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Zwischen Sibirien und der Sahelzone

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Ist die aktuelle Flüchtlingskrise nur ein Vorbote einer neuen Epoche massiver Migrationsbewegungen?

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Ist die aktuelle Flüchtlingskrise nur ein Vorbote einer neuen Epoche massiver Migrationsbewegungen?

Neben der aktuellen Flüchtlingskrise sollte derzeit eine weitere "Causa prima" nicht übersehen werden, sagt der Wiener Demograf Wolfgang Lutz, und verweist auf die kommende UN-Vollversammlung in New York. Dort sollen ab 25. September nicht weniger als 169 nachhaltige Entwicklungsziele beschlossen werden, darunter erstmals auch der Klimaschutz: "Wenn wir es nicht schaffen, die globale Erwärmung einzudämmen, würde das wohl viel mehr Flüchtlinge bedeuten, als wir uns heute vorstellen können", sagt der Professor für Sozialstatistik an der WU Wien. Und zwar durch indirekte Effekte: Denn von den Auswirkungen des Klimawandels seien vor allem ärmere Länder betroffen, wodurch sich die globale Ungleichheit weiter verschärfen würde. Bei zunehmendem Lohngefälle oder schwindenden Ressourcen steigt das Risiko von Konflikten, die dann - weit eher als Naturkatastrophen - zu neuen Flüchtlingswellen führen könnten.

Kampf um Ressourcen

"In vielen Teilen des Nahen Ostens herrscht schon jetzt eine eklatante Wasserknappheit", bemerkt Lutz. "Und es gibt Stimmen, die behaupten, dass im Syrien-Konflikt der Kampf um das Wasser bereits einer der treibenden Faktoren ist." Auch für die Länder Nordafrikas und der Sahelzone, die weiterhin ein starkes Bevölkerungswachstum aufweisen, wird eine zunehmende Trockenheit prognostiziert. "Die Menschen dort werden mit noch schwierigeren Bedingungen zu kämpfen haben", so der Forscher. Umgekehrt könnten etwa in Nordkanada und Sibirien riesige Flächen an neuem Lebensraum entstehen, wenn diese Gebiete durch Klimaerwärmung landwirtschaftlich fruchtbarer werden.

Dass die Migrationsströme aufgrund des Klimawandels jedenfalls nicht mit der starken Flüchtlingsbewegung von heute vergleichbar sein werden, meint der Geograf Heinz Faßmann, Vizerektor der Universität Wien. Denn der Klimawandel führe schrittweise zu verschlechterten Lebensbedingungen in manchen Regionen: "Es wird sicher auch klimabedingte Wanderungen geben, aber die manifestieren sich wohl unterhalb der Wahrnehmungsgrenze - und werden dann in eine Form von Arbeitsmigration übersetzt." In der Forschung werden Migrationsströme stets über das Zusammenwirken dreier Faktoren erklärt: "Push"-Faktoren sind jene Umstände, die Menschen aus ihrer Region vertreiben, etwa Krieg oder miserable wirtschaftliche Zustände. "Pull"-Faktoren wiederum sind die Anreize, die von den Migrationszielen ausgehen. Der dritte Faktor ist die Höhe der Hürden, die es zu überwinden gilt: Dazu zählen nicht nur Stacheldrahtzäune, sondern auch Kosten oder rechtliche Rahmenbedingungen. Auf allen drei Ebenen sind Ansatzpunkte zur Lösung des Flüchtlingsproblems zu erörtern. "Jetzt ist humanitäre Hilfe das Gebot der Stunde; und alles Menschenmögliche muss unternommen werden, um den Krieg in Syrien zu beenden", sagt Lutz. "Längerfristig muss die globale Entwicklung gefördert werden, und da heißt die Priorität ganz klar Bildung." Bildung ist auch von zentraler Bedeutung für die Integration, die von der Bundesregierung nun mit einem Sondertopf von 75 Millionen Euro bedacht wird: Mobile Einsatzteams aus Pädagogen, Psychologen und Sozialarbeitern etwa sollen im Schulbereich zum Einsatz kommen. Zudem soll es für Asylwerber künftig möglich sein, in Branchen mit Fachkräftemangel sämtliche Lehrberufe antreten zu können. "Klar, dass es Grenzen der Aufnahmefähigkeit gibt", resümiert Heinz Faßmann. "Aber denken Sie nur an die Wiener Bevölkerung im 19. Jahrhundert, als die Mehrheit davon aus Zuwanderern bestand. Moderne Gesellschaften sind sehr dynamisch; das stimmt mich mit einem gewissen Optimismus."