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Experiment Europa

Die Debatte um Europa geht weiter. Diverse Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt gehen aus unterschiedlichsten Perspektiven offenen Fragen nach.

Im Dezember 2002 haben die fünfzehn Staaten der Europäischen Union beschlossen, zehn weitere Staaten als Mitglieder ab 2004 in die Union aufzunehmen. Europa erschafft sich damit neu, mit der Einführung einer gemeinsamen Währung, dem Streben nach einer Verfassung und der Abgabe souveräner Rechte der einzelnen Staaten.

Wo liegen nun die historischen Wurzeln, das Gemeinsame, aber auch das Trennende, das in diesem Prozess zusammen geführt werden soll? Wie definiert sich Europa: als eine geografische Einheit, eine Wertegemeinschaft oder als eine Wirtschaftsgemeinschaft? Wo beginnt Europa, wo sind seine Grenzen? Welche Chancen, aber auch welche Risiken birgt dieses Zusammenwachsen auf einem Kontinent, der in seiner wechselvollen Geschichte durch unzählige Kriege und Auseinandersetzungen zwischen Nachbarn, Nationalstaaten und ethnischen Gruppen bis in die jüngste Vergangenheit geprägt war?

Mit einem Querschnitt durch einige Bücher zu diesem Thema soll eine Orientierungshilfe und Standortbestimmung versucht werden. Themenbedingt ist zum jetzigen Zeitpunkt eine endgültige Bewertung der Ausblicke und Prophezeiungen nicht möglich und auch nicht sinnvoll, das "Experiment Europa" läuft nicht linear und mit überschaubaren Variablen, sondern parallel, simultan mit einer Unzahl von unterschiedlichen Parametern, Handlungsmöglichkeiten und Geschwindigkeiten. Es wird sicherlich spannend werden, den Prozess und die Ergebnisse zu beobachten und die Umsetzung der einzelnen Entwicklungsstufen.

Warum Europa?

Michael Mitterauer, Professor für Sozialgeschichte an der Universität Wien beschäftigt sich in seinem Buch "Warum Europa? Mittelalterliche Grundlagen eines Sonderweges" mit den bestimmenden Voraussetzungen, die zu den Sonderentwicklungen in Europa, vor allem West- und Mitteleuropa geführt haben. Warum ist es gerade in diesem Kulturraum zur Industriellen Revolution gekommen? Warum haben sich Kapitalismus und Kolonialismus in der uns bekannten Form entwickelt, warum parlamentarisch-demokratische Systeme - gerade hier? Sehr tiefgehend erläutert der Autor die europäische Sonderentwicklung im Vergleich zu anderen kulturellen Gebieten wie China und dem islamischen Raum. Dabei ergeben sich eine Reihe neuer Erklärungsansätze in sehr unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen, die isoliert betrachtet vielleicht nicht immer so bedeutend sein mögen, im Zusammenwirken aber den Sonderweg ergeben: die Agrarrevolution im Frühmittelalter mit neuen Getreidearten wie Roggen und Hafer, das Lehenswesen und die Ständeverfassung, die zum Feudalismus geführt hat, die Auflösung der Sippe durch die "Gattenzentrierte Familie", die zu einer gesellschaftlichen Flexibiliät geführt hat, die Dominanz der Papstkirche und der Orden in der westlichen Christenheit im Gegensatz zur Byzantinischen Kirche und zur Orthodoxie nach der Kirchenspaltung im Mittelalter. Aber auch die negativen Auswirkungen wie Kreuzzüge und Kolonialismus werden beleuchtet, sowie der Einsatz von Frühformen der Massenkommunikation durch Predigt und dann nach der Erfindung des Buchdruckes in Form von gedruckten Informationen, beides Entwicklungen, die vergleichbaren Hochkulturen wie China und dem arabischen Raum nicht entsprechen. China und auch die islamische Welt kannten beispielsweise den Buchdruck, lange bevor die beweglichen Buchstaben in Europa "erfunden" wurden, die Neuerungen wurden aber gerade im Islam bewusst abgelehnt.

Leider gelingt es dem Autor nicht - er ist sich dieser Kritik aber sehr wohl bewusst - die verglichenen Kulturen in der gleichen inhaltlichen Tiefe darzustellen. Wer die historischen Wurzeln des Sonderweges Europa erfahren will, erhält hier zum Teil völlig neue Erkenntnisse und Denkansätze, die sicherlich nicht alle Fragestellungen klären können.

Politische Vision

Einen gänzlich anderen Zugang hat das Buch "Experiment Europa. Ein Kontinent macht Geschichte". Unter der Herausgeberschaft von Stefan Aust, dem Chefredakteur des Spiegel, und Michael Schmidt-Klingenberg bieten Essays zu verschiedensten Themen der anstehenden Osterweiterung eine leicht lesbare Mischung von Information und Zukunftsvision. Natürlich werden auch hier die historischen Wurzeln des gemeinsamen Europas dargestellt, wobei die Gemeinsamkeiten bis in die jüngste Vergangenheit herauf beleuchtet werden. Zeittafeln zu einzelnen Epochen, Kurzporträts wichtiger Europäer und ein anschaulicher Bild- und Kartenteil komplettieren dieses Buch. Für Österreicher - auch als Teil eines größeren Europas - fehlen hier die spezifischen Sichtweisen, da die Interessenslagen der deutschen Nachbarn naturbedingt eher nach Frankreich und bei der Osterweiterung verstärkt nach Polen gerichtet sind.

Erhard Busek, seit Jänner 2002 Sonderkoordinator des Stabilitätspaktes für Südosteuropa der Europäischen Union, hat schon von seiner Ausgangslage und seinem Zugang her eine vor allem stark politische Vision der Dinge. Im Buch "Die Europäische Union auf dem Weg nach Osten", erschienen im Wieser Verlag, dauert die Integration der neuen Mitgliedsländer in die EU mit dem Fall des Eisernen Vorhanges im Jahre 1989 bis zum Abschluss der Beitrittsverhandlungen im Jahr 2002. Als Politiker bzw. als politisch denkender Mensch gibt Erhard Busek mit seinem Koautor Werner Mikulitsch einen Überblick über die europäische Integration von Maastricht bis zum aktuellen Verfassungskonvent.

Offenes Tor

In seinem Buch "Offenes Tor nach Osten", erschienen im Molden Verlag, erklärt Busek die Chancen, die sich durch die Erweiterung der Union um die Staaten Ost- und Südosteuropas für Europa und ganz besonders auch Österreich bieten. Für Busek endet die Erweiterung der Union nicht mit der Aufnahme der zehn neuen Staaten, sondern er ist in seiner Gedankenwelt bereits weit über diese Erweiterungsrunde hinausgegangen. Nach Busek muss Europa auf den Osten zugehen, nicht nur im Wege der Erweiterung der Europäischen Union, sondern auch in einer allgemeinen Auseinandersetzung. Europa wird als "global player" nur dann eine Chance haben, wenn es gemeinsam auftritt.

Dazu gehören für Erhard Busek nicht nur die Länder aus dem ehemaligen Ostblock, sondern auch Russland selbst. Sich mit der Welt jener Menschen auseinanderzusetzen, die noch nicht die Perspektive sehen, EU-Bürger zu werden, ist für ganz Europa wichtig. Die Brückenfunktion Österreichs, das vom Rande der EU praktisch über Nacht ins Zentrum Europas zurückkehrt, bietet viele Chancen. Nicht klar ausgesprochen ist, wo nun tatsächlich die Grenzen Europas liegen: Was geschieht mit den islamischen Ländern am Balkan, mit der Türkei, deren Staatsgebiet zu 97% in Asien liegt, deren Menschen aber seit Jahrzehnten mit vagen Versprechungen eines absehbaren EU-Beitritts abgespeist werden?

Offene Fragen

In Europa grassiert im Moment ja eher die Sorge, dass schon zu viel Kompetenz und Macht an die Zentrale in Brüssel abgegeben worden sei, dass daher ein weiterer Macht- und Identitätsverlust droht, wenn es zu weiteren Erweiterungsrunden nach Osten und Südosten kommen sollte. Auch die USA, als eventuelles Vorbild für die Vereinigten Staaten von Europa, sind kein einheitlicher Wirtschafts- und Gesellschaftsraum.

Jeder US-Bundesstaat kennt local taxe und state taxe und nützt verschiedene Abgabenbelastungen für den inneramerikanischen Standortwettbewerb. Auch die Vereinigten Staaten kennen ihre heimlichen Steueroasen, ihre Armenhäuser und die Zonen wohl geschützten Reichtums. Ganz zu schweigen von unterschiedlichen Regelungen im Zivil- und Strafrecht, man denke nur an die Anwendung der Todesstrafe in den verschiedenen Bundesstaaten.

Als Abschluss sei noch kurz ein Buch über die Geschichte Europas im Zwanzigsten Jahrhundert erwähnt, "Europeana" von Patrik Ourednik, aus der Sicht eines Beitrittslandes, Tschechien. Eine gemeinsame erlittene und erfahrene Geschichte aus unterschiedlichen Blickwinkeln.

Warum Europa?

Mittelalterliche Grundlagen eines Sonderwegs

Von Michael Mitterauer

C. H. Beck Verlag, München 2003

348 Seiten, geb., e 25,60

Experiment Europa

Ein Kontinent macht Geschichte

Hg. v. Stefan Aust und Michael Schmidt-Klingenberg

DVA, Spiegel Buchverlag, München 2003. 278 Seiten, geb., e 25,60

Die Europäische Union auf dem Weg nach Osten

Von Erhard Busek und Werner

Mikulitsch

Wieser Verlag, Klagenfurt 2003

257 Seiten, geb., e 20,40

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