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Die stille Macht

FOKUS
Taliban China - © Foto: LI RAN / AFP / picturedesk.com

Diplomatie: Ein Kaffee gegen die Eskalation

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Ob in der Ukraine oder nun in Afghanistan: Diplomatie besteht zu einem Gutteil aus informellen Gesprächen. Alexander Hug weiß um deren Wichtigkeit – und um die Erschwernis diplomatischer Lösungen durch Twitter.

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Ob in der Ukraine oder nun in Afghanistan: Diplomatie besteht zu einem Gutteil aus informellen Gesprächen. Alexander Hug weiß um deren Wichtigkeit – und um die Erschwernis diplomatischer Lösungen durch Twitter.

Es war ein Kollaps auf allen Ebenen, der sich vergangene Woche in Afghanistan vollzog: das afghanische Militär, eine über 20 Jahre von der NATO trainierte und ausgerüstete Armee, in Auflösung; die Taliban, die en masse Gerät inklusive Hubschrauber und Jets erbeuten; ein US-Geheimdienst, der zuerst mit der Warnung hinausgeht, Kabul könne „schon“ in 30 bis 90 Tagen bedroht werden – was bereits am Tag darauf Realität wird; die Niederlassungen westlicher Staaten sowie internationaler Organisationen in Afghanistan, die völlig überrumpelt werden; und ein US-Präsident, der zwar Argumente für sein Agieren hat, den aber die Bilder aus Kabul niederwalzen. Weltpolitik in einer Waschtrommel im Schleudergang: So könnte man das nennen.

Verhandeln mit Islamisten?

Über allem steht nun freilich die Frage, wie es weitergeht – und ob man dabei mit den neuen Machthabern verhandeln oder zumindest limitierte Abkommen erzielen soll. Russland jedenfalls hat bereits Gespräche mit den Islamisten begonnen. Ein russischer Botschafter in Kabul meinte gar, die Stadt sei unter den Taliban plötzlich viel sicherer geworden. Wie weit kann, darf, muss die stille Macht der Diplomatie gehen? Und wie funktioniert sie überhaupt? Alexander Hug kennt das Geschäft aus langjähriger Erfahrung. Der Schweizer war stellvertretender Leiter der Beobachtermission der OSZE (Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa) in der Ukraine. Von daher weiß er um die vielen Ebenen im Umgang mit Krisen – und dass es keine Blaupausen gibt. Die Kunst der Diplomatie habe zwar ein strenges Korsett – aber zugleich oft keinerlei Spielregeln. Und letztlich gehe es vor allem um das eine: den zwischenmenschlichen Faktor, wenn es drängt, wie Alexander Hug es ausdrückt.

Dabei sind es oft eine gemeinsame Zigarette in der Halle, ein Kaffee nebenbei, ein Plausch zwischen Tür und Angel, die alles ändern können. Gerade dieser zwischenmenschliche Faktor war freilich in Afghanistan aufgrund der Sicherheitslage immer ein Problem, betont Hug. Da sah Kontaktpflege mit afghanischen Gesprächspartnern folgendermaßen aus: Zum Kränzchen mit Tee, Nüssen und Trockenfrüchten kamen die westlichen Besucher samt schwer bewaffneter Eskorte, vollgepackt mit Munition und Ausrüstung. Ebenso limitiert wie die Möglichkeiten einer informelle Begegnung in diesem Rahmen waren dementsprechend auch die Aussichten auf Erfolg. Nun ist der Krieg in der Ukraine sicher kein leuchtendes Beispiel für diplomatische Konfliktlösung.

Trotz internationaler Bemühungen, ihn beizulegen, gehen die bewaffneten Auseinandersetzungen bis heute weiter. Faktisch wurde nichts gelöst, lediglich die Zeit hat manch Schärfe geglättet. Die bestehenden Gesprächsformate scheinen in einer Sackgasse gefangen – bzw. deren Beschlüsse wurden zum Teil einfach ignoriert. Oder kann es sein, dass dieser Konflikt gerade aufgrund dieser Schwierigkeiten ein leuchtendes Beispiel ist? Immerhin, so Hug, treffen einander seit sieben Jahren die Teilnehmer dieses Krieges, egal wie sie sich benennen mögen. Und damit tragen sie auch dazu bei, dass der Krieg eingedämmt wird. Man stelle sich vor, das sei nicht passiert.

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