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„Aufgewertete Nächstenliebe“

Bekanntlich ist im kirchlichen Bereich vieles in Bewegung geraten, was jahrhundertelang feste Tradition war. Es ist noch nicht abzusehen, wohin die zeitgemäße Anpassung des Unwesentlichen und die Herausentwicklung des absolut Gültigen noch gehen wird. Daß da ein auf karitativem Bereich Interessierter sich fragt, was sich nun in der nach- konziliaren Kirche auf dem Gebiet der Caritas tut, liegt nahe. Wird da auch reformiert? Wird etwas von dem aufgegeben, was bisher galt, gepredigt und getan wurde?

Dazu eine Zwischenfrage: Was bedeutet Caritas im herkömmlichen Sinn? Nichts anderes als: Vollzug des Vermächtnisses Christi von der Nächstenliebe, und zwar einer gesinnungsmäßigen und werktätigen brüderlichen Liebe, also Anteilnahme und Mitverantwortung für die Mitmenschen, besonders die Hilfsbedürftigen, weil wir nach Christi Wort alle Brüder und Schwestern einer großen Familie der Gotteskinder sind, gleichgültig, ob einer an den Segnungen der christlichen Kultur teilnehmen kann oder nicht, und egal, wo immer er ist und lebt, nah oder fern. Nun können wir mit großer Freude als Ergebnis des Sich-Prüfens und Läuterns der Kirche in den letzten Jahren — Heimsuchungen von außen haben vielfach dazu beigetragen — feststellen, daß keineswegs ein Aufgeben und Abrücken von dieser Caritas im Gange ist, sondern vielmehr ein Erwachen, Erkennen und Eingestehen, daß dieses Vermächtnis des Herrn leicht genommen wird und daher ein intensiveres Bemühen um die Verwirklichung dieser Caritas unter Einbezug aller Notleidenden und Hilfsbedürftigen in der ganzen Welt.

Darnach forderten Papst, Bischöfe und besonders auch die Laienvertreter im Konzil und in den Diözesen, daß sowohl der einzelne Christ wie die Gesamtkirche mit dem Liebesgebot unseres Herrn ganz anders ernst machen muß.

Caritas, als Nächstenliebe in Gesinnung und Werk, in der brüderlichen Beziehung von Mensch zu Mensch, wie in weltweit organisierter Liebestätigkeit, ist also aufgewertet worden wie noch nie. Caritas ist von falscher Sicht und falscher Deutung befreit. Von der

Caritas hängt also die Glaubwürdigkeit des einzelnen Christen und der Gesamtkirche ab. Und von der persönlichen Caritas hängt auch eines jeden Christen ewiges Heil ab. Denn Christus verbürgt sich dafür, daß vom Verhältnis des Menschen zum Mitmenschen, von seinem Tun und Lassen, kurz gesagt, von seiner echten und werktätigen Nächstenliebe, die er in jedem Fall wie ihm selbst erwiesen betrachtet, unser Schicksal abhängen wird.

Diese Bilanz über Bedeutung und Wert der Caritas wollen und müssen wir nutzbringend für unseren Alltag machen. An dieser Bilanz soll und will sich unsere Caritas, die private und die kirchlich organisierte, orientieren. Wenn wir aus dieser erfreulichen Aufwertung der Caritas im Leben der Kirche und jedes einzelnen von uns die Konsequenzen ziehen, und wir müssen und wollen uns Tag für Tag darum bemühen und nicht nur an einem Oaritassonntag, wird dies nicht nur den Hilfsbedürftigen und Notleidenden, sondern auch den Helfern und Spendern Licht und Kraft im Alltag und darüber hinaus in Zeit und Ewigkeit geben.

Unter den ständigen Einrichtungen der Diözesaneinrichtungen seien zunächst die offenen und halboffenen genannt.

In Ergänzung zu den bescheidenen Beihilfen der Pfarrcaritas wird ein Großteil der Mittel zur Linderung der vielgestaltigen Not aufgewendet, von der Menschen immer wieder heimgesucht werden. Der wöchentliche SOS- Ruf dient dazu, jene, die größere oder dauernde Hilfe benötigen, zu unterstützen. In diesem Hilfsprogramm der Caritas sind — wie könnte es anders sein — Alleinstehende und Familien, Notleidende vom Säugling bis zum Greis, Gesunde, Kranke sowie geistig und körperlich Behinderte.

Die Lehranstalten für Sozialberufe der Caritas Innsbruck (Ausbildung von Fürsorgerinnen) wurden modernisiert. 31 Familienhelferinnen sind in 19 Orten unserer Diözese eingesetzt. Die Gemeindeverwaltungen tragen zu den Gestehungskosten der Einsätze bei, so daß diese für Hilfsbedürftige weitgehend ermäßigt verrechnet werden können.

Eine eigene Caritasfürsorgerin steht den Patienten des Landeskrankenhauses zur Verfügung. In unserem Beratungszentrum für Eltern behinderter Kinder helfen eine eigens dafür geschulte Familienhelferin und eine Sonderkindergärtnerin mit, daß die lt. Tiroler Behindertengesetz möglichen Rehabilitationsmaßnahmen möglichst allen behinderten Kindern zugute kommen. Viel Freude erleben die Kranken in den Krankenhäusern und Altersheimen mit den von der Caritas vermittelten Sonntagshelferinnen, die zugleich das überforderte Personal spürbar entlasten.

Den Hilfsbedürftigen auf Reisen helfen vier Caritas-Socialis-Schwestem der Bahnhof - mission, die nicht nur am Hauptbahnhof, sondern in einem Heim mit 20 Betten Hilfsbedürftige betreuen. Junge weibliche Berufstätige können in der Pendlerrast der Caritas die Mittagsstunden angenehm verbringen, sich dort Mahlzeiten bereiten und mittels Bücherei, Radio und Schallplatten und, wenn erwünscht, in einem Ruheraum mit sechs Couches die Zeit sinnvoll nützen.

Unsere Auswanderungsberatung ist stark von jugoslawischen Gastarbeitern, die nach Oanada, USA und Australien wollen, in Anspruch genommen. Das Referat für Suchtgefährdete bemüht sich, den zunehmend von Alkohol Gefährdeten durch Vermittlung von Antabus- bzw. Entwöhnugskuren zu helfen und vor allem die in Mitleidenschaft gezogenen Familien zu betreuen.

In den Sommerferien verhelfen wir Kindern zur Erholung in caritaseigenen Ferienheimen; das ganze Jahr über können Erwachsene in unserem sehr schön gelegenen Erholungsheim St. Notburga in Eben am Achensee erholsame Wochen der Entspannung verbringen und Kräftigung finden, wobei wir von finanziell wenig leistungsfähigen Gästen, wie Rentnern, nur soviel als Tagessatz erbitten, als ihnen daheim nach Abzug der Miete pro Tag zum Lebensunterhalt verbleibt. Die Diözesancarätas in Tirol hat alles in ihren Kräften stehende getan, um anläßlich der Hochwasserkatastrophen 1966 und 1967 den Betroffenen rasch und wirksam helfen zu können. Zu den zirka vier Millionen Schilling haben die Caritasstellen der von dieser Katastrophe nicht betroffenen Diözesen großzügig beigesteuert.

Als eine der nächsten und dringendsten Aufgaben hat sich die Caritas die Erstellung eines Heimes für junge weibliche Berufstätige, Lehrmädchen und Schülerinnen in Lienz in Osttirol gestellt.

Seit 1945 hat die Diözesancaritas, außer den Hilfeleistungen in ihren zahlreichen Aufgabenbereichen, im Rahmen ihres außerordentlichen Budgets viele Millionen zum Neu- oder Ausbau von nicht caritaseigenen sozialen Werken aufgewendet, besonders für Kinder- und Jugendheime. Nun ist es hoch an der Zeit, für die Büros, Betreuungsräume und Depots der Caritasdirektion, die noch immer in einem fremden Objekt untergebracht sind, eine caritaseigene Heimstätte zu schaffen, wie dies in anderen Diözesen schon längst der Fall ist.

Die Mittel der Caritas für ihre vielfältige Tätigkeit, zu der noch im Rahmen der öster-reichischen Gesamtcaritas die begreiflicherweise sehr bescheidene Mithilfe bei der Internationalen Caritas in Südamerika, Afrika und Asien gehört, werden durch die Haussammlung im Frühjahr, die Kirchensammlung im Herbst, die Erträgnisse aus den Freitagopferbüchsen und sonstigen gelegentlichen Spenden sowie zu einem, allerdings geringen Teil durch öffentlichen Subventionen aufgebracht.

Die Weckung und Förderung echter Caritasgesinnung und opferbereiter werktätiger Nächstenliebe — unter anderem mittels der Caritasbildzeitung „Krieg der Not“ — ist bei aller Aktivität und Hilfeleistung durch Unterstützung und Beratung wohl das größte Anliegen unserer Caritas im Sinne des Liebęs- gebotes unseres Herrn und Seiner zeitgemäßen Verwirklichung.

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