Einsatzfahrzeug Rettung RK - © Unsplash/camilo jimenez
Gesellschaft

Helfen im digitalen Zeitalter

1945 1960 1980 2000 2020

Das traditionelle Ehrenamt stirbt aus, gleichzeitig engagieren sich mehr Freiwillige als je zuvor. Im Gespräch mit dem Rettungskommandanten.

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Das traditionelle Ehrenamt stirbt aus, gleichzeitig engagieren sich mehr Freiwillige als je zuvor. Im Gespräch mit dem Rettungskommandanten.

Früher von der Wiege bis zur Bahre, heute zeitlich begrenzt, kurzfristig und flexibel: Ehrenamtliche Hilfe verändert sich. Die digitale Transformation bringt eine neue gesellschaftliche Erwartungshaltung an Hilfsorganisationen wie das Rote Kreuz. Karl-Dieter Brückner, der Landesrettungskommandant im Roten Kreuz Wien, erklärt im FURCHE-Interview, warum die Digitalisierung Fluch und Segen zugleich ist.

Früher von der Wiege bis zur Bahre, heute zeitlich begrenzt, kurzfristig und flexibel: Ehrenamtliche Hilfe verändert sich. Die digitale Transformation bringt eine neue gesellschaftliche Erwartungshaltung an Hilfsorganisationen wie das Rote Kreuz. Karl-Dieter Brückner, der Landesrettungskommandant im Roten Kreuz Wien, erklärt im FURCHE-Interview, warum die Digitalisierung Fluch und Segen zugleich ist.

Brückner WRK - © Österreichisches Rotes Kreuz

Karl-Dieter Brückner

Rotes Kreuz Wien

Der Landesrettungskommandant im Wiener Roten Kreuz kümmert sich um das Krisen- und Katastrophenmanagement sowie die Organisation der Freiwilligenarbeit.

Der Landesrettungskommandant im Wiener Roten Kreuz kümmert sich um das Krisen- und Katastrophenmanagement sowie die Organisation der Freiwilligenarbeit.

DIE FURCHE: Wie verändert die Digitalisierung die Freiwilligenarbeit des Roten Kreuzes?
Karl-Dieter Brückner: Beim Schlagwort Digitalisierung denken viele, dass es nur darum geht, wie man von Papier auf elektronische Formulare umstellt. Tatsächlich hängt da viel mehr dran. Bei der digitalen Transformation geht es auch darum, wie sich unsere gesamte Gesellschaft weiterentwickelt. Es gibt neue Kommunikationsformen, Social Media sind ein Standardwerkzeug im Austausch, aber auch die Erwartungen der Menschen haben sich verändert. Sprich, wie wird man angesprochen und eingebunden. In unserem ganzen Tun als Organisation ist es viel wichtiger geworden zu fragen, welche Erwartungen und Bedürfnisse die Freiwilligen haben.

DIE FURCHE: Wie äußern sich diese veränderten Erwartungen?
Brückner: Vor 20 Jahren hieß es noch: Ehrenamt von der Wiege bis zur Bahre. Egal ob bei der Feuerwehr, beim Roten Kreuz oder bei anderen großen Hilfsorganisationen: Man diente. Heute engagieren sich 20-Jährige nicht mehr um des Dienens Willen, sondern weil sie einer bestimmten Gruppe Menschen helfen wollen. Sie wollen etwas machen, was ihnen Spaß macht und wo sie sich verwirklichen können. Und das ist der große Trend, auf den wir als Organisation erst in den vergangenen Jahren aufmerksam geworden sind.

DIE FURCHE: Welche Ansprüche stellen Freiwillige jetzt an das Rote Kreuz?
Brückner: Als Rettungssanitäter geht man ein hohes Commitment ein, man macht Ausbildungen, Einschulungen und muss sich für einige Zeit verpflichten. Dazu sind heute viele nicht mehr bereit und das ist gar nicht altersabhängig. Die Leute kommen dafür viel gezielter, um etwa Kindern oder Älteren zu helfen. Da muss ich mir als Organisation die Zeit nehmen, um mir anzusehen, wie er oder sie sich sinnvoll einbringen kann. Wenn man eine Aufgabe findet, bei der man das Fachwissen und die Lebenserfahrung dieser Menschen nutzen kann, dann engagieren sich diese dafür sehr motiviert. Das bedeutet aber natürlich mehr Aufwand als früher und mehr Professionalität.

Heute engagieren sich 20-Jährige nicht mehr um des Dienens Willen, sondern weil sie einer bestimmten Gruppe Menschen helfen wollen.

DIE FURCHE: Wie kann man als Hilfsorganisation davon profitieren?
Brückner: Es ist eine Riesen-Chance. Rund um die Jahrtausendwende war noch in allen Medien die Rede davon, dass die freiwillige Arbeit aussterben wird. Dass es immer schwieriger wird, Menschen zu finden, die noch helfen wollen. Heute haben wir in Wahrheit mehr Engagierte als je zuvor. Zwar geht das traditionelle Ehrenamt zurück, dass man ein Leben lang beim selben Verein bleibt, aber viel mehr Menschen wollen sinnstiftend etwas leisten, dafür zum Teil eben nur zeitlich befristet. Es ist eine neue Art der freiwilligen Arbeit.
Dass das gut funktionieren kann, hat man in der Flüchtlingshilfe 2015 gesehen. Freiwillige Helfer übernahmen Übersetzungsdienste, verteilten Essen und Sachspenden und engagierten sich auch längerfristig, etwa in Deutschkursen. Die Hilfsorganisationen kümmerten sich mit Einsatzführungskräften und Katastrophenhelfern um die Organisation und Struktur. Unzählige spontan helfende Menschen haben damals dafür gesorgt, dass der Betrieb der Notquartiere möglich war. Ohne sie wäre es nicht gegangen.

DIE FURCHE: Welches Angebot bietet das Rote Kreuz diesen neuen Freiwilligen?
Brückner: Es gibt heute mehr Leis­tungsbereiche als früher. Abgesehen vom Rettungsdienst und der Katastrophenhilfe bieten wir auch freiwillige soziale Dienstleistungen an. Man kann sich etwa als Lesepatin engagieren, bei Seniorentreffen, der Team Österreich Tafel oder bei Buddysystemen im Migrationsbereich. Das sind Aktivitäten, bei denen man sehr einfach und ohne weitreichende Einschulungen oder Ausbildungen helfen kann.

DIE FURCHE: Welche Rolle spielen neue Technologien im Alltag ehrenamtlicher Tätigkeit und des Rettungswesens allgemein?
Brückner: Vieles ist natürlich einfacher und schneller geworden. Im Rettungsdienst tippt man die Daten heute ins Smartphone, anstatt ein Formular auszufüllen. Dienste werden über eine App eingeteilt. Vor 15 Jahren musste man noch auf die Dienststelle gehen oder jemand hat telefonisch durchgerufen und die Leute in eine Liste eingetragen. Heute steigt man online ein. Das funktioniert und kommt gut an. Eine Herausforderung ist dabei, dass sich die Leute genauso schnell kurzfris­tig wieder austragen. Die Hemmschwelle ist niedriger. Das ist aber eine Realität, mit der wir leben müssen. Bei allen positiven Seiten kommt mir aus dem eigenen Erleben heute manchmal das persönliche Gespräch, der persönliche Austausch zu kurz.

DIE FURCHE: Sie sprechen in diesem Zusammenhang auch von neuen sozialen Erkrankungen …
Brückner: Wenn die Digitalisierung auf den Menschen trifft, dann gibt es auch Negativfolgen. Es gibt Studien, die darauf hinweisen, dass es ganz neue Generationen – in ihren 20ern oder 30ern – gibt, die menschlich vereinsamen. Obwohl sie online in den sozialen Netzwerken mit sehr vielen Menschen vernetzt sind, haben sie niemanden, mit dem sie sich treffen und persönlich reden können. Aber wir können mit diesen Kommunikationskanälen auch Wege finden, die Menschen aus diesen Stolperfallen wieder herauszuführen. Social Media kann man als Tool benutzen, um Menschen zu vernetzen und sie im Alltag wieder näher zueinander zu bringen. So gesehen ist die Digitalisierung Fluch und Segen zugleich.

Fakt

NPO-Kongress

Im digitalen Zeitalter

Der 26. NPO-Kongress am 23. und 24. Oktober beschäftigte sich mit den Auswirkungen der Digitalisierung auf NPOs. Speaker wie Karl-Dieter Brückner, Matthias Strolz, Ali Mahlodji oder Johannes Kopf referierten über Nutzen und Chancen. (db)