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Tanz auf dem Vulkan

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Die Parteien sind ratlos - und geben dem Wähler keine Anhaltspunkte, was ist, wenn die FP gewinnt.

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Die Parteien sind ratlos - und geben dem Wähler keine Anhaltspunkte, was ist, wenn die FP gewinnt.

Wahlzeit ist. Das heißt heutzutage auch: Fun und Event. Jedenfalls Spaß: Ein Wiener Bekleidungshaus lud zur Modenschau, und die Wahlkämpfer kamen, um sich auf dem Laufsteg begutachten zu lassen. Nicht nur die oben abgebildeten ÖVP-Werber hüllten sich in teures Tuch, auch SP- und FP-Kandidaten boten ihre modischen Reize dar.

Der Event im Wiener Kaufhaus ist nicht ungewöhnlich, schon gar nicht in diesem Wahlkampf, der wie selten zuvor "unpolitisch" verläuft. Man erinnere sich an das ÖVP-Trio - die beiden Sängerknaben Wolfgang (Schüssel) und Willi (Molterer), die gemeinsam mit der flötenden Liesl (Gehrer) zwar "Fein sein, beinander bleibn" ins Volk und ins Spiel brachten, nicht aber - glaubt man den Umfragen - die ÖVP.

Immerhin gelang es den größeren Parteien, den auf Seitenblicke abonnierten Richard Lugner und seinem Mausi (das er auf Postkarten tatsächlich als jenes heimelige Tier neben seinem Konterfei abbilden läßt) einzubremsen. Sogar die KPÖ, normalerweise Hort ernstester Gesellschaftsveränderung, setzt auf Scherzchen und plakatiert ihren Kandidaten und Kottan-Autor Helmut Zenker mit dem Slogan "Tohuwabohu ins Hohe Haus".

Auch die Medien lassen sich - spektakelmäßig - nicht lumpen, Wahltotofieber herrscht. Damit es nicht fad wird, werden Umfragen und Tips sonder Zahl angeboten; die Illustrierte "News" schoß einmal mehr den Vogel ab, als sie 28 (!) Prominente, "von Assinger bis Zeiler", die genauen Prozentzahlen des Wahlausgangs raten ließ.

Ob es auch um Inhalte geht? Offenbar schon, nur: erfahren die Wähler das auch? Die heiße Wahlkampfphase ist zwar da, die Parteisekretariate sind in "War Rooms" verwandelt und kämpfen Tag für Tag um Aufmerksamkeitssekunden in den Medien. Die SPÖ zaubert eine Quereinsteigerin (Ulli Sima) aus dem Hut: etwa zwei Tage Medienpräsenz. Dann läßt die FPÖ ihren Spitzenkandidaten (Thomas Prinzhorn) vom Stapel: vier Tage Schlagzeilen. Schließlich reüssiert Wolfgang Schüssel mit seinem vermeintlichen Befreiungsschlag: keine ÖVP-Koalition als Dritter - sagen wir, drei Tage Headlines. Am geschicktesten entpuppte sich wieder einmal die FP-Strategie, Tag für Tag neue Gesichter zu präsentieren (von der Ex-TV-Moderatorin bis zur Verlagsleiterin) - bis auch die (noch) drittstärkste Partei keine Überraschungen hervorholen konnte. Natürlich, da war noch der Abfahrtsolympiasieger aus dem Ländle, der - unbedarft, aber sicher - auf Platz zwei der FP-Bundesliste ins Parlament einziehen wird.

Ob in der ZIB 2 oder im "Profil": Patrick Ortlieb outete sich als lupenreiner Quereinsteiger, ohne wirkliche politische Linie und Ahnung, aber in den Fun-Wahlkampf anno '99 paßt er genau hinein. Ob die FP-Strategen schon erkannt haben, wie sehr sie obigem "Tohuwabohu"-Slogan der KPÖ Rechnung tragen? (apropos KP: Viele Ex-Spitzensportler a la Ortlieb des damaligen Ostblocks machten auch als Abgeordnete in den kommunistischen Scheinparlamenten Karriere ...)

Trotz allem Spaß statt Politik sollen sich Wählerin und Wähler in gut zwei Wochen entscheiden. Das gebotene Schauspiel läßt vieles erahnen - und vor allem befürchten. Denn noch nie - und das im Gegensatz zur Leichtigkeit und Beliebigkeit der derzeitigen Wahlauseinandersetzung - waren Umbrüche der politischen Landschaft so greifbar wie zur Zeit. Ob das Land nach dem 3. Oktober noch regierbar sein wird, bleibt offen. Unvorstellbares - für den österreichischen Horizont zumindest - bahnt sich an. Unter derartigen Auspizien gleicht der gebotene Wahlkampf einem Tanz auf einem Vulkan, dessen Ausbruch zwar im Blick ist, dessen Wahrnehmung durch die Tänzer - die wahlwerbenden ebenso wie die wählenden - sonderbar verdrängt wirkt.

Wie sollte diese Wirklichkeit auch Einzug aufs politische Parkett halten? Anders gefragt: Selbst wenn die Beteiligten die Lage wahrhaben sollten, was könnten sie tun? Trotz ihres "War Rooms" und ihrer "Spin Doktoren" könnte die SPÖ ohne Partner dastehen. Trotz der verzweifelten Ehrlichkeit könnte die ÖVP unter ferner liefen landen. Trotz aller Scherz-Kandidaten und Unberechenbarkeiten (Jörg Haider legte zuletzt in der TV-Pressestunde klar, daß sein politisches Programm lautet, unberechenbar zu sein) könnte die FPÖ von einer erklecklichen Anzahl von Österreichern gewählt werden. Trotz aller ehrlichen Anstrengungen könnten die Liberalen aus dem Nationalrat und damit von der Bildfläche verschwinden. Nur den Grünen prognostiziert kaum jemand Übles. (Für die künftige Regierbarkeit des Landes dürfte auch dies kaum neue Perspektiven ergeben.)

Eine nüchterne Analyse der politischen, ökonomischen, sozialen Lage Österreichs ergibt - im Gegensatz zu obigen Szenarien - Stabilität, Sicherheit, Wohlstand, zumindest wenn man vergleicht, wie es ringsum aussieht. Die Kluft zwischen dieser Realität und den verworrenen Zuständen, die ohne Not auf dieses Land zukommen, wächst.

Das Dilemma dieses so scheinbar realitätsfernen Fun-Wahlkampfes mündet ins Eingeständnis, daß gegen Jörg Haider und seine Politik niemand in Österreich ein glaubwürdiges Rezept entwickeln konnte. Beinahe alle Denkvarianten rechnen mittlerweile mit einer erstarkten freiheitlichen Riege im Parlament. Welche Optionen daraus erwachsen, dazu geben dem ratlosen Wähler die Protagonisten dieser Wahl keine Anhaltspunkte.

Vielleicht sind auch die Konkurrenten der FPÖ selbst ebenso ratlos - und tun den Wählern und dem Land diesen sonderbaren Wahlkampf an. Daß eine Partei, die einmal mehr mit "Überfremdungs"-Parolen Stimmung macht, an die Regierung kommt, mag unerträglich sein. Doch im Nachkriegs-österreich war diese Möglichkeit noch nie so real wie bei dieser Wahl.

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