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Mein Kind, der GOTTESKRIEGER

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Europaweit sind fast 2000 Jugendliche nach Syrien gereist. Häufig sind Traumata und Schuldgefühle ausschlaggebend für die Bereitschaft, das Leben im Krieg zu lassen.

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Europaweit sind fast 2000 Jugendliche nach Syrien gereist. Häufig sind Traumata und Schuldgefühle ausschlaggebend für die Bereitschaft, das Leben im Krieg zu lassen.

Wir sind auf dem richtigen Weg. Wir gehen nach Syrien, kämpfen für den Islam. Wir sehen uns im Paradies." Diese Abschiedsworte hinterließen zwei aus Bosnien stammende Wiener Mädchen, die Anfang April in den syrischen Krieg gezogen sind, ihren Eltern. Aber nicht nur hierzulande entscheiden sich junge Menschen für diesen Weg: Auch Frankreich, Belgien und Großbritannien berichten von Teenagern, die sich radikal-islamischen Kreisen anschlossen. Ihre Persönlichkeiten änderten sich innerhalb kürzester Zeit stark, bis sie sich schließlich für den Krieg entschieden. Alleine 80 in Österreich lebende Personen sollen sich derzeit in Syrien aufhalten - laut einem Sprecher des Innenministeriums seien dies aber zum Großteil Erwachsene.

Vom Opfer zum Täter

Das Motiv für die freiwillige Entscheidung für den Krieg liegt laut Hans Otto Thomashoff, Psychoanalytiker und Facharzt für Psychiatrie, in einem vorhandenen Trauma. Besonders in Familien, die bereits einen Krieg erlebt haben - wie im Fall der Wienerinnen der Bosnienkrieg - würde oft ein ganz normales Leben inszeniert, die Vergangenheit schlicht weggeschoben. Kriegstraumata, die oftmals bis in die dritte Generation weitergegeben werden, werden so niemals ganz aufgearbeitet.

"Das kann so weit gehen, dass die Erinnerungen daran nicht weiter existieren, die Gefühle aber trotzdem weiterhin da sind. Diese Spaltungen kommen oft wieder hervor und haben zur Folge, dass die ursprünglichen Opfer eine hochgradige Neigung haben, selber zum Täter zu werden", so Thomashoff. Vor allem durch die gemeinsame Religion spüren viele in Österreich lebende Muslime eine Verbindung zum syrischen Volk. Dazu kommt ein starkes Schuldgefühl, weil sie hierzulande in Frieden leben. "Das ist ähnlich wie bei den Holocaustüberlebenden: Sie haben erlebt, wie Leute verstümmelt wurden oder gestorben sind und ein ganzer Kulturkreis angegriffen wurde. Sie selbst tragen tiefe Schuld in sich, weil sie das Gefühl haben, dass es unrecht ist, dass es ihnen persönlich gut geht. Damit wird das gute westliche Leben letztendlich etwas, das etwas Verbotenes hat", meint Thomashoff. So komme es oftmals zum Versuch, diese Empfindung auszugleichen und jenen zu helfen, die gerade vom Krieg heimgesucht werden.

Selbstfindung vs. Radikalisierung

Herauszufinden, ob es sich beim plötzlichen Wandel eines Jugendlichen um eine Radikalisierung handelt, ist nicht einfach: "Wenn jemand fünfmal am Tag betet, muss man sich fragen, ob er das macht, weil er eine neue Seite seiner Spiritualität entdeckt hat, an der er Halt findet, oder weil er sich einer Gruppe angeschlossen hat", weiß auch Carla Amina Baghajati von der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich. In so einem Fall könne man vor allem durch Gespräche feststellen, warum sich eine Wandlung vollzogen hat: "Es gibt Sichtweisen, die sehr verengt sind - beispielsweise das Zeichnen einer Welt, die rundum böse ist, abgesehen von der Gruppe, der sich ein Mensch zugehörig fühlt und die die einzige Wahrheit darzustellen scheint. In so einem Fall muss dringend gehandelt werden", sagt Baghajati.

Dadurch, dass der Kontakt zu Jugendlichen vor allem in der Schule da ist, sind besonders die islamischen Religionslehrer gefragt: "Hier liegt die Möglichkeit, über Bildung eine Art Immunisierung gegenüber extremistischem, radikalem Gedankengut herbeizuführen", so Baghajati. Dazu gehöre auch das Gespräch über den Dschihad-Begriff und dessen theologische Bedeutung: "Damit kann man klarstellen, dass es darum geht, sich zu bilden und Anstrengungen auf dem Weg zu Gott auf sich zu nehmen und nicht um diese Verkürzung, wie sie von Extremisten in Richtung Kriegstreiberei verwendet wird", erklärt Baghajati. Ist die theologische Bildung gesichert, könnten Jugendliche einschlägige Internet-Seiten besser einordnen und hinterfragen. Die Möglichkeit, im Netz von Extremisten angeworben zu werden, ist nicht gering: Experten der Internationalen Konferenz zur Terrorismusbekämpfung schätzen, dass weltweit derzeit 10.000 derartiger Seiten zu finden sind.

Hilfe für Angehörige

Haben Verwandte den Verdacht, dass ihr Kind in radikale Kreise abdriftet, können sie sich in absehbarer Zeit an eine spezialisierte Hotline des Innenministeriums wenden. Das hält auch Thomashoff für sinnvoll: "Wenn das dazu führt, dass man über die verdrängten Gefühle spricht und so unverarbeitete Themen wie etwa den Krieg behandelt, dann kann das einen Prozess in Gang setzen." Um Radikalisierung vorzubeugen, müsse diese Hilfe aber allen Menschen angeboten werden, die mit einem Kriegstrauma leben. "Derzeit", so Thomashoff, "wird dieses Thema noch immer tabuisiert."

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