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"Tatenlosigkeit bei Klimawandel kann Billionen Dollar kosten"

Vor 3,1 Millionen Jahren war die CO2-Konzentration das letzte Mal so hoch wie heute. Damals war der Meeresspiegel 10 bis 30 Meter höher.

Es steht um den Klimawandel noch schlimmer, als es vermuten lässt. Wir pumpen Unmengen an Schwefeldioxid in die Atmosphäre, in der wir leben. Das tötet zwischen drei und sechs Millionen Menschen jährlich.

Gernot Wagner ist Ökonom an der Harvard University und Co-Autor von "Klimaschock": Die Financial Times zeichnete es zu einem der 15 besten Wirtschaftsbücher 2015 aus. Seine Artikel erscheinen in Zeitungen und Magazinen weltweit.

DIE FURCHE: Im Dezember 2015 fand die UN-Klimakonferenz in Paris (Pariser Abkommen) statt, im November 2017 in Bonn -Ziel ist der Klimaschutz, genauer: die Begrenzung des globalen Temperaturanstiegs bei einem Plus von zwei Grad Celsius, verglichen mit den vorindustriellen Werten. Wie ist der Status quo? Welche langfristigen Trends sind zu beobachten?

Gernot Wagner: Zwei Grad war eines der Ziele in dem Pariser Abkommen. Das ist ein sehr ambitioniertes Ziel, da wir bereits global bei einer Durchschnittstemperatur von über einem Grad Celsius im Zusammenhang mit der Erderwärmung liegen. Paris war ein guter Schritt in die richtige Richtung. Mittlerweile gibt es genug Länder, die dieses Abkommen ernst nehmen - mit Ausnahme der USA, zumindest auf der Ebene Washingtons. Zusätzlich gibt es technologische Fortschritte, die uns optimistisch stimmen sollten. Zum Beispiel Photovoltaik (Umwandlung von Lichtenergie in elektrische Energie mittels Solarzellen). Die Kosten sind in den letzten acht Jahren um über 80 Prozent gesunken -das ist fantastisch. Jedoch müssen wir viel mehr tun: 2013 bis 2016 blieben die globalen fossilen CO2-Emissionen stabil, erstmals ohne globaler Rezession. Allerdings: Die CO2-Konzentration steigt noch immer um Rekordwerte. Das Wasser mag zwar jetzt auf konstantem Niveau in die Badewanne fließen, aber übergehen tut sie trotzdem. Einfluss minus Abfluss müssen null ergeben.

DIE FURCHE: Wie stehen Sie zu Geoengineering (großräumige Eingriffe mit technischen Mitteln in den Kreislauf der Erde)?

Wagner: Mulmig. Aber ein Blick auf Solar Geoengineering könnte tatsächlich helfen. Leider steht es um den Klimawandel noch schlimmer, als es der Stand von CO2 vermuten lässt. Derzeit pumpen wir Unmengen an Schwefeldioxid (SO2) in die untere Atmosphäre, in der wir leben. Das tötet zwischen drei und sechs Millionen Menschen jährlich. Damit müssen wir aufhören. Aber: Ohne SO2 in der Troposphäre würde es global noch wärmer werden. Ein reines Gedankenspiel: Die Welt hört auf damit, SO2 in die Troposphäre zu senden und befördert anstatt dessen etwa ein 50stel in die Stratosphäre (höhere Luftschicht). Das könnte durch ein Dutzend hoch fliegender Flugzeuge geschehen. Diese Aerosole in der Stratosphäre könnten tatsächlich wie ein "Schutzschirm" gegen die Sonneneinstrahlung wirken und dabei helfen, global die Temperaturen zu senken. Wie kommt die Forschung auf so etwas? Vulkane haben so etwas Ähnliches schon seit jeher gemacht Aber natürlich ist das alles tatsächlich nur ein reines Gedankenspiel.

DIE FURCHE: Wie überzeugt man die Gesellschaft, dass es notwendig ist zu handeln?

Wagner: Durch Dinge wie das Pariser Abkommen, CO2-Steuern, Emissionshandelsgesetze und Subventionen. Solar Geoengineering ist keine Lösung. Die Welt muss die CO2-Emissionen auf null senken. Am teuersten ist es, nichts zu tun. CO2-Emissionen einzuschränken, ist im Vergleich noch viel billiger. Unbeachteter Klimawandel kann uns Billionen kosten.

DIE FURCHE: James Inhofe (Vorsitzender des Senats-Umweltausschusses in den USA) blockierte einen Gesetzesentwurf, der den Ausstoß an Treibhausgasen vermindern sollte. Er bezeichnet Menschen, die an globale Erwärmung glauben, als Nazis. Wo bringt uns das hin, wenn Menschen mit diesem Weltbild an der Macht sind?

Wagner: Das ist das Problem. Aus meiner Sicht ist die Republikanische Partei in Sachen Klimapolitik -wie etwa auch Waffenregulierung oder Gesundheitspolitik -von der Realität weit entfernt. Oft wird gänzlich faktenfrei debattiert. Gottseidank sind sie dabei fast auf sich alleine gestellt. In genug anderen Ländern wird debattiert, ob und wie viel an Klimapolitik gemacht werden soll -und auch nicht immer zu 100 Prozent auf Fakten basierend. Aber derzeit agiert Amerika, auf bundesstaatlicher Ebene, tatsächlich in einer scheinbar fast eigenen Liga.

DIE FURCHE: Wie malen Sie sich unsere Welt aus, wenn wir nicht handeln?

Wagner: Vor 3,1 Millionen Jahren war die CO2-Konzentration das letzte Mal so hoch wie heute. Damals war der Meeresspiegel 10 bis 30 Meter höher. Jetzt stellen Sie sich New York, Boston, Shanghai, Venedig, London vor -diese Städte gäbe es nicht.

DIE FURCHE: Wie viel Zeit bleibt uns zu handeln?

Wagner: Der Zug ist abgefahren. Es geht darum, jene Technologie zu bauen, die uns hilft, auf den Zug so rasch wie möglich aufzuspringen.

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