Digital In Arbeit

Köpfe eines Jahres

Sie alle standen 2004 - in sehr unterschiedlicher Weise - im Rampenlicht oder sind von der Bühne des Lebens für immer abgetreten: 12 furche-Köpfe aus 52 Wochen.

jänner

Irina Hakamada

"Wenigstens die Prozedur von Wahlen müsse man retten", so rechtfertigte Irina Hakamada ihre von vornherein erfolglose Kandidatur im russischen Präsidentschaftswahlkampf. Die Wirtschaftswissenschaftlerin zog 1994 in die russische Duma ein und zählte zu den führenden Abgeordneten. 1995 kürte sie das Time-Magazine zu einer der "Politikerinnen des 21. Jahrhunderts". Ihren Bekanntheits- und Beliebtheitsgrad steigerte die in Moskau geborene Tochter eines japanischen Kommunisten im Moskauer Geiseldrama 2002, wo sie engagiert, letztlich aber erfolglos mit den Geiselnehmern verhandelte. WM

februar

Franz Müntefering

Es habe sich gezeigt, "wie richtig mein damaliger Rücktritt vom Parteivorsitz war", meinte der deutsche Kanzler Gerhard Schröder unlängst in der Zeit. Im Februar überließ Schröder den Platz an der SPD-Spitze Generalsekretär Franz Müntefering. Schröder sollte damit als "Staatsmann" freigespielt und vom Zwang, unpopuläre Reformen der Parteibasis erklären zu müssen, entlastet werden. Wiewohl aus einer katholischen Arbeiterfamilie stammend, gilt "Münte" im Unterschied zum Kanzler als SPD-Urgestein. Schröder: "Müntefering und ich sind zwei eigenständige Persönlichkeiten, die wirklich konkurrenzlos zusammenarbeiten." mit

märz

J. L. Rodríguez Zapatero

So unvermutet wie der 43-jährige Oppositionschef wenige Tage nach den Madrider Terroranschlägen Spaniens Parlamentswahl gewann (nicht zuletzt wegen der inferioren Informationspolitik der Regierung Aznar), so überraschend krempelte der Sozialist Politik und Gesellschaft des Landes um: Wenige Tage nach Amtsantritt zog sich Spanien aus dem Irak zurück (ein Wahlversprechen Zapateros), in Richtung EU-Verfassung gab es eine Kehrtwendung, die Regierung im "Macho"-Land Spanien besteht zur Hälfte aus Frauen, und die katholische Kirche schäumt ob liberalerer Scheidungsgesetze sowie der Einführung der Schwulenehe. ofri

april

Roland Rainer

Die Kleiderständer, die er 1956 für die Wiener Stadthalle entworfen hatte, waren einfach, aber genial. Es nützte nichts: 2001 wurden sie fast verschrottet. Wenig später betrug ihr Schätzwert über 3000 Pfund ... Roland Rainer, Mitte April verstorbener Doyen der österreichischen Architektur, wurde oft verkannt - und schwamm noch öfter gegen den Strom: Als andere das Hochhaus propagierten, predigte er den verdichteten Flachbau. Statt Spektakulärem bevorzugte er Funktionalität - bei der Stadthalle wie beim ORF-Zentrum. Von modischem Schnickschnack blieben diese zwei Häuser - zumindest architektonisch - verschont. DH

mai

Sonia Gandhi

Auch die Furche machte das Oberhaupt der Gandhis zu schnell zu Indiens Ministerpräsidentin: Die gebürtige Italienerin hatte an der Spitze der Kongresspartei die Parlamentswahlen auf dem Subkontinent gewonnen. Doch die Schicksale von Schwiegermutter Indira und Ehemann Rajiv, die im Amt ermordet worden waren, schreckten ab: Sonia Gandhi, im Wahlkampf wegen ihrer Herkunft diffamiert, überließ das wichtigste politische Amt Manmahon Singh, dem ersten Sikh auf diesem Posten. Ihre Macht gab sie aber nicht ab: Als Fraktionschefin blieb Gandhi die politische Nummer Eins und bestimmt auch über Wohl und Wehe von Singh. ofri

juni

Iyad Allawi

Der erste Premier im Irak nach Saddam Hussein ist seit Juni Iyad Allawi. Der schiitische Muslim war unter Hussein Mitglied der Baath-Partei, bevor er im Exil Kontakte zu britischen und amerikanischen Geheimdiensten knüpfte. Kritiker bemängeln, er sei auch als Premier eine Marionette der CIA. Am 30. Jänner wird im Irak voraussichtlich gewählt - Allawi besetzt den Spitzenplatz der "Irakischen Liste". Priorität in seinem Wahlprogramm haben die Sicherheit und der Aufbau der irakischen Armee. Er verspricht jedoch auch, sich um Gesundheit, Bildung und eine Verbesserung der Stellung der Frau zu kümmern. claf

juli

Margit Fischer

Das Glamouröse ist ihr fremd - dazu passt, dass sie nicht als "First Lady" bezeichnet werden will. Den Begriff wird sie vermutlich dennoch nicht los, zu sehr ist er mit der Frau an der Seite des Staatsoberhauptes verbunden. Überschattet vom Tod Thomas Klestils, fand am 8. Juli die Angelobung ihres Mannes als Bundespräsident statt. Seither treten Heinz und Margit Fischer auf, als hätten sie nunmehr ihre eigentliche Bestimmung gefunden: entspannt, volksnah - und doch nicht aufdringlich. Mit Besuchen bei diversen Hilfsorganisationen wurden gezielt Signale gesetzt; nicht fehlen durfte zuletzt der Besuch bei "Licht ins Dunkel". mit

august

Dora Bakoyannis

Die Olympischen Spiele 2004 sind vorbei, und was die Athener Bürgermeisterin Dora Bakoyannis stets gehofft hatte, ist eingetreten: Athen war sicher, keine Bomben, keine Toten oder Verletzten. "Die Olympische Flamme bringt uns die Botschaft des Friedens und der Versöhnung", hatte die konservative Politikerin gesagt, die sich schon immer im Kampf gegen den Terror engagierte. Am 12. Dezember machte der Friede aber Pause: Zwei Albaner entführten in Athen einen Linienbus mit 26 Fahrgästen und drohten, ihn zu sprengen. Die Entführung ging nach 20 Stunden unblutig zu Ende. claf

september

Elisabeth Kübler-Ross

Man könnte meinen, das Metier war ihr vertraut. Und doch tat sie sich selbst so schwer dabei: Nach jahrelangem Ringen starb die 78-jährige, weltberühmte Sterbeforscherin - weitgehend allein und halbseitig gelähmt - in ihrem Haus in der Wüste Arizonas. Durch ihre "Interviews mit Sterbenden" (1969) hatte sie ein Tabu gebrochen und "den Tod aus der Toilette geholt". Obwohl die in der Schweiz geborene Rebellin in den siebziger Jahren durch Jenseits-Forschungen viele Anhänger vor den Kopf gestoßen hat, gilt Elisabeth Kübler-Ross bis heute - neben Cicely Saunders - als die Wegbereiterin der Hospiz-Bewegung. DH

oktober

Jacques Derrida

Foucault, Lyotard, Derrida - im Oktober ist der letzte der berühmten französischen Philosophen-Trias an Krebs gestorben. "Dekonstruktion" heißt das Zauberwort, das auch die mit seinem Namen verbinden, die seine umfangreichen Schriften kaum gelesen haben. Jürgen Habermas blieb es vorbehalten, sein schwer zu lesendes Werk als "jüdische Mystik" abzutun. Derrida hat sich politisch geäußert und mit Fragen des Rechts auseinander gesetzt und wurde zunehmend auch von Theologen gelesen. In seiner Skepsis, mit der er für das Bekenntnis vor allem Wissen eintrat, war er einer der zentralen Denker des 20. Jahrhunderts. CH

november

Yassir Arafat

Bewegung ist nach dem Tod von Yassir Arafat in den Friedensprozess im Nahen Osten gekommen. Ariel Sharon sieht das kommende Jahr sogar als historische Chance für eine Aussöhnung. Nicht zur Ruhe kommen auch die Gerüchte um Arafats Tod: "Etwas Merkwürdiges" soll vor einem Jahr mit Arafat passiert sein. Der Präsident schüttelte 30 Leuten die Hand und zog sich dann zurück, um sich zu übergeben. Von diesem Moment an ging es mit seiner Gesundheit bergab. Führende Palästinenserpolitiker äußern deswegen die Vermutung, Arafat sei durch einen israelischen Giftanschlag ums Leben gekommen. WM

dezember

Ernst Strasser

Ernst Strasser kann wieder lachen: Frohgelaunt erschien der Ex-Innenminister zum Abschiedsbesuch beim Bundespräsidenten. Angesichts des breit grinsenden Strasser konnte auch Heinz Fischer beim Händeschütteln nur erstaunt ausrufen: "Sie sind so fröhlich heute!" Vielleicht aber wusste Strasser zu dem Zeitpunkt bereits, dass seine Nachfolge in besten niederösterreichischen Händen liegt und weiterhin im Innenministerium "nicht immer alles nach seinem (Wolfgang Schüssels) Schädel gehen muss". Die Zukunftspläne in Strassers Kopf sind noch geheim, aber es müssen tolle Aussichten sein - wenn er so lacht. WM

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau