nächtlicher Streife sagen, die Flüchtlinge würden es trotzdem noch versuchen. "Sie sind sehr mutig." Wie tief das Wasser ist? "Das wissen wir nicht." Und gefährlich?"Ja, das kann schon sein, aber es ist ihre Verantwortung."

Wasser ist freilich nicht die einzige Substanz, die den Weg nach England zusätzlich erschwert. Ahmed kann davon ein Lied singen, ein schmaler Afghane mit ernstem Blick. Früher war der 24-jährige Ingenieur. Zweieinhalb Monate am Kanal haben aus ihm einen Sachverständigen für Reizgas gemacht. An einem trüben Vormittag im Jänner sitzt Ahmed in einem der afghanischen Restaurants beim "Dschungel"-Eingang und analysiert den Effekt von Tränengas -"Weinen und Jucken"- im Vergleich zum CS-Reizgas - "schlimmer, weil es auf die Atemwege geht". Letzteres würden Polizisten ihm bisweilen ins Gesicht sprühen, wenn er auf der Straße an ihnen vorbeikommt. Manchmal, erzählt ein anderer Afghane, sagen sie zuerst "bonjour".

Leuchtturm und Blaulicht

Eine Woche später: Wie in jeder Nacht scheint der drehende Kegel des Blaulichts von der Autobahnbrücke über das Industriegebiet. Calais hat den Leuchtturm, der "Dschungel" das Blaulicht. Kurz vor der Morgendämmerung nähert sich ein LKW. Eben will er um die Kurve fahren, da öffnet sich die Tür. Zwei Gestalten werden herausgestoßen. Sie reiben sich die Beine und verschwinden hinkend im Dunkeln. In einer Seitenstraße beziehen die Mannschaftswagen Position, die die Räumung sichern.

Zur Dämmerung setzen sich die Bagger am anderen Ende des Camps in Bewegung. Auf der von Abfällen überfüllten Fläche unterhalb der Autobahnbrücke brennen schon wieder Feuer. Ein Flüchtling aus Ghana wärmt sich die Hände. Oben auf der steilen Böschung hat jemand in schwarzen Lettern "I have a dream" auf die Steine gesprüht. Zwei Polizisten beobachten von dort die Szenerie. Der Afrikaner sagt, später werden sich die Vertreter der Gruppen im "Dschungel" treffen. Er geht davon aus, dass es zu weiteren Räumungen kommen wird.

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