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Der Kunst ihre Freiheit

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Die Grenzen der Kunst liegen dort, wo die Rechte - auch die Freiheit - anderer Menschen eingeschränkt werden und ihnen oder der Umwelt geschadet wird.

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Die Grenzen der Kunst liegen dort, wo die Rechte - auch die Freiheit - anderer Menschen eingeschränkt werden und ihnen oder der Umwelt geschadet wird.

Der Kunst ihre Freiheit. Diese über dem Eingang der Wiener Secession angebrachte Proklamation wird immer wieder bemüht, wenn zur Diskussion steht, was Kunst darf und was nicht. Die Mißverständnisse darüber , so hat es den Anschein, wiederholen sich. Freiheit als Grundrecht beanspruchen alle. In unserer Gesellschaft können wir uns frei bewegen; wir leben, denken, schreiben, sagen, was wir wollen.

Jeder ist frei, sich in Farbe, Stein, Holz - oder welchem Medium auch immer - zu äußern. Das hat allerdings nichts mit Kunst zu tun. Wenn man diesem Gedankengang folgt, unterscheidet sich die Freiheit der Kunst nicht von anderen "Freiheiten". Das ändert nichts daran, daß es unvermeidbar Probleme gibt, sobald man die Grenzen dieser Freiheit auf die Probe stellt.

Der Versuch, Kunst zu definieren, ist unsinnig, vor allem aber dann, wenn versucht wird, sie als "gute" oder "schlechte" Kunst zu klassifizieren. Die Qualität der Kunst, oder besser die "Kunst-Qualität" überhaupt ist in diesem Zusammenhang irrelevant. Dieses Kriterium ist in einem anderem Kontext ohne Zweifel wichtig, aber Freiheit darf nicht an die Qualität von Kunst gebunden sein.

Die Freiheit der Kunst ist nur eine von vielen, die wir beanspruchen. Es gibt nur eine Freiheit für jedes menschliche Tun, zu dem eben auch die Kunst, wie immer sie im Einzelfall auch bewertet wird, gehört. Alleine das Ausloten der Grenzen erlaubt erst, die Freiheit wahrzunehmen. Schwierig ist nur, sie zu definieren. Sie liegen dort, wo die Rechte - auch die Freiheit - anderer Menschen eingeschränkt werden und ihnen oder der Umwelt Schaden zugefügt wird.

Unbestritten bleibt, daß sich die Auffassungen über die Grenzen ändern - und hier liegt wahrscheinlich das Hauptproblem, wenn man davon ausgeht, daß ein zentraler Aspekt künstlerischer Arbeit die Infragestellung vorherrschender Vorstellungen und Praktiken darstellt. Grundsätzlich werden die Grenzen von Freiheit durch verschiedene individuelle Komponenten gesetzt: das soziale Umfeld, bereits bestehende und anerkannte Normen, die Zugänglichkeit von Kulturtechniken, Bildung etc. Darüber hinaus werden diese auch ganz klar durch das jeweilige politische System, den jeweiligen Staat definiert.

Die Problematik liegt darin, daß wir einerseits vom Künstler kontroverse, innovative Ideen erwarten, aber andererseits versuchen, diese permanent zu relativieren. Hier wird unsere Angst vor einer größeren "Freiheit" deutlich. Selbstverständlich kann man immer geteilter Meinung darüber sein, was einem anderen zumutbar ist, in allen Lebensbereichen und auch in der Kunst. Daß der Künstler selbst Verantwortung für seine Arbeit trägt, wird hier nicht bestritten. Im Gegenteil, diese ist elementare Voraussetzung für die Weiterentwicklung der Kunst und damit der Gesellschaft. Dafür kann man keine starren allgemeinen Normen festlegen, da dies immer mit den Entwicklungsprozessen, die in einer Gesellschaft stattfinden, zusammenhängt.

Die Freiheit des Künstlers allerdings, wie man sie sich im allgemeinen gern vorstellt, ist auch in ganz anderer Hinsicht eine Illusion: etwa das Ringen, adäquate Ausdruckformen zu finden, der Kampf sich durchzusetzen und zu behaupten, die Eigendynamik des Kunstmarktes, die Verführung durch die Medien, die Angst vor Vereinnahmung und sei es durch Erfolg.

Der Begriff der "Freiheit der Kunst" taucht immer wieder auch im Zusammenhang mit Förderung von Kunst auf. Wenn es um die Verteilung von Steuermitteln geht, werden mit einem Mal all die Kriterien wichtig, die für die Freiheit selbst irrelevant sind. Gefördert werden soll, was in unseren Augen vielversprechend erscheint, zum Beispiel eine junge Künstlergeneration, die in der Lage sein wird, die Kunst für das 21. Jahrhundert zu formen. Natürlich soll es dabei eine breite Streuung geben, doch auch von der "Gießkannenpolitik" ist man wieder abgekommen.

Jedenfalls scheint die Bereitschaft der Meinungsbildung bei den "zuständigen Stellen" oft in dem Maß zu schwinden, wie sie bei der Öffentlichkeit oder den Medien zunimmt, und dann wird zuletzt eben die Meinung der letzteren aufgegriffen. Selbst das Risiko eines möglichen Fehlurteils ist verschwommenen, nichtssagenden Gemeinplätzen vorzuziehen.

Die Kunst braucht die Politik nicht - sie kann sich selbst artikulieren. Ihre Förderung und auch die Anerkennung ist nicht eine politische, sondern eine öffentliche Aufgabe. Es ist aber nicht nur die Aufgabe, sondern die Verantwortung der Politik, Kunst aus dem politischen Alltag herauszuhalten, sie als das, was und wie sie ist, zu akzeptieren und sie bei "Gefahr" tatsächlich mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln zu verteidigen.

Der Autor ist Direktor des MAK Wien - Österreichisches Museum für angewandte Kunst.

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