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Karl-Markus Gauß: Geselligkeit und „postjugoslawische Momente“
Karl-Markus Gauß hat innerhalb von vier Monaten zwei sehr unterschiedliche Bücher publiziert – ein Bändchen zum Thema Geselligkeit in der Reihe „Gedankenspiele“ beim Droschl Verlag sowie ein neues Reisebuch, sein erstes nach längerer Zeit. Diese Produktivität beweist Fleiß und Schreibfreude, aber auch den Wunsch, die ihm wichtigen Themen und Anliegen in verschiedenen Genres auszudrücken.
Ein Schriftsteller wie Gauß, dessen langjährige und umfangreiche Produktion ein echtes Œuvre darstellt, versteht es, Werke sehr unterschiedlicher Länge und unterschiedlichen Inhalts miteinander in Dialog zu bringen.
„Gedankenspiele über Geselligkeit“
Mit Karl-Markus Gauß für den Begriff Geselligkeit fiel die Wahl auf einen Autor, dessen Werk große Affinität zu diesem Konzept beweist. Am Ende seines Brüssel-Essays treffen wir etwa Karl de Ligne, Feldmarschall und Schriftsteller aus den Österreichischen Niederlanden. Dessen Zeitgenossen, so Gauß, „hoben seine stete Freundlichkeit, die Geselligkeit, den Esprit und die Umsicht, mit der er sogar zerstrittene Leute in der geistvollen Unterhaltung miteinander zu verbinden wusste“, hervor.
In einem ganz anderen Kontext, nach einer langen Fahrt durch Bulgarien, trifft der Reisende eine gebildete Dame, der er nach einem Sturz wieder auf die Beine hilft: „Liebenswürdig parlierte sie […] noch ein wenig mit mir, eine Dame, die wusste, dass zur Kultur auch die Konversation gehörte, die Fähigkeit und Bereitschaft, mit Unbekannten ein paar leicht dahingesprochene Sätze zu wechseln, Interesse an ihren Interessen zu bekunden und ihnen ein paar eigene Meinungen mehr anzudeuten als mitzuteilen.“
De Ligne und die bulgarische Zufallsbekanntschaft manifestieren zentrale Charakteristika der „Geselligkeit“, die Gauß in seinem Büchlein analysiert. Dazu gehört etwa die Empathie, die Fähigkeit, sich auf andere einzustellen, gleichzeitig aber auch sich selbst zurückzunehmen und dadurch andere miteinander in Verbindung zu bringen.
Die wichtigste Qualität dieser Geselligkeit hätte man allerdings nicht erwartet, nämlich ihre inhärente Zwecklosigkeit. Sie ist anti-didaktisch und will zwar „durchaus das Ihre zu einer ‚besseren Gesellschaft‘ beitragen, aber sie kämpft nicht für sie, sondern ist sich reiner Selbstzweck.“
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