brüder der nacht - © Stadtkino

"Schlafen kann ich, wenn ich tot bin"

1945 1960 1980 2000 2020

Schlummern war einst ein seliger oder schreckenerregender Zustand. Heute kann der Schlaf in Echtzeit vermessen werden. Doch im digitalen Zeitalter ist nächtliche Erholung zunehmend schwerer zu finden.

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Schlummern war einst ein seliger oder schreckenerregender Zustand. Heute kann der Schlaf in Echtzeit vermessen werden. Doch im digitalen Zeitalter ist nächtliche Erholung zunehmend schwerer zu finden.

Eine Studie über die Schlafgewohnheiten dreier Naturvölker stellte 2015 die gängige Meinung vieler Schlafmediziner, dass wir zu wenig schlafen, radikal in Frage. Mindestens acht Stunden sollten es sein, so das Fazit unzähliger Studien und Umfragen, das in viele Ratgeber für Schlafgestörte eingeflossen ist. Doch buchstäblich über Nacht schien alles anders zu sein: Eine Arbeitsgruppe unter der Leitung von Gandhi Yetish, die über ein Jahr das Schlafverhalten der Tsimane (Bolivien), San (Namibia) und Hadza (Tansania) beobachtete, kam zu dem Schluss, dass in diesen vorindustriellen Kulturen, egal ob in Südamerika oder Afrika, nicht mehr als sieben Stunden täglich geschlafen wird.

Damit wurde der Vorstellung der Boden entzogen, dass wir unter natürlichen Bedingungen deutlich mehr schlafen würden -und dass wir erst durch den modernen Lebensstil mit seinem Freizeitverhalten und digitalen Verlockungen immer weniger Zeit mit Schlafen verbringen. Die Schlafzeit an sich ist demnach gar nicht das Problem, wohl aber die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen.

Die Müdigkeitsgesellschaft

Schlafmangel und das permanente Müdesein sind die Merkmale einer 24/7-Gesellschaft (Byung-Chul Han), die es verlernt hat, sich dafür Zeit zu nehmen, was unsere conditio humana tagtäglich von uns einfordert: Auszeit zu nehmen, um einfach zu schlafen. Was können wir tun, damit wir weniger Zeit mit Schlaf vergeuden und mehr Wachzeit gewinnen, sind ernst gemeinte Fragen, die auch die moderne Schlafforschung immer wieder beschäftigen. Effizientere und Ressourcenschonende Effekte zu erzielen, sind heute positiv besetzte Vorstellungen, die aus der Ökonomie kommend fast alle Bereiche des modernen Lebens erobert haben. Das gilt auch für die Physiologie und Psychologie.

Die Zauberformel heißt heute "Selbstoptimierung". Mit Hilfe moderner Technologien wie Aktivitäts-,Fitness-und Schlaf-Tracker werden Tools angeboten, die mittels Smartphone-Applikationen jeder, auch ohne großes Vorwissen, nutzen kann. Noch vor einigen Jahren undenkbar, zeichnen Smartphones und Fitness-Armbänder laufend auf, wie viele Kilometer zurückgelegt und was an Kalorien verbraucht wurde oder wie sich das Bewegungsverhalten auf Puls, Herzrate oder den Schlaf auswirkt. Selbstverständlich können die Daten mit den Mitgliedern sozialer Netzwerke geteilt und kommentiert werden. Fragen, ob mein Schlafprofil "normal" sei oder "Stimmen die erhobenen Daten überhaupt?" und nicht zuletzt: "Wie viel Schlaf brauche ich denn überhaupt?" sorgen zwar immer wieder für rege Diskussionen, lassen sich aber - trotz oder gerade durch den täglichen Vergleich mit anderen - nicht beantworten. Zu diesen Fragen geben auch die auswertenden Algorithmen keine Antwort. Die Frage ist nur: Warum?

Die Bestimmung der Schlafmenge und -tiefe war immer schon ein beliebtes Betätigungsfeld der experimentellen Schlafforschung. Entsprechend vielfältig und mitunter sogar skurril waren einige der verwendeten Versuchsanordnungen, zum Beispiel eine Vorrichtung zur Messung des Schlaf-Wachverhaltens von Tanzmäusen. Dennoch gelang es, relativ exakte Messungen über die Menge und Beschaffenheit der verschlafenen Zeit durchzuführen. Fazit dieses Vergleichs: Wir schlafen tatsächlich um ein bis zwei Stunden weniger als noch vor 100 Jahren! Der technische Fortschritt zu Beginn des 20. Jahrhunderts ermöglichte dann wesentlich exaktere Messungen. In den 1920er-Jahren entwickelte Hans Berger eine Technik, Hirnströme mit Hilfe von Bioverstärkern abzuleiten und die Kurvenverläufe fotografisch festzuhalten: Die Elektroenzephalografie (EEG) wurde immer mehr verfeinert und führte 1953 schließlich zur Entdeckung des REM-Schlafes: Das ist ein Schlafabschnitt mit raschen Augenbewegungen, in dem bunte und bizarre Träume dominieren. Dadurch erreichte die noch junge Disziplin der Schlafforschung eine bis dato unbekannte Popularität. Schlafexperten erklärten euphorisch, mit den neuen technischen Möglichkeiten wäre das Rätsel Schlaf in absehbarer Zeit gelöst. Zudem lässt sich der gestörte Schlaf durch Vergleich mit den nun verfügbaren Schlafnormdaten exakt beschreiben -und somit erfolgreich behandeln und optimieren.

Angst vor Kontrollverlust

Die Verfügbarkeit relativ kostengünstiger Schlafmessplätze trug mit dazu bei, dass nunmehr systematische Schlafmessungen an Testpersonen im großen Stil möglich waren. Im Gegensatz zu den Jahrhunderten davor mussten die Testpersonen nicht mehr geweckt werden, um sie im Wachen über ihren Schlafzustand zu befragen: Schlaf konnte nun in Echtzeit und ungestört, also "live" registriert werden - und wurde in Form von Kurven, Grafiken und Messwerten sichtbar. Damit eröffneten sich neue Möglichkeiten der Darstellung, aber auch der gezielten Beeinflussung schlafphysiologischer Prozesse. Im Zuge dessen reduzierte sich der Schlafzustand auf eine von anderen physiologischen Vorgängen isoliert messbare Körperfunktion, die diverse Stadien durchläuft und während der Nacht einen charakteristischen rhythmischen Verlauf zeigt.

Schlaf war für den Menschen seit jeher ein beängstigendes Phänomen. Die angenehmen Effekte von erholsamem Schlaf waren zwar für jeden spürbar, doch der Schlafzustand mit seinem Verlust der bewussten Kontrolle löste auch Ängste aus und hinterließ eine unheimliche, fremdartige Aura, die das Phänomen Träumen und die Finsternis der Nacht noch verstärkten. Schlaf wurde in der Antike als "Bruder des Todes" verstanden - eine Auffassung, die in Aussprüchen wie "Schlafen kann ich, wenn ich tot bin"(Rainer W. Fassbinder) weiterlebt. Auch die bildende Kunst ist voll von Darstellungen, die das Schlafen und die Schrecken der Nacht zum Thema haben. Die mittelalterliche Schlafdiätetik (ars dormiendi) verstand sich primär als Regelwerk für ein gottgefälliges Leben, um das Schlafen sicherer zu gestalten. Interessant auch, dass im klösterlichen Leben der ars dormiendi immer eine ars moriendi gegenüber gestellt wurde. Der Schlaf als todesähnlicher Zustand sollte den Menschen jeden Tag daran erinnern, dass seine irdische Existenz vergänglich ist. Die Finsternis als Schrecken der Nacht verschwand erst mit der Erfindung der Glühbirne und dem Einsatz flächendeckender Beleuchtung. Elektrisches Licht und die Registrierung von Hirnströmen waren zwei Bedingungen, die dazu führten, dass Schlafen in einem völlig neuen Kontext gesehen wurde. Das änderte unser Verhältnis zum Schlaf: Das "Joch des Schlafs"(Sonja Kinzler) schien damit endgültig ad acta gelegt.

Signale des Körpers

Seither kann sich die Menschheit über eine schöne neue Welt des Schlafs freuen. Doch die Klagen über zu wenig und nicht erholsamen Schlaf nehmen tendenziell zu. Davon betroffen ist etwa ein Viertel der Bevölkerung in den westlichen Industriestaaten. Gegen diesen Trend helfen keine Schlaf-Apps, und auch das gesteigerte Interesse am Schlaf macht uns offensichtlich nicht schlafgesünder. Wir haben wohl verlernt, auf das zu achten, was unser Körper signalisiert: Schläfrigkeit und Müdigkeit sind untrügerische Signale, dass wir Schlaf benötigen. Es ist daher wenig hilfreich, diese Botschaften mit Aufputschmittel zu übertünchen.

Wer seine Leistungsfähigkeit und sein Wohlbefinden "optimieren" möchte, braucht dazu keine App, sondern muss nur in sich hineinhören. Das können Apps (noch nicht) leisten. Zudem ändert sich das individuelle Schlafbedürfnis je nach Alter, Jahreszeit und den momentanen Bedürfnissen. In diesem Sinne: Gehen Sie einfach ins Bett -- Ihr Körper wird es Ihnen danken!

Der Autor ist Schlafforscher an der Medizinischen Universität Wien

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