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Harzburg-rFront in den USA?

Wenn man nach mehrjährigem Aufenthalt in Europa in die Vereinigten Staaten zurückkehrt, reagiert man auf die Polarität des politischen Lebens — Stagnation an der Oberfläche und untergründige Unruhe — aufmerksamer als der Daheimgebliebene u”J vielleicht empfindlicher als n. ,g. Die Stagnation ist das Ergebnis o._ Gleichgewichtes zwischen den Anhängern des Status quo auf der einen Seite und denjenigen, die zu neuen Grenzen vorstoßen wollen, auf der anderen. Sowohl in der Außen- wie auch in der Innenpolitik ist es dadurch schwer geworden, schöpferische Gedanken zu fassen, und unmöglich, die befreiende Tat zu setzen.

Kennedys so knapper Sieg bestätigt die fortdauernde Gültigkeit einer bereits 1952 von dem Journalisten Samuel Lubell vorgenommenen Analyse. In dem Buch „The Future of American Politics“ stellte Lubell fest, daß die Roosevelt-Revolution 1938 zum Stillstand gekommen ist und seitdem „Konservative“ und „Liberale", wie in diesem zweidimensional denkenden Land die gegnerischen Gruppen vereinfachend genannt werden, sich lahmlegen.

Man darf nicht übersehen, daß es sich dabei um Gruppen innerhalb der beiden Parteien und nicht etwa um diese selbst handelt. Die Parteien sind heterogen, weil sie weltanschaulich ungebunden sind. In glücklicheren, weil weniger komplizierteren Zeiten erschien das gegenüber den ideologisch sich haßerfüllt bekämpfenden Parteien Mitteleuropas als Vorteil. Jetzt aber ist es ein Nachteil geworden. Die Nation kann erst dann wieder volle Handlungsfreiheit gewinnen, wenn dem Wähler die Möglichkeit gegeben wird, prinzipielle Entscheidungen zu treffen. Es ist bemerkenswert, daß selbst die Politiker beginnen, das einzusehen.

Unter dem unnatürlichen Vakuum, das die Folge dieses Zustandes ist, verkümmert die Gesellschaft. Lubell führt sowohl den Verlust der amerikanischen Hegemonie als auch die Tatsache, daß innenpolitisch wesentliche Probleme, die das Land-seit dem New Deal bedrängen, noch immer ungelöst sind, darauf zurück.

In Europa vertraut man darauf, daß, solange die Wirtschaftslage günstig ist, die Stabilität der politischen Verhältnisse gesichert ist. Man darf sich aber nicht einbilden, daß man hierzulande politisch so weiterwursteln kann wie bisher, nur weil die dritte Wirtschaftskrise seit dem Koreakrieg abklingt. Im Gegenteil zeichnet sich die Möglichkeit ab, daß, falls es nicht gelingt, das politische Patt im Verlauf des normalen demokratischen Kräftespiels aufzulösen, antidemokratische Mittel angewandt werden.

Wir haben es mit einem Syllogismus zu tun:

• Die Nation ist innerlich gelähmt.

• Die äußerlichen Rückschläge führen zu einem nationalen Trauma.

• Der Wunsch nach einer Gewaltkur, von der man eine Heilung dieser Übel erwartet, wird stärker.

Damit ist eine Absage an die offene amerikanische Gesellschaft, die man durch ihre Verbindung mit dem Ausland kommunistisch infiziert wähnt, verbunden, sowie die Sehnsucht nach Rückkehr zu der geschlossenen Gesellschaft der „Väter“ der Verfassung. Ganz abgesehen von der Absurdität, das Rad der Zeit zurückdrehen zu wollen, übersieht man dabei, daß die Gesellschaft der „Väter“ anfänglich infolge äußerer Umstände natürlicherweise eine geschlossene war, deren Lebensgesetz die Entwicklung zu einer offenen vorschrieb. Ein Ausländer kann sich wahrscheinlich gar nicht vorstellen, daß Leute allen Ernstes den Rückschritt predigen. Wir werden später die Leute, die ein solches Programm verkünden, betrachten. An dieser Stelle genügt es, darauf hinzuweisen, daß nicht einmal sie und schon gar nicht die anderen die daraus resultierenden Folgen ahnen.

Diese mangelnde Voraussicht ist durch das pragmatische Denken der Amerikaner bestimmt, das für die Theorie nicht viel übrig hat. Wenn nicht einmal der Elite der Unterschied zwischen reaktionär und konservativ genügend klar ist, so daß die Reaktionäre sich erfolgreich als Konservative tarnen können, kann man erst recht kein Verständnis dafür erwarten, daß die Reaktion zu einer Umwandlung der offenen Gesellschaft in eine geschlossene führt.

Konservative und Reaktionäre

Es gibt hierzulande eben keine Schriftsteller, die sich so tiefschürfend mit diesem historischen Prozeß beschäftigt haben, wie zum Beispiel in Europa Friedrich Heer. Hierzulande findet man nur wenige, die sich um eine Definition des Unterschiedes zwischen konservativ und reaktionär bemühen. An erster Stelle unter diesen steht der Geschichtsprofessor Peter Viereck mit seinen Büchern „Con- servatism Revisited“ und „Conser- vatives from John Adams to Winston Churchill“. Aber auch er bleibt uns eine scharfe Trennung beider Begriffe schuldig, denn für ihn ist ein Reaktionär lediglich eine Variante der konservativen Spezies. Henry Kissinger, der Historiker deutscher Abstammung, der den Präsidenten in Abrüstungsfragen berät, hat mit seinem frühen Buch über Metternich den Wert konservativen Denkens herausgestellt. Sein Buch kam zu einer Zeit heraus, in der der Konservative eo ipso als Reaktionär angesehen wurde. Heute ist es gerade umgekehrt, und daher kann das Buch nur wenig zu einer Klärung der Begriffe beitragen.

Derjenige aber, dem europäische Denker einen Schlüssel zum Verständnis der geistigen und seelischen Voraussetzungen für ein Anschwellen reaktionärer Strömungen gegeben haben, muß um die Vereinigten Staaten bangen. Die amerikanische Gesellschaft war bisher das Musterbeispiel einer offenen und damit für unzählige Angehörige anderer Gesellschaftsformen ein Objekt der Hoffnung und der Verehrung. In steter Wechselwirkung zog die amerikanische Gesellschaft daraus Kraft und Nutzen. Solange Amerika von der Welle der Zukunft getragen wurde, mußten Reaktionen gegen die offene Gesellschaft, wie sie in vorübergehenden Perioden der Unsicherheit breiter völkischer Schichten sich bemerkbar machten — wir denken hier an die Know-Nothings des 19. und den Ku- Klux-Klan des 20. Jahrhunderts —, schnell im Sande verlaufen.

Amerikanische Zweifel

Seitdem es aber nicht mehr selbstverständlich ist, wem die Zukunft gehört, hat sich das Bild geändert. Die stete Einengung des amerikanischen Machtbereiches läßt die Amerikaner an sich selbst zweifeln. Eisenhowers Versprechung, zu Anfang seiner Regierung, eines „roll back“ — der Zurückdämmung der kommunistischen Flut — gab neue Hoffnung. Die Enttäuschung darüber, daß es anders kam, darf nicht etwa deswegen unterschätzt werden, weil sie sich nicht pathetisch äußerte.

Mit seinem Versprechen, das amerikanische Prestige wiederherzustellen, gab Eisenhowers junger Nachfolger der Nation nochmals Hoffnung. Kann auch er sein Versprechen nicht halten — und Laos, der Russe im Weltraum sowie die Ereignisse in Kuba haben es bereits etwas abgewertet —, folgt eine neue Welle der Desillusionierung. Wie viele solcher Wellen kann ein Volk über sich ergehen lassen, ohne einem Trauma zu verfallen?

Ein anderer bedeutsamer Umstand trägt zur Anfälligkeit für ein Trauma bei. Im Grunde genommen waren die Amerikaner nie ihrer selbst gewiß. In einem Maße wie kein anderes Volk waren sie auf Bestätigung durch die Anerkennung anderer angewiesen. Bereits 1835 wies einer der scharfsinnigsten Beobachter, Alexis de Tocque- ville, auf diese Eigenschaft des amerikanischen Charakters hin. Bezeichnenderweise schwächte sich diese Sucht nach fremdem Lob unter dem Einfluß des zweiten Weltkrieges ab. Wenn es aber der größtmöglichen Machtstellung bedurfte, um das Gefühl der inneren Unsicherheit abzuschwächen, muß ifian wohl befürchten, daß der Verlust dieser Machtstellung die Un sicherheit in größerem Maßstab zurückbringen wird.

Die amerikanische Einstellung zu Fidel Castro ist zweifellos durch diese Schwäche des amerikanischen Charakters mitbestimmt. Es versteht sich wohl von selbst, daß die Abhängigkeit von dem Beifall Fremder eine Schwäche ist. Das durch die Vereinigten Staaten von Spanien, wenn auch keineswegs in uneigennütziger Weise, befreite Kuba, mußte sich bis Fidel Castro in das amerikanische System einordnen. Unter Castro ist es durch eigene Entscheidung — allerdings nicht durch eine freie Willensäußerung der kubanischen Bevölkerung —, nicht, wie andere Satelliten der Sowjetunion, durch äußeren Zwang, aus der freien Gesellschaft ausgeschieden. Dies wirkt auf die Amerikaner wie eine ungeheuerliche Ohrfeige. Selbstverständlich wird die amerikanische Reaktion von der Furcht, daß Kuba ein Raketenstützpunkt für die Sowjets werden mag, sowie von verständlichen Ressentiments gegen Castros rüdes und unstaatsmännisches Benehmen beeinflußt. Es ergibt sich jedoch die Frage, inwieweit die’ beiden letzteren Gründe nicht Rationalisierungen des psychologischen sind. Dabei brauchten die Amerikaner sich durch das Benehmen Kubas gar nicht so verletzt fühlen, wenn sie sich darüber Rechenschaft gäben, daß, angefangen mit dem Platt-Vertrag von 1901, den Kubanern wenig Gelegenheit gegeben wurde, die offene Gesellschaft Amerikas freiwillig zu bejahen. Da man das unterläßt, wächst die Agitation, Kuba gewaltsam zurückzuholen. Zumindest so lange, als keine Beweise dafür vorliegen, daß die Sowjets einen Stützpunkt auf Kuba errichten, ist die Agitation gegen Kuba ein Barometer für das Anwachsen der Reaktion.

Lim das Bild gerecht zu schraffieren, darf nicht unerwähnt bleiben, daß das Pro-Castro-Buch des amerikanischen Professors C Wright Mills, „Listen Yankee“, als billiges kartoniertes Taschenbuch in großer Auflage verbreitet wird.

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