Thugendhat - © Foto: picturedesk.com / DPA / Fritz Fischer

Ernst Tugendhat: "So wie ein leises Blubbern"

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Entscheidet unser Gehirn, bevor wir uns bewusst entschieden haben - wie die Tests von Benjamin Libet aus dem Jahr 1979 beweisen? Und ist der "freie Wille" damit endgültig tot? Keineswegs, meint der Tübinger Philosoph Ernst Tugendhat. Im FURCHE-Interview spricht er freilich lieber von "Verantwortung" - und wünscht sich eine Begründung von Moral ohne Gott.

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Entscheidet unser Gehirn, bevor wir uns bewusst entschieden haben - wie die Tests von Benjamin Libet aus dem Jahr 1979 beweisen? Und ist der "freie Wille" damit endgültig tot? Keineswegs, meint der Tübinger Philosoph Ernst Tugendhat. Im FURCHE-Interview spricht er freilich lieber von "Verantwortung" - und wünscht sich eine Begründung von Moral ohne Gott.

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DIE FURCHE: Herr Professor Tugendhat, was würden Sie Hirnforschern wie Wolf Singer oder Gerhard Roth entgegnen, die behaupten, mit hirnphysiologischen Experimenten bewiesen zu haben, dass der freie Wille nicht existiert?

Ernst Tugendhat: Ich würde sie fragen, wie sie das Problem des freien Willens verstehen. Ich glaube, dass in der Verwendung des Ausdrucks "freier Wille" etwas suggeriert wird, was gar nicht existiert - als ob wir einen vollkommen freischwebenden Willen hätten. Die Hirnforscher haben einfach zwei Dinge kombiniert: erstens die Forschungen von Benjamin Libet, wo bestimmte Zusammenhänge zwischen Wollen und vorausgehenden Gehirnveränderungen - so wie ein leises Blubbern - nachgewiesen wurden; und zweitens eine sehr viel globalere Behauptung, die auf der Überzeugung basiert, dass wir, wenn wir determiniert sind, also abhängig von inneren oder äußeren Ursachen, nicht frei seien.

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DIE FURCHE: Ist diese Konsequenz nicht logisch?

Tugendhat: Nein, schließlich gibt es in der Philosophie des zwanzigsten Jahrhunderts eine Position, die man "Kompatibilismus" nennt: Demnach ist "Willensfreiheit" gerade nichts frei Schwebendes und sie widerspricht auch dem Determinismus nicht. "Willensfreiheit" und Determinismus sind kompatibel.

DIE FURCHE: Wie kann man sich eine solche "Willensfreiheit" vorstellen?

Tugendhat: Es wäre vernünftiger, dieses Wort überhaupt zurückzustellen. Das zentrale Wort ist eher Verantwortlichkeit. Sie ist es ja auch, die wir etwa im Strafrecht brauchen. Die Voraussetzung dafür, dass wir jemanden zur Rechenschaft ziehen, ist ja, dass sein Handeln und Wollen eine bestimmte Struktur hat und eben nichts frei Schwebendes ist. Und diese Struktur, die sich beim Menschen in bestimmten Gründen zeigt, die für sein Handeln maßgebend sind, nennt man Zurechnungsfähigkeit. Wenn wir zeigen können, dass ein Mensch nicht von Gründen beeinflusst ist, dann sagen wir, er ist nicht zurechnungsfähig - oder er handelt zwanghaft.

DIE FURCHE: Wie ein Trinker, der nicht aufhören kann?

Tugendhat: Wenn jemand immer mehr trinkt, könnte man sagen, dass er immer weniger Gründen zugänglich wird. Natürlich könnte man zu einem schwer süchtigen Menschen sagen: Er kann ja noch überlegen! Aber es genügt eben nicht, überlegen zu können, sondern es müssen die Ergebnisse des Überlegens zumindest die Möglichkeit haben, wirksam zu werden. Und das scheint bei Süchtigen in Frage gestellt zu sein. Hier könnten übrigens die Hirnforscher einmal etwas durchaus Wichtiges beitragen - nämlich zu fragen: Was ist das physiologische Pendant zu einem Überlegungsprozess? Doch bisher konnten sie nur sagen, an welcher Stelle im Gehirn etwas pulsiert.

Ich würde eine gläubige Person fragen, ob sie meint, dass das moralisch Gute gut ist, weil Gott es geboten hat – oder dass Gott es gebietet, weil es gut ist.“

DIE FURCHE: Nicht nur für das Strafrecht ist Verantwortung unabdingbar, sondern auch für Moral. Sie haben sich lange mit der möglichen Begründung von Moral beschäftigt und ein Vertrags-Modell entwickelt.

Tugendhat: Wenn wir moralisch handeln, gibt es nicht mehr nur Gründe, die auf das eigene Interesse bezogen sind. Man sagt im so genannten Kontraktualismus auch nicht einfach: "Ich will etwas, und du vielleicht auch, deshalb können wir einen Kompromiss abschließen." Sondern es geht um das moralisch Gute, wonach wir einander tadeln und auch loben können. Und dann baut sich etwas auf, was höherstufig ist als Eigeninteresse und was von dem getragen wird, was ich die moralischen Affekte nenne - nämlich die Empörung der anderen und das eigene Schuldgefühl.

DIE FURCHE: Welche Rolle spielt in diesem Konzept das Gewissen?

Tugendhat: Ich neige dazu, das Phänomen des Gewissens aufzubauen auf das Gefühl des Schuldbewusstseins, das komplementär ist zum Empörungsgefühl der anderen. Ich weiß, dass viele Leute denken: Wir haben so eine innere Instanz, und es kommt darauf an, dieser inneren Instanz - egal ob sie göttlich begründet ist oder nicht - zu folgen. Das kann aber zu schrecklichen Dingen führen. Man könnte ja schließlich sagen: Auch Hitler ist irgendeiner inneren Instanz gefolgt.

DIE FURCHE: Was spricht gegen eine religiöse Begründung der Moral?

Tugendhat: Es ist eben eine autoritäre Begründung zu sagen: Die Tradition oder Gott begründet das und das. Die Frage ist doch, ob man sich, wenn man autonom denkt, fremden Geboten unterwerfen kann.

DIE FURCHE: Was würden Sie einer gläubigen Person sagen, für die eine religiöse Begründung wichtig und bindend ist?

Tugendhat: Ich würde fragen, ob sie meint, dass das moralisch Gute gut ist, weil Gott es geboten hat - oder dass Gott es gebietet, weil es gut ist. Wenn die Person den zweiten Weg einschlägt, würde ich ihr sagen: Dann musst du eigentlich das Gutsein - unabhängig von dem, dass Gott es gebietet - definieren können. Wenn hingegen das Gebot nur darauf beruht, dass irgendein Wesen mich sonst bestraft, dann haben wir es mit dem alten Abraham-Problem zu tun. In der jüdisch-christlichen Tradition wird Abraham ja als großes Vorbild hingestellt, weil er ein moralisches Gebot - nämlich niemanden zu töten, schon gar nicht die eigenen Kinder - übertreten hat, weil es sein Gott gebietet. Diese für uns heute sehr fragwürdige Geschichte bedeutet, dass man den Gehorsam einem Wesen gegenüber höher stellt als das Moralische. Außerdem: Was ist das für ein Gott, der so etwas fordert? Ein böser Gott. Einem religiösen Menschen würde ich also raten, die Moral nicht-religiös zu begründen: Erstens, weil die religiöse Begründung eine andere voraussetzt; und zweitens, weil wir uns heute innerhalb einer Gemeinschaft bewegen, die nicht mehr durch einen einzigen Glauben bestimmt ist. Wir Menschen wollen uns ja über alle Grenzen hinweg verständigen können. Auch moralisch.

Ernst Tugendhat

Für klares Denken - und Blumenkohl

An diesem Mann scheint so vieles gemütlich: seine Gewohnheit, "täglich Blumenkohl" zu essen, seine jahrzehntelange Verbundenheit zu seiner Schreibmaschine, sein großväterliches Lächeln. Und doch ist Ernst Tugendhat radikal wie kein anderer - in seiner unablässigen Forderung nach Klarheit. Dieses Drängen nach Durchsichtigkeit des Denkens und Sprechens wurde in der Beschäftigung mit jenem Philosophen grundgelegt, dessen philosophisches "Raunen" Schule machen sollte: Martin Heidegger. Dessen Hauptwerk "Sein und Zeit" hatte Tugendhat, der 1930 als eines von fünf Kindern einer "vollständig säkularisierten" jüdischen Familie in Brünn geboren wurde und in der berühmt gewordenen "Villa Tugendhat" des Bauhaus-Architekten Ludwig Mies van der Rohe aufwuchs, von seiner Mutter zur Lektüre erhalten. Tatsächlich begann Tugendhat, der 1938 mit seiner Familie vor den Nazis in die Schweiz und später nach Südamerika fliehen musste und nach dem Krieg in Stanford klassische Philologie belegte, ab 1949 bei Heidegger in Freiburg zu studieren. Es folgten Rufe nach Tübingen, Heidelberg, zu Jürgen Habermas ans Max-Planck-Institut Starnberg und schließlich an die Freie Universität Berlin, wo er bis 1992 - neben seinem politischen Engegament für das Asylrecht - lehrte und sich nach sprachanalytischen Untersuchungen einer vertragstheoretischen Begründung von Moral zuwandte. Besonders beschäftigt den heute 75-Jährigen das Verhältnis von Willensfreiheit und Determinismus, über das er auch vergangenen Montag auf Einladung des Instituts für Philosophie der Universität Wien referierte.

An diesem Mann scheint so vieles gemütlich: seine Gewohnheit, "täglich Blumenkohl" zu essen, seine jahrzehntelange Verbundenheit zu seiner Schreibmaschine, sein großväterliches Lächeln. Und doch ist Ernst Tugendhat radikal wie kein anderer - in seiner unablässigen Forderung nach Klarheit. Dieses Drängen nach Durchsichtigkeit des Denkens und Sprechens wurde in der Beschäftigung mit jenem Philosophen grundgelegt, dessen philosophisches "Raunen" Schule machen sollte: Martin Heidegger. Dessen Hauptwerk "Sein und Zeit" hatte Tugendhat, der 1930 als eines von fünf Kindern einer "vollständig säkularisierten" jüdischen Familie in Brünn geboren wurde und in der berühmt gewordenen "Villa Tugendhat" des Bauhaus-Architekten Ludwig Mies van der Rohe aufwuchs, von seiner Mutter zur Lektüre erhalten. Tatsächlich begann Tugendhat, der 1938 mit seiner Familie vor den Nazis in die Schweiz und später nach Südamerika fliehen musste und nach dem Krieg in Stanford klassische Philologie belegte, ab 1949 bei Heidegger in Freiburg zu studieren. Es folgten Rufe nach Tübingen, Heidelberg, zu Jürgen Habermas ans Max-Planck-Institut Starnberg und schließlich an die Freie Universität Berlin, wo er bis 1992 - neben seinem politischen Engegament für das Asylrecht - lehrte und sich nach sprachanalytischen Untersuchungen einer vertragstheoretischen Begründung von Moral zuwandte. Besonders beschäftigt den heute 75-Jährigen das Verhältnis von Willensfreiheit und Determinismus, über das er auch vergangenen Montag auf Einladung des Instituts für Philosophie der Universität Wien referierte.

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