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Tod und Terror im "Glücklichen Tal"

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Das Zünden der "Hindu-Bombe" in Indien und der "Islam-Bombe" in Pakistan hat die Gefahr eines vierten Krieges am indischen Subkontinent enorm verschärft. Anlaß könnte der blutige Konflikt um die Provinz Kaschmir sein.

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Das Zünden der "Hindu-Bombe" in Indien und der "Islam-Bombe" in Pakistan hat die Gefahr eines vierten Krieges am indischen Subkontinent enorm verschärft. Anlaß könnte der blutige Konflikt um die Provinz Kaschmir sein.

Die Straßen von Srinagar sind total ausgestorben, die Geschäfte mit Roll-Läden verschlossen. Kein Gesicht zeigt sich an den Fenstern der Häuser. In der gespenstischen Stille nähert sich das Dröhnen von Motoren der Panzerautos, mit denen die indischen Besatzer durch die Straßen patrouillieren. Dann und wann knattert eine Maschinenpistole nervöser Soldaten, die an allen strategischen Punkten der Stadt aufgezogen sind.

In der Hauptstadt Kaschmirs, die heute von nahezu einer Million Menschen bewohnt wird, haben die Moslems aus Protest gegen die Unterdrückungsmethoden der Inder wieder einmal den Generalstreik ausgerufen. Die Inder antworten mit einem "Crackdown" in Stadtvierteln, wo islamische Widerstandskämpfer und Waffendepots vermutet werden. Schon seit dem Morgengrauen werden systematisch Häuser durchsucht und die männlichen Bewohner abgeführt. Zurück bleiben Frauen und Kinder in Angst und Sorge. An den Sammelstellen beginnt für die Festgenommenen ein langes Warten. Alle Männer, besonders die jungen Leute, werden hochnotpeinlich verhört. "Amnesty International" spricht sogar von Folterungen, die oft tödlich enden. Die indischen Sicherheitsbehörden leugnen das, geben aber immerhin gelegentliche "Übergriffe" zu.

Verhaftungen ohne zeitliche Begrenzungen und ohne Gerichtsverfahren sind an der Tagesordnung. Wer Pech hat, wird von Verrätern unter den Kaschmirern bei den Indern angezeigt. Daß bei dieser Gelegenheit auch alte Streitigkeiten unter Nachbarn und Geschäftsleuten ausgetragen werden, liegt auf der Hand. Den Indern gelingt es dadurch, Unsicherheit und Mißtrauen unter die schwer geprüfte Bevölkerung zu streuen. Natürlich kennen auch die islamischen Partisanen keine Gnade, wenn sie einen "Quisling" erwischen.

Trotz des ungeheuren Aufgebots an Sicherheitskräften - in Kaschmir sind eine halbe Million Soldaten, Polizisten und "Sonder-Einheiten" stationiert - ist kein Ende der Kämpfe abzusehen. Die Widerstandskräfte innerhalb Kaschmirs werden laufend durch Guerillakämpfer, die in Pakistan ausgebildet wurden, verstärkt. Ortskundige Kaschmirer führen sie über die "Waffenstillstandslinie", die das "Freie Kaschmir" (Azad Kaschmir) vom indisch-besetzten Teil des Landes trennt. Viele der Mudschahedins haben jahrelange Kampferfahrung in Afghanistan gesammelt und sind bedingungslos bereit, im "Heiligen Krieg" gegen die indischen Hindu-Besatzer ihr Leben zu opfern. Ihre Zahl beträgt schätzungsweise 1.000 Mann, während in Kaschmir selbst ungefähr 10.000 Widerstandskämpfer operieren. Sie sind in viele Gruppen aufgesplittert, von denen als stärkste die "Jammu-Kaschmir-Befreiungsfront" (JKLF) gilt. Allerdings ziehen auch kriminelle Banden ihren Vorteil aus der unsicheren Situation: Sie rauben, morden und entführen ohne ideologische oder politische Motive.

Zulauf erhalten die "Militanten", wie sie von den Indern genannt werden, vor allem von jungen Männern, die wegen der Wirtschaftskrise keinen Arbeitsplatz finden. Denn der seit 1989/90 verschärfte Konflikt hat vor allem die Haupteinnahmequelle Kaschmirs, den Tourismus, tödlich getroffen. Kamen in den achtziger Jahren noch alljährlich rund 600.000 Touristen in das "Venedig Asiens", wie Srinagar wegen seiner malerischen Kanäle und Seen genannt wird, so sind es derzeit nur einige hundert.

Besonders betroffen sind die Eigentümer von Hotels und der für Srinagar so typischen Hausboote; rund 3.000 liegen seit Jahren unbenützt in den Gewässern des Dal-Sees und der Kanäle. Das Personal dieser Unterkünfte, aber auch die Angestellten im Transportgewerbe (Autobus- und Taxifahrer, Ruderer der "Schikaras", der lokalen Gondeln) sind ebenso arbeitslos geworden wie die Leute, die typische Kaschmir-Souvenirs herstellen: Kaschmir-Schals, Walnuß-Schnitzereien, Papiermache-Dosen und vor allem die berühmten Seidenteppiche. Viele junge Kaschmirer versuchen in anderen Teilen Indiens einen Arbeitsplatz zu finden. Andere gehen in ihrer Heimat Gelegenheitsarbeiten nach und werden von den größtenteils noch intakten Großfamilien versorgt. Doch die Unzufriedenheit und der Haß auf die indischen Besatzer, denen die Schuld an der katastrophalen Situation angelastet wird, wächst täglich.

Von Tod und Terror, der nun schon fast ein Jahrzehnt im einst "Glücklichen Tal" wütet, ist auch die zahlenmäßig geringere Hindubevölkerung Kaschmirs betroffen, die früher friedlich mit den Moslems zusammenlebte. Rund 300.000 Hindu wurden in "sichere" Gebiete der Provinz Jammu-Kaschmir umgesiedelt. Zurück bleiben oft verbrannte Dörfer und Tempel. Diese Flüchtlinge leben in denselben tristen und hoffnungslosen Verhältnissen, wie die Moslem-Flüchtlinge drüben im pakistanisch besetzten Teil Kaschmirs.

Teile und herrsche Die Ursachen des tragischen Konfliktes, der schätzungsweise 30.000 Menschen das Leben gekostet hat, sind in der britischen "Divide and Rule"-Politik zu suchen. Diese perfide "Teile- und-herrsche"-Politik hat auch in anderen Teilen Asiens und Afrikas für die betroffenen Völker großes Unheil ausgelöst.

Als am 15. August 1947 das bis dahin britische Kaiserreich Indien nach religiösen Gesichtspunkten geteilt wurde, erwartete der in Kaschmir überwiegend moslemische Teil der Bevölkerung den Anschluß an die "Islamische Republik Pakistan". Doch der Maharadscha von Kaschmir, der sich zum Hinduismus bekannte, ignorierte den Willen des Volkes und stellte sich unter den Schutz Indiens.

Die Moslems riefen den "heiligen Krieg" aus und standen bald, unterstützt von pakistanischen Truppen, vor den Toren Srinagars. Indien folgte dem Hilferuf des Maharadschas und entsandte auf dem Luftweg Truppen nach Kaschmir. Diese besetzten vier Fünftel des Gebirgslandes, während ein Fünftel als "Freies Kaschmir" bei Pakistan blieb. Während der drei Kriege, die Indien und Pakistan seit 1947 gegeneinander führten, kam es immer wieder zu Kämpfen an der "Waffenstillstandslinie", die von Beobachtern der Vereinten Nationen überwacht wird. Grenzübertritts-Stellen zwischen dem indischen und pakistanischen Teil Kaschmirs gibt es nicht. Schon seit mehr als einem halben Jahrhundert sind durch diesen "Eisernen Vorhang" drei Millionen Kaschmirer im pakistanischen Teil von ihren sieben Millionen Brüdern und Schwestern im indisch besetzten Kaschmir getrennt.

Entlang dieser 400 km langen "Demarkationslinie" kommt es immer wieder zu größeren und kleineren Gefechten. Selbst auf den 5.000 und 6.000 Meter hohen Gletschern schießen Pakistaner und Inder völlig sinnlos aufeinander. Damit ist der Himalaja zum höchsten Kriegsschauplatz der Weltgeschichte geworden. Schon ein kleiner Funke aber könnte in dieser Krisen-Region eine Explosion auslösen, die zum Zünden der "Hindu-Bombe" und der "Islam-Bombe" führt. Man kann nur hoffen, daß den beiden Völkern die Apokalypse erspart bleibt.

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