Die ganze Welt ist mehr als Arbeit

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Für Lebenskultur einzutreten - auch ein Auftrag für die Kirche kann bedeuten, entgegen dem beherrschenden Primat von "Arbeit" die Qualität von Muße wiederzuentdecken.

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Für Lebenskultur einzutreten - auch ein Auftrag für die Kirche kann bedeuten, entgegen dem beherrschenden Primat von "Arbeit" die Qualität von Muße wiederzuentdecken.

Mitte September trafen sich in Oberösterreich die EU-Kulturminister, um grenzüberschreitende Kulturprojekte, Kulturförderprogramme und die Situation der Kulturschaffenden zu diskutieren. Bei einem Empfang strich Landeshauptmann Josef Pühringer die Bedeutung von Kunst und Kultur für ein weiteres Zusammenwachsen Europas hervor: Seit Beginn ihrer Existenz beteuert die Europäische Union, daß sie nicht nur eine Wirtschaftsgemeinschaft, sondern auch eine Kulturgemeinschaft sein will. So gibt es neben den Treffen in den "harten" Politikfeldern auch solche der Kulturminister.

"Kunst und Kultur" - dieses Wortpaar gehört für viele unmittelbar zusammen, wobei meist gefühlsmäßig noch unterschieden wird: Kultur, das ist Mozart und Goethe; Kunst, das ist Stockhausen und Franzobel. Mit Kultur verbinden wir die Wiener Staatsoper und die Salzburger Festspiele, Abendroben und gesellschaftliche Ereignisse - Kultur, das ist "gehoben".

Manche sagen "abgehoben", und wer der Herkunft des Wortes "Kultur" nachgeht, gibt dieser meinung recht: Kultur kommt vom lateinischen "colere". Der gute alte Stowasser gibt über dessen Bedeutung folgende Auskunft: bauen, bearbeiten, wohnen, Sorge tragen, schmücken, ausbilden, üben, betreiben, pflegen, wahren, anbeten, verehren, feiern.

Kultur ist wesentlich mehr als Kunst Kultur, das ist also wesentlich anderes und übergreifenderes als gebändigte Kunst. Kultur, das ist die Gesamtheit der durch menschliche Aktivitäten geformten Lebensbedingungen einer Bevölkerung in einem historisch und regional abgrenzbaren (Zeit-)Raum.

Fragen wir nach dem, was die westlichen Gesellschaften im Innersten kulturell zusammenbindet, so müssen wir sagen: Diese sind als Kulturgesellschaft eine Arbeitsgesellschaft.

Die Menschen der westlichen Gesellschaften sind fast ausschließlich durch Arbeit und die sie organisierende Ökonomie verbunden: Sinnerfahrung und gesellschaftlicher Status, soziale Beziehungen und Zeiteinteilung, kurz: unsere gesamte gesellschaftliche Organisation ist durch Arbeit bestimmt.

Gleichzeitig haben die Arbeitsgesellschaft und die sie organisierende Ökonomie - die kapitalistische Marktwirtschaft - sich als alleinherrschende Kulturinstitution etabliert. Andere Institutionen, die den Anspruch stellten, Sinn und Zusammenhänge zu stiften, wurden weitgehend auf die individuelle Ebene verwiesen. "Privatisieren" (privat heißt ursprünglich: beraubt) meint das Diktat, welches dem Staat, der Gewerkschaft, den Kammern - und eben auch der Kirche verordnet wird. Mit Schrecken ist festzustellen, daß die Kirche nur allzu oft bereit ist, sich diesem Diktat zu unterwerfen, indem sie ihren religiösen Auftrag gleich selbst mitprivatisiert und sich damit ihres Kulturauftrages entledigt.

Ohne Pauschalverurteilungen aussprechen zu wollen - auch nicht der Hierarchie gegenüber - geben doch folgende beobachtbare Tendenzen zu denken: Da finden endlose innere Strukturdebatten statt, bei denen sich sogenannte Fortschrittliche und sogenannte Traditionalisten die Notwendigkeit ihrer jeweiligen Existenz gegenseitig garantieren; beide lassen die Kirche als ein auf sich selbst bezogenes System erscheinen. Da wird auch dort, wo man meint, die gesellschaftliche Wirklichkeit anzusprechen, auf der individuellen Ebene moralisiert und diszipliniert. Und da gibt es immer mehr Christen und Christinnen, die die Bedingungen dieser Welt überhaupt nicht mehr zur Kenntnis nehmen und sich mit Halleluja- und "Jesus liebt dich"-Gesängen selbst hinauskatapultieren.

Dabei wäre gerade heute eine Kirche so wichtig, die sich - entgegen allen postmodernen Verdikten - selbstbewußt als "Große Erzählung" präsentiert, die als Kulturinstitution Geschichte tradiert, Gegenwart interpretiert und Zukunft entwirft. Und das nicht, um fundamentalistisch ein Kulturmonopol (wieder) zu erringen, sondern um gerade in Zeiten der Monopole ein öffentliches kritisches Korrektiv aufrecht zu erhalten.

Arbeit: Abwesenheit von Muße Um diese Dringlichkeit zu sehen, macht es Sinn, die Arbeitsgesellschaft, ja Arbeit überhaupt, genauer in den Blick zu nehmen. Im Lateinischen etwa ist die Tätigkeit des Menschen, die ihn zum Menschen macht, das "otium", die Muße. Erst von daher leitet sich dann "negotium", die Arbeit ab, die die beklagenswerte Negation von Muße ist. Dieses Verständnis von Arbeit korreliert in der Antike mit einer Gesellschaft, die streng in Herren und Sklaven unterteilt ist, und wo Arbeiten das Kennzeichen des Sklaven ist.

In faktisch allen Sprachen weist die etymologische Herkunft des Wortes für Arbeit in diese Richtung. Das deutsche Wort "Arbeit" geht zum Beispiel in seiner Grundbedeutung auf "Mühsal" zurück. Auch die Bibel (Gen 3,19) weiß von dieser dunklen Herkunft: "Im Schweiße deines Angesichtes sollst du dein Brot essen!" - und die Arbeit erscheint als Folge des Sündenfalls.

Spätestens mit Beginn der Neuzeit setzt ein Bedeutungswandel ein, der in die diametral andere Richtung weist. Arbeit wird immer mehr zu der Tätigkeit des Menschen, die seine Selbstwerdung verwirklicht und seine Freiheit garantiert. Und wieder kann die Heilige Schrift als Zeugin angerufen werden, ist doch der Auftrag zum Beherrschen und Bearbeiten der Welt gerade Ausdruck davon, daß der Mensch ein Ebenbild Gottes ist.

Mit dem Fortschreiten der Industrialisierung durchläuft der Arbeitsbegriff eine immer größere Entgrenzung, wie etwa auch der deutsche Philosoph Bernd Guggenberger aufzeigt: Zunehmend gerät alles, was wir tun, in den Bann von Arbeit. Heute arbeiten nicht nur Ärzte und Ärztinnen, Rauchfangkehrer(innen), Beamtinnen und Beamte, sondern auch alle Tätigkeiten außerhalb des Berufs werden zu Arbeit: Friedensarbeit, Beziehungsarbeit, Trauerarbeit ... Und in der Freizeit (die nun die "beklagenswerte" Negation von Arbeit ist) bringen wir unseren Körper durch Konditionsarbeit wieder auf Touren. Schließlich dehnt sich Arbeit in ihrem "imperialistischen" Gehabe auf die gesamte Wirklichkeit aus: das Geld arbeitet, die Maschine arbeitet, der Berg arbeitet - alles arbeitet.

Dieses universale Arbeiten geht mit einem Weltverständnis einher, wo das göttliche Urteil über die Schöpfung, nämlich daß alles sehr gut sei, nicht mehr nachvollzogen werden kann. Die Welt wird als das schlechthin Unvollkommene erlebt, wo alles und alle arbeiten beziehungsweise bearbeitet werden müssen, um sie einigermaßen als Welt herstellen zu können.

Das Drama der Gegenwart ist, daß dieser Arbeitsgesellschaft die Arbeit ausgeht. Oder genauer gesagt: einem immer größeren Anteil der Bevölkerung wird die Teilhabe an der (Erwerbs-)Arbeit versagt. Das aber bringt für diese Menschen gleichzeitig die Bedrohung mit sich, aus der herrschenden Kultur ausgeschlossen zu werden.

Kultur: Statt Arbeit die Muße fördern?

20 Millionen Arbeitslose in der Europäischen Union - dagegen helfen keine kulturellen Förderprogramme. Vielmehr ist die Politik auf höchster Ebene gefragt. Dort ist zu entscheiden, ob die EU überhaupt etwas anderes sein kann als eine Wirtschaftsgemeinschaft. Denn wie will sie eine Kulturgemeinschaft werden, solange die Politik ihre Unterwerfung unter die herrschende Ökonomie akzeptiert? Und wie will sie eine Kulturgemeinschaft werden, wenn die Politik selbst sich nicht mehr in erster Linie am Gemeinwohl orientiert? Und wo sind die Umverteilungsprogramme, die alle wieder an unserer Kulturgesellschaft partizipieren lassen?" Die Chancen für eine derartige Wende in der Politik stehen schlecht. Wie läßt sich denn etwa für ein Teilen von Arbeit argumentieren, wenn die Besitzenden nicht nur teilen sollen, sondern im selben Maße Beziehungsverlust, Statusverlust, Sinnverlust ... befürchten müssen?

Die antike Gesellschaft war eine streng hierarchische von Herren und Sklaven. Die Neuzeit brachte Demokratisierung. Aber sie schaffte den Herren-Stand ab und machte alle zu (arbeitenden) Sklavinnen und Sklaven. Die Kirche hingegen könnte die Vision des Reiches Gottes verkündend entgegensetzen, wo die Menschen - um mit den Wortes des heiligen Paulus zu sprechen - zur Freiheit befreit sind, und wo sie vor Gott und den Menschen alle gleich sind, weil der Sklavenstand abgeschafft wird. Vielleicht wäre ein erster Schritt dahin, die Qualität von Muße wieder zu entdecken. Nicht zuletzt gründet der christliche Glaube ja auf einem, von dem nie berichtet wird, daß er je gearbeitet hätte.

Die Autorin ist Theologin und Erwachsenenbildnerin in Wien.

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