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Kein NATO-Einsatz für einen gerechten Frieden

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Mit einer fast unerträglichen Nüchternheit analysiert Oberstleutnant Gustav Gustenau von der Landesverteidigungsakademie Sinn und Risken des NATO-Ultimatums an die bosnischen Serben.

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Mit einer fast unerträglichen Nüchternheit analysiert Oberstleutnant Gustav Gustenau von der Landesverteidigungsakademie Sinn und Risken des NATO-Ultimatums an die bosnischen Serben.

Der Oberstleutnant ist der Ansicht, wie die FURCHE schon vor Monaten schrieb, daß es der Staatengemeinschaft im Krieg um Bosnien-Herzegowina grundsätzlich darum geht, sich herauszuhalten und einzudämrnen. Gustenau: „Die generelle Linie der Staatengemeinschaft ist: die Streitparteien müssen selbst eine Lösung finden, einen oktroyierten Frieden mit Gewalteinsatz von außen wird es nicht geben - schon gar nicht mit Bodentruppen, der Krieg und seine Auswirkungen sollen möglichst eingedämmt werden, eine Ausweitung nach Süden (Mazedonien) soll verhindert werden." Von dieser Übereinkunft aus stellt sich für Oberstleutnant Gustenau die Frage, ob die NATO mit dem Ultimatum überhaupt agiert. In den vergangenen drei Jahren haben die USA und ihre Alliierten „überall dort interveniert und agiert, wo Interessen bestanden, sonst nicht. Und genauso ist es noch heute", desillusioniert Gustenau jene, die sich von UNO und NATO ein Herbeischießen des Friedens in Bosnien erwarten.

Durch das Ultimatum, so Gustenau, hätten die Serben zunächst einmal Zeit zum Stellungswechsel gewonnen. Bisher sei von der schweren Artillerie „nur Schrott in geringster Stückzahl abgeliefert" worden. Die entscheidende Frage ist, ob die bosnischen Serben die Blockade von Sarajewo wirklich aufgeben. Ein Rückzug auf einen Umkreis von 20 Kilometern stellt keine echte Aufhebung des Belagerungsringes dar.

Gustenau glaubt zwar, daß mittels Air-strikes „die Masse der schweren Artillerie" sicher ausgeschaltet werden kann, relativiert aber sofort: „Wieviel Aufwand steht dahinter, welche Risken birgt (ras bei mehreren hundert Artilleriestellungen? Wenn ich wirklich konsequent bin, muß ich die Angriffe bis 50 Kilometer im Hinterland von Sarajewo durchführen. Es stellt sich die Frage, wo die Schutzzone Sarajewo eigentlich aufhört und wie die Serben auf alles reagieren werden."

FURCHTBARES PECH

Die NATO riskiere, in einen sehr lange aahaltenden Krieg involviert zu werden. Die UNPROFOR-Trup-pen seien ein weiteres Risiko. Die Serben wüßten genau, wo die Staatengemeinschaft am meisten verwundbar ist: bei „unseren braven Soldaten". Es könnte sein, malt Gustenau ein Szenatio^ daß Serben punktuell in ein^l^eblichen Notwehrsituation ein UNO-Bataillon vernichten. „Wie reagiert dann die NATO? Kommt es zur Ausweitung der Kampfhandlungen?" Alle Zeichen deuten jedoch auf das Gegenteil hin, die NATO will keinen Krieg für den Frieden in Bosnien.

Die Entscheidung im Krieg in Bosnien wird nach Meinung Gusten-aus außerdem nicht in Sarajewo fallen, sondern in Zentralbosnien. Die Serben haben eine allgemeine Mobilmachung angeordnet, die Kroaten haben ihre Truppen nicht abgezogen - es könnte zum militärischen Zusammenbruch der Bosniaken kommen, zudem die Kämpfe in Zentralbosnien und in Nordwestbosnien keineswegs abgeflaut sind. Sarajewo ist nur ein Symbol.

Der Granatenüberfall mit den 68 Toten sei eigentlich ein „furchtbares Pech" für die bosnischen Serben gewesen, erklärt Gustenau emotionslos. Rest Jugoslawien und die bosnischen Serben haben in letzter Zeit verstärkt versucht, ihre Reputation in der Staatengemeinschaft wieder zurückzugewinnen. Das Ziel war die Aufhebung des Embargos gegen Belgrad. Aus diesem Grund vermutet Gustenau, daß die bosnischen Serben einen NATO-Einsatz nicht provozieren werden, zumal der Generalstab der rest jugoslawischen Streitkräfte Serbenführer Karadzic schon bedeutete, er könne nicht automatisch mit Hilfe rechnen.

Eine totale Änderung der Haltung der Westmächte, zeichnet Gustenau ein „nicht irrationales" Szenario, könnte die Bedrohung vitaler Interessen im Südosten Europas herbeiführen. Wenn es „ums Eingemachte" - Griechenland, Türkei -geht, dann könnte die Situation anders ausschauen. Extreme Kräfte könnten zum Beispiel einen Bürgerkrieg im Kosovo „inszenieren", damit eine „Internationalisierung" des Konflikts provozieren und „neue Allianzenbildungen" (mit der jetzigen Containment-Politik kann sich Rußland beispielsweise abfinden) heraufbeschwören. „Ob dieses Szenario allerdings wahrscheinhch ist, das ist eine andere Frage."

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