Kinder leiden unter Arbeitslosigkeit der Eltern

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Zwei Faktoren beeinflussen entscheidend das Leben von Arbeitslosen: Weniger Geld und mehr Zeit als vielen lieb ist.

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Zwei Faktoren beeinflussen entscheidend das Leben von Arbeitslosen: Weniger Geld und mehr Zeit als vielen lieb ist.

Arbeitslosigkeit kann zur ,übermächtigen', lebensbestimmenden Realität werden", warnt Jens Luedtke, Autor des Buches "Lebensführung in der Arbeitslosigkeit". Erwerbslosigkeit, so der Autor weiter, ist eine Erfahrung, die exklusiv mit modernen (Industrie-)Gesellschaften zusammenhängt und sie stellt für die Betroffenen einen gravierenden Einschnitt in die Biographie dar, der mit zunehmender Dauer immer schwerer verarbeitbar sein kann.

Arbeitslose empfinden ihre Erwerbslosigkeit als starke Belastung. Die zentrale Frage lautet daher für Luedtke: "Inwieweit sind Arbeitslose trotz vorhandener Grenzen, die sich aus der objektiven Lage ergeben, willens und fähig, eigenständig Lebens- und Zukunftsplanung zu betreiben und diese Entwürfe auch umzusetzen?"

Zwei einschneidende Faktoren verändern erheblich die Situation der Betroffenen: Durch die Einschränkung des Haushaltseinkommens unterliegen Arbeitslosenhaushalte einem erheblichen Verarmungsrisiko. Rund die Hälfte ist beträchtlich verschuldet. Der andere Aspekt ist die "Mehr-Zeit". Die in der Erwerbsarbeit verbrachte Zeit ist eine erhebliche Voraussetzung dafür, daß Zeit privat verbracht werden kann, so der Autor: "Nur wer arbeitet, soll einen legitimen Anspruch auf Zeit haben, und nur wer arbeitet, hat auch die ökonomischen Möglichkeiten, freie Zeit als Konsument zu nutzen." Ansonsten gerät Zeit in Gefahr, wertlos zu werden. "Ein vorübergehender Ausschluß aus der Erwerbsarbeit kann potentiell jedem dahin führen, daß seine Qualifikationen entwertet werden, sein Humankapital relativ geringer wird und seine Reintegrationschancen abnehmen."

Freizeit durch Arbeitslosigkeit sei ein "tragisches Geschenk". Das plötzliche Verfügen über freie Zeit wird zu einem Problem. Langeweile, Unausgelastetsein oder Nichtstun ist für knapp ein Drittel der Befragten eine sehr unangenehme Erfahrung. Die Mehr- Zeit wird zum Ausdruck seines abweichenden Sozialstatus. So wagen es etwa manche Arbeitslose nicht, öffentliche Orte, die mit Erholung, Entspannung und Freizeitvergnügen in Verbindung gebracht werden (beispielsweise das Schwimmbad) zu den allgemein üblichen Arbeitszeiten zu benutzen. Frauen haben es dabei leichter, denn mit Ausnahme des Rentner-Daseins gibt es keine gesellschaftlich anerkannte Alternativrolle für Männer.

Ein großer Teil des Buches ist betroffenen Familien gewidmet. Kinder, meint Luedtke im Kapitel "Arbeitslosigkeit als Problem für die Familien", seien eine bei den bisherigen Untersuchungen vernachlässigte Gruppe, denn sie sind durch die Arbeitslosigkeit der Eltern erheblichen Belastungen ausgesetzt.

Obwohl diese sehr bemüht sind, die Folgen der Arbeitslosigkeit den Kindern nicht spüren zu lassen, treten in Familien mit (Langzeit-)Arbeitslosen mehr Probleme auf. Neben den finanziellen Einsparungen, etwa für Weihnachtsgeschenke oder Schulausflüge, zählen dazu Versuche älterer Kinder, Konflikte zwischen den Eltern auszugleichen und selbst Verantwortung übernehmen zu wollen. Aber auch Verhaltensänderungen beim arbeitslosen Elternteil machen Kindern zu schaffen. Arbeitslosigkeit des Vaters bewirkt, so die Studienergebnisse, weniger Lebensmut in den Familien und weniger Prestige, wodurch familiäre Spannungen steigen. Ist das Familieneinkommen über ein Jahr hinweg reduziert, so wurde bei Kindern und Jugendlichen ein verringertes Selbstwertgefühl und eine deutlich erhöhte Bereitschaft zur Normübertretung festgestellt.

Die detaillierten Untersuchungen beziehen sich zwar auf Deutschland, die Situation ist aber mit den Verhältnissen in Österreich vergleichbar. Zahlreiche Statistiken, Tabellen und Grafiken ergänzen die Studie.

Nächste Woche im Teil 4: * Trotz Kündigung muß man sich nicht alles bieten lassen.

* "Erfahrene Mitarbeiter gesucht" - Ältere am Arbeitsmarkt Lebensführung in der Arbeitslosigkeit Von Jens Luedtke Verlag Centaurus, Pfaffenweiler 1998 295 Seiten, öS 437,

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