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Christliche Monarchie

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Die Königin herrscht, aber sie regiert nicht. Die englische Monarchie lebt. 

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Die Königin herrscht, aber sie regiert nicht. Die englische Monarchie lebt. 

In einem Leitartikel, der nach der Krönung König Williams IV. und der Königin Adelaide am 8. September 1831 erschien, schrieb die „Times“: „Was kann sich ekelhafter aus den schlimmsten Abfällen der Papisterei und des Feudalismus zusammensetzen als die wahrhaft erstaunliche Anzahl von Pfuschereien, die uns im Laufe der gestrigen Krönung dargeboten wurden? Was für Geschichten mit Tüchern, Goldbarren, Sporen, Schwertern und Oel zur Salbung (Beschmierung) ihrer hoch-heiligen Majestäten! und dem An- und Ausziehen von Mänteln, und dem ganzen übrigen Theater!“ Die führende Londoner Zeitung, die sichtlich unter dem Einfluß der Revolutionsstürme des Kontinents stand, schlug vor, daß die nächste Krönung mehr der Wirklichkeit entsprechende Formen erhalten sollte.

Als jedoch Königin Viktoria 1838 gekrönt wurde, hatte man bereits diesen Ratschlag vergessen; die Zeremonie dauerte nicht zwei Stunden wie bei König William, sondern vier, und wurde im alten traditionellen Stil vollzogen. Seither datiert jene für damalige und nachfolgende Zeiten erstaunliche Rückkehr des monarchischen Gedankens im Leben des modernen Englands. Was war geschehen?

Auf dem Kontinent hatte die Französische Revolution neuen dynastischen Formen Platz gemacht, die im Königtum weder eine absolute Herrschaft noch ein heiliges Amt, sondern eine von der europäischen Vergangenheit gänzlich abweichende revolutionäre, rücksichtslose und plebejische Diktatur sahen. „Ein gefährlicher Beruf“, sagte Alfons XII., aber gut bezahlt.“ Das leutselige Bürgerkönigtum war von kurzer Dauer.

In England sind die christlichen Traditionen der Monarchie nie so radikal verschüttet worden. Die Umwälzungen der Reformation, der Königsmord durch Cromwell, die Whigrevolution von 1688 und der ihr folgende Dynastiewechsel mochten der englischen Monarchie neue Formen geben, ließen aber ihren Kern unangetastet, so daß dieser zur gegebenen Zeit neue Frucht tragen konnte. Man kann tatsächlich mit Christopher Dawson behaupten, daß die erste europäische Auflehnung gegen die Institution der Monarchie, die mit der Hinrichtung Karls I. 1649 ihren Höhepunkt fand, der Rettung der alten Traditionen des Königtums dienlicher war, als dies der Sieg eines absoluten Königtums je vermocht hätte. Die Hinrichtung Karls I. setzte der Entwicklung in England eines Absolutismus nach kontinentalen Maßstäben ein Ende, umgab aber zugleich das Andenken des ermordeten Königs mit einer Märtyrerkrone, die nachfolgenden Zeiten als warnendes Beispiel vor Augen blieb.

Der englischen Monarchie wurde somit der neuheidnische Kult eines französischen Sonnenkönigtums erspart. England hatte das Schicksal Ludwigs XVI. 140 Jahre vorher vorweggelebt und seine Lehren beherzigt. Das Ergebnis war die parlamentarische Einschränkung der königlichen Gewalt und der allmähliche Verfall seines politischen Einflusses im Kampf mit den parlamentarischen

Oligarchien des 18. und frühen 1.9. Jahrhunderts. Die moralische und soziale Stellung der englischen Monarchie war jedoch zur gleichen Zeit im Wachsen und wurde in dem Maße gestärkt, in dem die Erweiterung des Stimmrechtes der parlamentarischen Vertretung des Landes einen repräsentativen Charakter verlieh. Die Monarchie könnt eist dann wieder zum Prinzip der sozialen Einheit werden, als sie nicht mehr das Werkzeug einer Oligarchie war wie das der Träger der Revolution von 1688, die als Eigentümer des ehemaligen kirchlichen Grundbesitzes die protestantische Monarchie als beste Festigung ihrer eigenen Machtstellung betrachtete. So änderte sich beispielsweise die Haltung der Monarchie gegenüber seitens der katholischen und nonkonformistischen Minorität, als deren zivile Rechte 1829 verfassungsrechtlich gesichert wurden.

Im Krönungseid ist der gesetzlich gesicherten katholischen Glaubensfreiheit insoweit Rechnung getragen worden, daß die 1688 eingeführte Formel, die den König zur Absage an die „abgöttische Messe und Marienverehrung“ verpflichtete, seit der Regierungszeit Eduard VII. ausgelassen und auf das heute gebräuchliche Bekenntnis der „Unterstützung der gesetzlich errichteten protestantisch reformierten Religion“ beschränkt wurde. Angriffe, die vor einiger Zeit von hochkirchlicher Seite her gegen die Beibehaltung des Namens „protestantisch“ gerichtet waren, sind im Sand verlaufen.

Die Bedeutung der englischen Monarchie liegt in ihrer heutigen Stellung außerhalb des Kampfes der Religionen, Parteien und Klassen oder wirtschaftlicher Interessentengruppen. Die Königin herrscht, aber sie regiert nicht. Die „Krone“ regiert mit Hilfe von Ministerien und durch das Parlament. Diese Machtausübung ist weitgehender und gründlicher, als sich ein Heinrich VITT, je träumen ließ: Jegliche Gesetzgebung wird im Namen „Ihrer vortrefflichsten Majestät“ verabschiedet; die Armee, die Gefängnisse gehören Ihrer Majestät; jede amtliche Mitteilung trägt den Vermerk „Im Dienste ihrer Majestät“. Die „Krone“ ist die letztliche Autorität des modernen englischen Wohlfahrtsstaates; sie ist der Staat, aber nicht eine unpersönliche und abstrakte Idee des Staates, sondern eine, die gerade durch den persönlichen und konkreten Charakter des Königshauses ihren Sinn erhält. Dabei sind die verbleibenden persönlichen Machtmittel der Monarchie noch beträchtlich, im „königlichen Veto“ etwa parlamentarischer Gesetzesvorlagen, das allerdings seit 1707 nicht mehr ausgeübt worden ist. Die weiten Erfahrungen öffentlicher Angelegenheiten geben dem Monarchen überdies einen Einblick in das Ganze der Regierungsgeschäfte, die seinen Ratschlägen Nachdruck verleihen können.

Die Trennung und Demarkierung politischer Gewalten hat der modernen englischen Monarchie zu ihrer heutigen Stellung als vereinigendes Band der Völker und Rassen des Commonwealth wie auch als Band der einzelnen Mitglieder der englischen Nation selbst verholfen. Untrennbar mit dieser sozialen Aufgabe der Monarchie verbunden, aber über sie erhaben ist ihre moralische als Sinnbild des Prinzips der Gerechtigkeit und als irdische Verkörperung göttlicher Autorität und Macht. In der Krönungszeremonie zu Westminster wurde dieses Prinzip christliehen Königtums dieser Tage wieder neubelebt und am Altar eines königlichen Heiligen, Eduards des Bekenners, bekräftigt. Die religiöse Bedeutung dieses jahrtausendealten Zeremoniells der Salbung und Krönung, der Verleihung des Zepters und des-Schwertes, rief diesmal im ganzen Land ein weit stärkeres Interesse hervor als irgendeine der vergangenen Krönungen. Der Grund war zweifellos das schwindende Vertrauen in säkulare Weltanschauungen und der Hunger piner geistig rationierten Welt nach dem Sinnbild einer höheren Ordnung.

In ihren Gebeten wurden die verschiedenen Konfessionen Englands mit dem feierlichen Akt in Westminster vereinigt. Die englischen Katholiken stehen natürlich in einem besonderen Verhältnis zu den katholischen Formen des anglikanischen Krönungsgottesdienstes,der nach dem Verschwinden des Ritus von Reims und Aachen allein mit dem der päpstlichen Krönung aus seinen karolingischen Ursprüngen verbleibt.

„Obwohl es zweifellos paradox ist“, schreibt Christopher Dawson im „The Month“, „daß ein völlig katholischer Ritus von einem nichtkatholischen Lande in einer säkularisierten Kultur aufrechterhalten wird, können wir englische Katholiken dem heiligen Eduard und dem heiligen Dunstan (Verfasser des sich auf westsächsische Einflüsse stützenden englischen Krönungszeremoniells) nur dankbar sein, daß ihre Tradition sich als so stark erwies, die nachein-anderfolgenden Krisen der Häresie, des Schismas, der Revolution und des Säkularismus zu überwinden, so daß das Königreich und die Krone Englands sich noch heute dem Kreuz unterwerfen und, wie der englische Ritus betont, der Macht und dem Reiche Christi, unseres Erlösers.“

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