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FREIHEIT UND DEMOKRATIE

Wenn von Freiheit gesprochen wird, denkt man in der Regel an die politische, und zwar, in unserer geschichtlichen Situation, an ihre demokratische Form. Was ist aber „Demokratie“ in ihrem Wesen — die echte, nicht die der Propaganda?

Sie ist die anspruchsvollste und eben damit gefährdetste aller politischen Ordnungsformen, nämlich jene, die beständig aus dem freien Kräftespiel gleichberechtigter Personen erwächst. Die Aufgabe, sie zu schaffen, ist erschreckend groß, weil es nicht viele gibt, die ihr Wesen in den Blick bekommen.

Demokratie ist nicht ein Zustand, in dem jede Meinung •ich aufspielen und jedes Interesse sich als Staatsangelegenheit betrachten kann. Sie bedeutet zuerst und vor allem, daß der einzelne sich für das Schicksal des Staates verantwortlich wisse. Daß er wisse, er kann diese Verantwortung nicht abgeben, sondern soll sie beständig üben — ja, er übt sie, immerfort, ob er will oder nicht, durch die Weise, wie er sich verhält, zum Guten oder zum Schlimmen. Handlicher gesagt: Der Staat ist das, wozu der einzelne, jeweils der einzelne, ihn macht. Daraus kommt ein großer Ernst, denn er weiß ja auch — sollte es wenigstens wissen —, was er vermag und wo er versagt. Auf diesem Ernst ruht die demokratische Freiheit.

Wir haben gesehen, sie ist jene politische Ordnung, die aus der Verantwortung der einzelnen. “erwächst — nun müssen wir dle'Bestimmung fortführen: der einzelnen, die zueinander im Verhältnis wechselseitiger Achtung stehen. Mehr: deren jeder sich auf den anderen verlassen kann, weil er weiß, daß alle das Wohl des Ganzen wollen. Es wirklich wollen; nicht nur sagen, sie täten es. Soviel ist Demokratie real, als diese Haltung wirksam ist.

Manche der heute Lebenden kommen noch aus der Zeit des Individualismus. Sie haben noch jenes Grundgefühl erlebt, in dem der einzelne sich als Maß der Existenz wußte — denken wir nur an die gewalttätige Formel Max Stirners, für den die eigentliche Wirklichkeit „der einzelne und sein Eigentum“ war (1845). So hat es für sie etwas Entscheidendes bedeutet, als sie erkannten: Ich bin nicht allein; der andere ist es auch. Und er ist es mit dem gleichen Recht wie ich, so daß die politische Existenz auf meinem Einvernehmen mit ihm ruht. Nicht auf dem Einvernehmen gleicher Meinung, denn wir können verschiedene Ansichten haben; aber auf dem des gleichen Grundanliegens: der Ehe und des Wohls des Ganzen. Auch ist es nicht nur dieser mir nahestehende einzelne, sondern die vielen, die unzähligen Gruppen, Schichten, Richtungen; noch einmal mehr, das Ganze: Volk, Land und Kultur, in seiner Mannigfaltigkeit und Einheit zugleich. So ruht Demokratie auf einem Bewußtsein, das sich in dieses Ganze hinausbreitet, nicht um über es zu herrschen oder von ihm beherrscht zu werden — das ist die Lügenform der Demokratie, des Totalismus —, sondern um es zu durchfühlen, sein Leben zu spüren und seine Ordnung von Mal zu Mal, von Begegnung zu Begegnung als beständige Resultante aus den vielen Einzelkräften heraus aufzubauen.

Von der Demokratie wird oft geredet, als sei sie ein leichtes Handwerk, eine Sache der Mehrheitsrechnung. In Wahrheit ist demokratische Existenz schwer, denn sie ist nie gesichert. Ihr fehlt das, was die konservativen Staatsformen trug: die Verwurzelung in geheiligten Traditionen; in Haltungen, die aus der Tiefe des Unbewußten heraufwuchsen. Demokratie ist Gleichgewicht, aber immerfort werdendes; so verlangt sie Wachsamkeit, Selbstlosigkeit und Zucht.

Aus alledem erwächst die Freiheit. Ohne das ist sie Unordnung, die nur durch Taktik und Polizei gehindert wird, als Chaos durchzubrechen oder in Diktatur umzuschlagen.

Über die Freiheit wäre noch viel zu sagen, denn sie bildet ja eine Haltung des ganzen Menschen und bezieht sich auf alles, was sein Dasein ausmacht. Wir müssen uns aber beschränken; so soll nur noch von einer Form des Freiheitsanspruchs die Rede sein, hinsichtlich deren eine große Verwirrung der Ansichten und eine nachgerade gefährliche Verwilderung der Praxis herrscht, nämlich von der Freiheit der Information.

Sie hängt eng mit dem Ethos der Demokratie, näherhin mit dem für die letztere wesentlichen Faktor der Öffentlichkeit und öffentlichen Meinung zusammen. Wenn die demokratische Staatsform auf der Verantwortung und Mitwirkung jedes einzelnen ruht, dann muß dieser sich über das unterrichten können, was im allgemeinen sozialen, politischen, kulturellen Leben vor sich geht, auch seinerseits in der Lage sein, die Informationen zu geben, die er für nötig hält. Sobald diese Möglichkeit eingeschränkt wird, fühlt der seiner Verantwortung bewußte einzelne sich in seiner Freiheit bedroht.

Nun besteht aber eine Wechselbeziehung zwischen der öffentlichen Sphäre mit ihren Ansprüchen auf der einen und der privaten mit den ihrigen auf der anderen Seite. Der Anspruch der ersteren, durchgesetzt durch ein weitverzweigtes System der Beobachtung und Benachrichtigung, wächst beständig. Das Gefühl bildet sich, die Öffentlichkeit habe das Recht, alles zu erfahren, und dürfe daher in jeden, auch den empfindlichsten, bisher durch Ehrfurcht, Takt, Scham geschützten Bereich eindringen. Ja aus dem Anspruch auf Information wird ein immer unverblümterer Anspruch auf Sensation: je privater der Vorgang, desto dringender der Wunsch, von ihm zu erfahren.

Auf diesem Wege überschreitet die Öffentlichkeit nicht nur ihre Grenzen, sondern sie entarten in ihr selbst. Öffentlichkeit und Privatsphäre sind keine Bereiche, die voneinander unabhängig wären. Die Öffentlichkeit ist ein Begegnungsfeld von Menschen, deren jeder auch in einer Privatsphäre lebt. Sobald letztere Schaden leidet, steigert das durchaus nicht die Fähigkeit jenes Feldes, seine Funktion zu erfüllen. Aus der echten Öffentlichkeit wird vielmehr etwas Chaotisches, das allen Impulsen der Brutalität und Demagogie zugänglich ist. Die Öffentlichkeit als unentbehrliches Element demokratischer Existenz bedarf der Privatsphäre, nicht nur um anständig, sondern auch um in ihrem eigentlichen Sinn aktionsfähig zu sein — ebenso wie umgekehrt die moderne Privatsphäre keine individualistische Abkapselung sein darf, sondern in Fühlung mit der Öffentlichkeit stehen muß. Die Freiheitsbedeutung der Öffentlichkeit ruht auf der Selbständigkeit des Urteils und Sicherheit der Entscheidung, mit welcher sie Stellung nimmt; die aber wachsen aus dem Boden einer unabhängigen und respektierten Privatsphäre.

Die neuen Informationsmöglichkeiten haben weithin ihr Ethos noch nicht gefunden, laufen vielmehr wild und schaden dem Organismus der demokratischen Gesellschaft. Sie müssen ein Gefühl dafür entwickeln, wann eine Information nicht nur richtig, sondern sinngemäß und anständig ist. Ein Gefühl also für den Gegenbereich zur Öffentlichkeit; ihn zu achten zerstört nicht die Freiheit der Information, sondern zieht ihr die gesundhaltenden Grenzen.

Die Öffentlichkeit hat ein Recht, von geschehenen Verbrechen zu erfahren, damit sie daraus ein Urteil über den allgemeinen sittlichen Stand gewinnen könne. Etwas ganz anderes aber ist es, wenn die Information in einer Breite und Weise vor sich geht, daß der Bericht als Anreiz zum Kriminellen wirkt. Daß der Bildreporter die Geschehnisse des Tages zur Anschauung bringt, ist richtig; wenn er aber bei der Wiedergabe eines Unglücks eine Frau photographiert, die über den Tod ihres Mannes klagt, dann überschreiten sowohl der Photograph wie der Betrachter des Bildes die Grenzen des Gehörigen. Gewiß dürfen religiöse Ereignisse wiedergegeben werden; es ist aber taktlos, ja unfromm, wenn betende Menschen so photographiert werden, daß man ihnen ins Innere schauen kann. Nicht zu sprechen von jenen — immer zahlreicher werdenden — Reportagen, denen es überhaupt nicht um echte Anliegen der Allgemeinheit, sondern ganz einfach um sexuelle Sensation zu tun ist.

Wenn der Anspruch auf Freiheit der Information sich weiter sö entwickelt, wie er es tut, wird-er -unglaubwürdig: Dia Art des Protests, der sich erhebt, sobald' jemand sich gegen die Verwilderung wehrt, zeigt, welcherlei Motive im Spiel sind.

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