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Mittelmaß und Wahn

Die Kür der republikanischen Kandidaten für die US-Wahlen haben begonnen. Ein Blick auf die Bewerber lässt wenig von der Zukunft erwarten, so "Die Welt“.

Amerika ist eine Nation mit der Seele einer Kirche. Und: Die amerikanische Nation hat keine Ideologie, sie ist eine. Man muss an diese beiden Grundsätze aus einer Zeit erinnern, da sich in Amerika Christentum und Aufklärung zu einem Gemisch aus christlichem Republikanismus und demokratischem Glauben verbanden, um einigermaßen entspannt auf den Vorwahlkampf zu schauen, der mit den Vorwahlen für die republikanischen Präsidentschaftskandidaten in Iowa begann. Denn in jedweder Kirche ist nicht nur Gott, sondern auch das Pathos zu Hause. Das Pathos aber dient einem bestimmten Zweck, und - alle ahnen es: Nicht jede mit Inbrunst gehaltene Rede muss ernst genommen werden. Auch gilt in den Vereinigten Staaten, was überall im Westen eine Regel ist: Wahlen lassen sich nur in der Mitte gewinnen, weil die Mehrheit in der Demokratie (jedenfalls in Friedenszeiten) gemäßigt ist.

Die Republikaner und die Demokraten wissen darum. Seit jeher versuchen sie in den Vorwahlen, ihre radikalen Ränder für sich zu gewinnen, um im Hauptwahlkampf dann jegliche überspannte Ansicht fallen zu lassen und sich auf die Stimmung in der Mehrheit einzustellen. Man darf also gelassen bleiben. Dennoch wird auch der ruhigste Beobachter mit einigem Schaudern feststellen, wie intellektuell dürftig und rückwärtsgewandt die Kandidaten einer Partei daherkommen, die von Abraham Lincoln bis Dwight D. Eisenhower immer wieder bedeutende Präsidenten hervorbrachte.

Dürftiger Intellekt

Wer republikanischer Präsidentschaftskandidat im Jahr 2012 werden will, muss folgende Ansichten vertreten: Er oder sie muss für die Abschiebung von zwölf Millionen illegalen Einwanderern sein, von denen ein Großteil seit Jahren im Land lebt. Er oder sie muss jegliche Steuererhöhung ablehnen - und das, obwohl das Land finanziell am Rande des Abgrunds steht. Gleichzeitig muss der Kandidat versprechen, die 46 Millionen Amerikaner, die nicht krankenversichert sind, auch weiterhin ihrem Schicksal zu überlassen. Bedingung ist ferner, die Gefahr der Klimaveränderung nicht nur für einen linken Propagandatrick zu halten, sondern gleichzeitig anzukündigen, als Präsident die Umweltbehörde zu schließen.

Erben der Tea-Party

Unter dem Zeichen der Finanzkrise hat in den USA nicht die Linke zugelegt, sondern die Rechte in Form der Tea-Party-Bewegung. Anders als "Occupy Wall Street“ hat sie es vermocht, eine Schlagkraft aufzubauen, von der "Occupy Wall Street“ nur träumen kann. Unter dem Einfluss der Tea-Party-Aktivisten versuchen selbst republikanische Kandidaten, die ein eigenes Profil besaßen, derzeit alles, um ihre Ecken und Kanten abzurunden: Newt Gingrich will nicht mehr daran erinnert werden, einst durchaus vernünftige Vorschläge zur Umweltpolitik veröffentlicht zu haben. Rick Perry rackert sich ab, zu erklären, warum er einst für die Rechte von Kindern illegaler Einwanderer stritt, Mitt Romney meidet ein klärendes Wort zur Krankenversicherung, die er als Gouverneur von Massachusetts als konservative Antwort auf die Clinton-Reform einzuführen wagte. Es war nämlich nicht Barack Obama, sondern die konservative Heritage Foundation, die nach Clintons gescheiterter Gesundheitsreform eine einleuchtende Alternative für die Republikaner entwarf. Kaum ein Republikaner wagt es heute, darauf hinzuweisen. Wer es dennoch tut, wird abgestraft, wie etwa Huntsman, der bei seiner Haltung zur Homo-Ehe blieb und wohl deswegen für nur gut zwei Prozent der Republikaner als Präsident infrage kommt.

* Die Welt, 3. Jänner 2012

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