ÖVP-Zentrale in der Wiener Lichtenfelsgasse - Für das Parteikürzel hat ÖVP-Langzeitmitglied Manfried Welan seine eigene Auslegung: „Ihr Name beginnt mit Österreichische, setzt sich im Volk fort und dann kommt erst die Partei.“ - © APA / Jäger

Jede Zeit hat ihre Hühneraugen

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Ein Jahresrückblick mit zwei Büchern über die 2022 heftig diskutierte Christdemokratie: das eine über ihre autoritäre Versuchung, das andere über drei Identitäten eines Christdemokraten.

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Ein Jahresrückblick mit zwei Büchern über die 2022 heftig diskutierte Christdemokratie: das eine über ihre autoritäre Versuchung, das andere über drei Identitäten eines Christdemokraten.

Ein Schwarzbuch über die Schwarzen? Der Titel des Buches „Die dunkle Seite der Christdemokratie“ des Politikwissenschafters Fabio Wolkenstein lässt solches vermuten; der Untertitel „Geschichte einer autoritären Versuchung“ verstärkt diesen Gedanken noch. Doch der TT-Professor für Transformationen der Demokratie am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien legt mit diesem Buch keine Abrechnung oder Polemik vor. Er reitet auch keine „politische Attacke unter wissenschaftlichen Vorzeichen“, wie Wolkenstein selbst betont, sondern bietet eine Licht-und-Schatten-Analyse der Christdemokratie als eine der maßgeblichen politischen Bewegungen Europas. Und obwohl mitten in diesem Jahr erschienen, liest sich das Buch wie ein Jahresrückblick: Wenn Wolkenstein über die britischen Torys schreibt, wirft das auch ein erhellendes Licht auf deren schwierigen Premier- und Selbstfindungsprozess in diesem Jahr. Oder der europäische Dauerstress mit Ungarn. Oder die ÖVP-Nachwehen im Gefolge der türkisen Abgänge. Oder die noch in der Oppositionsrolle fremdelnde CDU.

Von Adenauer bis Orbán

„Verglichen mit anderen politischen Ideologien und Parteienfamilien ist die Christdemokratie nur wenig erforscht“, schreibt Wolkenstein und ist darüber angesichts deren Bedeutung selbst verblüfft. Warum aber gerade jetzt eine Analyse der Christdemokratie höchst notwendig ist, begründet er mit der zentralen Rolle, die konservative Parteien oft bei der Stabilisierung der Demokratie gespielt haben – und die wieder von höchster Aktualität ist: „Wie Studien zeigen, hing der Erfolg einer demokratischen Ordnung oft wesentlich davon ab, ob politische Kräfte rechts der Mitte willig waren, die Demokratie und ihre Institutionen aktiv zu verteidigen – oder ob sie aus wahltaktischen oder ideologischen Gründen beschlossen, mit jenen gemeinsame Sache zu machen, die sich nach einem autoritären Staat sehnten.“

Der Blick ins Personenregister zeigt die extremen Pole dieser Ausrichtung: Am öftesten kommen Konrad Adenauer und Viktor Orbán vor, knapp gefolgt von Franz Josef Strauß. Engelbert Dollfuß und der portugiesische Ständestaat-Diktator António de Oliveira Salazar werden für die Analyse genauso oft herangezogen wie Helmut Kohl und Angela Merkel. Sebastian Kurz und Gernot Blümel sind die einzigen ÖVP-Politiker, die im Buch vorkommen – im Unterkapitel „Ideologiebefreite Opportunisten?“

Manfried Welan packt den ehemaligen Bundeskanzler und seinen Finanzminister in seinem Buch „Wiener – Österreicher – Europäer“ in das Kapitel „Österreich ist, was ‚der Fall‘ ist“. Die beiden stehen da in einer langen Reihe unter anderem mit dem Fall Habsburg oder dem Fall Karl Schranz, den Fällen Zwentendorf und Hainburg, Groër und Krenn, Waldheim und Klestil und vielen anderen. „Fälle“, schreibt Welan, „sind wie Vergrößerungsgläser, Vergrößerungsspiegel, in denen sich eine Gesellschaft erkennen kann.“ Insofern passt das Buch des Rechtswissenschafters, früheren Boku-Rektors und Wiener Stadtpolitikers mit dem Identitäts-Dreifaltigkeit-Titel gut, um gemeinsam mit Wolkensteins Christdemokratie-Exegese gelesen zu werden. Denn im Vorjahr waren es 60 Jahre, dass Welan ÖVP-Mitglied geworden ist. Auf die FURCHE-Frage zu diesem diamantenen Jubiläum, wie oft er als Liberaler überlegt habe, aus der Volkspartei auszutreten, antwortete er: „Nie! Das ist bei mir mit der Partei genauso wie mit der Kirche. In meiner Familie ist außer mir niemand dabei, aber ich habe da eine gewisse Anhänglichkeit.“

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