Philosophie

Ernst Tugendhat: "So wie ein leises Blubbern"

1945 1960 1980 2000 2020

Entscheidet unser Gehirn, bevor wir uns bewusst entschieden haben - wie die Tests von Benjamin Libet aus dem Jahr 1979 beweisen? Und ist der "freie Wille" damit endgültig tot? Keineswegs, meint der Tübinger Philosoph Ernst Tugendhat. Im FURCHE-Interview spricht er freilich lieber von "Verantwortung" - und wünscht sich eine Begründung von Moral ohne Gott.

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Entscheidet unser Gehirn, bevor wir uns bewusst entschieden haben - wie die Tests von Benjamin Libet aus dem Jahr 1979 beweisen? Und ist der "freie Wille" damit endgültig tot? Keineswegs, meint der Tübinger Philosoph Ernst Tugendhat. Im FURCHE-Interview spricht er freilich lieber von "Verantwortung" - und wünscht sich eine Begründung von Moral ohne Gott.

DIE FURCHE: Herr Professor Tugendhat, was würden Sie Hirnforschern wie Wolf Singer oder Gerhard Roth entgegnen, die behaupten, mit hirnphysiologischen Experimenten bewiesen zu haben, dass der freie Wille nicht existiert?

Ernst Tugendhat: Ich würde sie fragen, wie sie das Problem des freien Willens verstehen. Ich glaube, dass in der Verwendung des Ausdrucks "freier Wille" etwas suggeriert wird, was gar nicht existiert - als ob wir einen vollkommen freischwebenden Willen hätten. Die Hirnforscher haben einfach zwei Dinge kombiniert: erstens die Forschungen von Benjamin Libet, wo bestimmte Zusammenhänge zwischen Wollen und vorausgehenden Gehirnveränderungen - so wie ein leises Blubbern - nachgewiesen wurden; und zweitens eine sehr viel globalere Behauptung, die auf der Überzeugung basiert, dass wir, wenn wir determiniert sind, also abhängig von inneren oder äußeren Ursachen, nicht frei seien.

DIE FURCHE: Ist diese Konsequenz nicht logisch?

Tugendhat: Nein, schließlich gibt es in der Philosophie des zwanzigsten Jahrhunderts eine Position, die man "Kompatibilismus" nennt: Demnach ist "Willensfreiheit" gerade nichts frei Schwebendes und sie widerspricht auch dem Determinismus nicht. "Willensfreiheit" und Determinismus sind kompatibel.

DIE FURCHE: Wie kann man sich eine solche "Willensfreiheit" vorstellen?

Tugendhat: Es wäre vernünftiger, dieses Wort überhaupt zurückzustellen. Das zentrale Wort ist eher Verantwortlichkeit. Sie ist es ja auch, die wir etwa im Strafrecht brauchen. Die Voraussetzung dafür, dass wir jemanden zur Rechenschaft ziehen, ist ja, dass sein Handeln und Wollen eine bestimmte Struktur hat und eben nichts frei Schwebendes ist. Und diese Struktur, die sich beim Menschen in bestimmten Gründen zeigt, die für sein Handeln maßgebend sind, nennt man Zurechnungsfähigkeit. Wenn wir zeigen können, dass ein Mensch nicht von Gründen beeinflusst ist, dann sagen wir, er ist nicht zurechnungsfähig - oder er handelt zwanghaft.

DIE FURCHE: Wie ein Trinker, der nicht aufhören kann?

Tugendhat: Wenn jemand immer mehr trinkt, könnte man sagen, dass er immer weniger Gründen zugänglich wird. Natürlich könnte man zu einem schwer süchtigen Menschen sagen: Er kann ja noch überlegen! Aber es genügt eben nicht, überlegen zu können, sondern es müssen die Ergebnisse des Überlegens zumindest die Möglichkeit haben, wirksam zu werden. Und das scheint bei Süchtigen in Frage gestellt zu sein. Hier könnten übrigens die Hirnforscher einmal etwas durchaus Wichtiges beitragen - nämlich zu fragen: Was ist das physiologische Pendant zu einem Überlegungsprozess? Doch bisher konnten sie nur sagen, an welcher Stelle im Gehirn etwas pulsiert.