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Gesellschaft

Koning der Letzte?

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Hunderttausende Besucher aus aller Welt, ein bombas-tisches Fest von geradezu epischen Ausmaßen (und rund sieben Millionen Euro Kosten), dazu die Gesichter des neuen Königspaares auf allen Kanälen und jeder Titelseite: kein Zweifel, die Thronübergabe Beginn dieser Woche rückte die Niederlande vorübergehend ins Zentrum des Weltgeschehens.

Wenn der Rummel vorüber sein wird und die Festbesucher ihren Rausch ausgeschlafen haben werden, dürfte in den Niederlanden selbst bald ein anderes Thema in den Fokus rücken: die Frage, welche Funktion das Königshaus Oranje-Nassau in Zukunft haben soll. Seit einigen Jahren kommt diese Diskussion mit einiger Regelmäßigkeit auf. Nicht mehr als logisch ist es da, dass ein Thronwechsel dazu einen neuen Anlass, und womöglich gar eine neue Perspektive bietet. Der Satz, auf den viele Niederländer gewartet hatten, fiel schon zwei Wochen vor der Krönung: in einem ausführlichen TV-Gespräch kündigte der angehende König Willem-Alexander an, er sei im Rahmen der Verfassung bereit, als Staatsoberhaupt jede Rolle zu akzeptieren - auch eine rein zeremonielle. Dieses Bekenntnis brachte ihm allenthalben Sympathien ein. Der Monarch, der die politische Macht des Parlaments bekräftigt: ein Schachzug, der ebenso naheliegend wie klug war.

Künftig Zeremonienmeister?

Eigentlich lässt sich die defensive Aufstellung Willem-Alexanders nämlich als Unterhaltsarbeit am Fundament seiner Herrschaft interpretieren. Irgendwann nämlich wird sich die Parlamentsmehrheit wieder zu Wort melden, die fordert, dass das Staatsoberhaupt, wie in anderen europäischen Monarchien üblich, kein Teil der Regierung ist. Die Rolle als Vermittlerin beim Bilden einer neuen Regierung hat das Parlament Königin Beatrix zwar vor den Wahlen 2012 gestrichen. Ministerpräsident Rutte jedoch räsonierte unlängst darüber, diesen Schritt rückgängig zu machen.

Wie aber stehen die Niederländer eigentlich zur Monarchie? Internationale Medien zeichnen gerne das Bild eines monarchieverrückten Landes, dem die Farbe Orange einen liebenswerten Fanatismus entlocke. Insbesondere in Deutschland entspringt es auch der eigenen Vorliebe für "die Oranjes“, die häufig mit der Tatsache erklärt wird, selbst eben kein Könighaus zu haben. Was auch immer hinter solcher Projektion steckt, das Bild über die Niederländer ist, mit Verlaub, Unsinn.

Nach einer Langzeit-Untersuchung des Öffentlich-Rechtlichen Rundfunksenders NOS stehen 75 Prozent der Niederländer hinter der Monarchie, und 15 Prozent lehnen sie ab. Ein nuancierteres Bild, wenngleich inhaltlich sehr verschieden, entwirft der Meinungsforscher Maurice de Hond. Jeweils 20 Prozent seien erklärte Befürworter oder Gegner, während sich die Mehrheit in zwei gleich große neutrale Blöcke teile. Jeder tendiere leicht zu einer Staatsform, habe aber mit der jeweils anderen kein Problem. Monarchiefreunde verbindet vielfach die Freude am königlichen Schauspiel, von der Gegenseite als "Puppentheater“ abgetan. Die Mitglieder des Königshauses erfüllen hier durchaus die Funktion einer märchenhaften Parallelwelt, deren Glanz und Glamour einen warmen Kontrast zur vermeintlich kalten Realität mit Krise und Alltag bilden. In einem Essay in der progressiven Zeitschrift Vrij Nederland führt der Publizist Jaco Alberts zwei weitere Gründe für die Monarchie an: zum einen sei deren politische Macht begrenzt und nehme weiterhin ab (siehe oben). Zum anderen bürge die Monarchie gerade in unruhigen Zeiten für Kontinuität, sie sei ein nationales Symbol.

Das Bedürfnis nach solch einigendem Potential ist offensichtlich: fünf Parlamentswahlen in nur zehn Jahren, dazu die nach zwei politisch motivierten Morden latent entflammbare Integrationsdebatte und die nagende Frage nach so etwas wie Identität bescherten dem Land seit der Jahrtausendwende erhebliche Unruhe. Dass Königin Beatrix sich in einer Weihnachtsansprache deutlich vom xenophoben Scharfmacher Geert Wilders distanzierte, brachte ihr nicht zuletzt Beifall in linksliberalen Kreisen.

Einigung der Monarchiegegner

Einigende Wirkung hatte just die Thronübergabe aber auch auf die Monarchiegegner. Als deren Synonym galt lange die Nieuw Republikeins Genootschap (NRG), deren meist ältere und gut situierte Mitglieder einen Querschnitt durch das politische Spektrum bilden. Die Steuerfreiheit des Königshauses beenden, die öffentlichen Kosten der Monarchie - rund 40 Millionen Euro jährlich - kürzen und schließlich die Republik der Niederlande: dies sind ihre Ziele.

Zuletzt erhielten die Republikaner Verstärkung durch ein Netzwerk, das unter dem Namen Het is 2013 (Es ist 2013) fordert: weg met de Monarchie! Dahinter stecken junge Aktivisten, oft Studenten aus dem Umfeld der Occupy-Bewegung, die die Monarchiekritik für sich entdeckt haben. Aktiv sind sie nicht nur im Internet, sondern rufen auch zu Protesten während des Thronwechsels auf.

Einig sind sich beide Fraktionen nicht nur darin, dass sich ein Königshaus und Demokratie gegenseitig ausschließen. Konsens herrschte daneben auch darüber, dass die Proteste zur Krönung friedlich sein müssten und, wie es heißt, "nicht auf die Person zielen, sondern auf die Institution der Monarchie“. Der Grund dieser Nuancierung liegt in der Erinnerung an die letzte Krönung von 1980: als Beatrix den Thron bestieg, kam es zu massiven Strassenschlachten zwischen Hausbesetzern und Polizei.

Eine andere Form von politischem Protest gab es 2013: 14 Mitglieder von Parlament und Senat verweigerten Willem-Alexander den Eid, weil er nicht demokratisch gewählt ist. Die republikanische Bewegung sieht dies als Zeichen, dass es mit der Monarchie zu Ende geht. Sie haben dem neuen König bereits einen Beinamen gegeben: "Willem der Letzte“.

Hunderttausende Besucher aus aller Welt, ein bombas-tisches Fest von geradezu epischen Ausmaßen (und rund sieben Millionen Euro Kosten), dazu die Gesichter des neuen Königspaares auf allen Kanälen und jeder Titelseite: kein Zweifel, die Thronübergabe Beginn dieser Woche rückte die Niederlande vorübergehend ins Zentrum des Weltgeschehens.

Wenn der Rummel vorüber sein wird und die Festbesucher ihren Rausch ausgeschlafen haben werden, dürfte in den Niederlanden selbst bald ein anderes Thema in den Fokus rücken: die Frage, welche Funktion das Königshaus Oranje-Nassau in Zukunft haben soll. Seit einigen Jahren kommt diese Diskussion mit einiger Regelmäßigkeit auf. Nicht mehr als logisch ist es da, dass ein Thronwechsel dazu einen neuen Anlass, und womöglich gar eine neue Perspektive bietet. Der Satz, auf den viele Niederländer gewartet hatten, fiel schon zwei Wochen vor der Krönung: in einem ausführlichen TV-Gespräch kündigte der angehende König Willem-Alexander an, er sei im Rahmen der Verfassung bereit, als Staatsoberhaupt jede Rolle zu akzeptieren - auch eine rein zeremonielle. Dieses Bekenntnis brachte ihm allenthalben Sympathien ein. Der Monarch, der die politische Macht des Parlaments bekräftigt: ein Schachzug, der ebenso naheliegend wie klug war.

Künftig Zeremonienmeister?

Eigentlich lässt sich die defensive Aufstellung Willem-Alexanders nämlich als Unterhaltsarbeit am Fundament seiner Herrschaft interpretieren. Irgendwann nämlich wird sich die Parlamentsmehrheit wieder zu Wort melden, die fordert, dass das Staatsoberhaupt, wie in anderen europäischen Monarchien üblich, kein Teil der Regierung ist. Die Rolle als Vermittlerin beim Bilden einer neuen Regierung hat das Parlament Königin Beatrix zwar vor den Wahlen 2012 gestrichen. Ministerpräsident Rutte jedoch räsonierte unlängst darüber, diesen Schritt rückgängig zu machen.

Wie aber stehen die Niederländer eigentlich zur Monarchie? Internationale Medien zeichnen gerne das Bild eines monarchieverrückten Landes, dem die Farbe Orange einen liebenswerten Fanatismus entlocke. Insbesondere in Deutschland entspringt es auch der eigenen Vorliebe für "die Oranjes“, die häufig mit der Tatsache erklärt wird, selbst eben kein Könighaus zu haben. Was auch immer hinter solcher Projektion steckt, das Bild über die Niederländer ist, mit Verlaub, Unsinn.

Nach einer Langzeit-Untersuchung des Öffentlich-Rechtlichen Rundfunksenders NOS stehen 75 Prozent der Niederländer hinter der Monarchie, und 15 Prozent lehnen sie ab. Ein nuancierteres Bild, wenngleich inhaltlich sehr verschieden, entwirft der Meinungsforscher Maurice de Hond. Jeweils 20 Prozent seien erklärte Befürworter oder Gegner, während sich die Mehrheit in zwei gleich große neutrale Blöcke teile. Jeder tendiere leicht zu einer Staatsform, habe aber mit der jeweils anderen kein Problem. Monarchiefreunde verbindet vielfach die Freude am königlichen Schauspiel, von der Gegenseite als "Puppentheater“ abgetan. Die Mitglieder des Königshauses erfüllen hier durchaus die Funktion einer märchenhaften Parallelwelt, deren Glanz und Glamour einen warmen Kontrast zur vermeintlich kalten Realität mit Krise und Alltag bilden. In einem Essay in der progressiven Zeitschrift Vrij Nederland führt der Publizist Jaco Alberts zwei weitere Gründe für die Monarchie an: zum einen sei deren politische Macht begrenzt und nehme weiterhin ab (siehe oben). Zum anderen bürge die Monarchie gerade in unruhigen Zeiten für Kontinuität, sie sei ein nationales Symbol.

Das Bedürfnis nach solch einigendem Potential ist offensichtlich: fünf Parlamentswahlen in nur zehn Jahren, dazu die nach zwei politisch motivierten Morden latent entflammbare Integrationsdebatte und die nagende Frage nach so etwas wie Identität bescherten dem Land seit der Jahrtausendwende erhebliche Unruhe. Dass Königin Beatrix sich in einer Weihnachtsansprache deutlich vom xenophoben Scharfmacher Geert Wilders distanzierte, brachte ihr nicht zuletzt Beifall in linksliberalen Kreisen.

Einigung der Monarchiegegner

Einigende Wirkung hatte just die Thronübergabe aber auch auf die Monarchiegegner. Als deren Synonym galt lange die Nieuw Republikeins Genootschap (NRG), deren meist ältere und gut situierte Mitglieder einen Querschnitt durch das politische Spektrum bilden. Die Steuerfreiheit des Königshauses beenden, die öffentlichen Kosten der Monarchie - rund 40 Millionen Euro jährlich - kürzen und schließlich die Republik der Niederlande: dies sind ihre Ziele.

Zuletzt erhielten die Republikaner Verstärkung durch ein Netzwerk, das unter dem Namen Het is 2013 (Es ist 2013) fordert: weg met de Monarchie! Dahinter stecken junge Aktivisten, oft Studenten aus dem Umfeld der Occupy-Bewegung, die die Monarchiekritik für sich entdeckt haben. Aktiv sind sie nicht nur im Internet, sondern rufen auch zu Protesten während des Thronwechsels auf.

Einig sind sich beide Fraktionen nicht nur darin, dass sich ein Königshaus und Demokratie gegenseitig ausschließen. Konsens herrschte daneben auch darüber, dass die Proteste zur Krönung friedlich sein müssten und, wie es heißt, "nicht auf die Person zielen, sondern auf die Institution der Monarchie“. Der Grund dieser Nuancierung liegt in der Erinnerung an die letzte Krönung von 1980: als Beatrix den Thron bestieg, kam es zu massiven Strassenschlachten zwischen Hausbesetzern und Polizei.

Eine andere Form von politischem Protest gab es 2013: 14 Mitglieder von Parlament und Senat verweigerten Willem-Alexander den Eid, weil er nicht demokratisch gewählt ist. Die republikanische Bewegung sieht dies als Zeichen, dass es mit der Monarchie zu Ende geht. Sie haben dem neuen König bereits einen Beinamen gegeben: "Willem der Letzte“.