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Der Preis der Freiheit

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1945—2960: Die vielen Lichter in den Straßen des Geschäfts, die große Geschäftigkeit, die in den Wochen um die Weihnacht soi viele Menschen mit schönen und weniger schönen Sorgen in Bann hält, überblenden den Blick. Dieser zeigt sich wenig geneigt, zurückzublicken: in das Wien von 1945, in dem die Brände des Krieges noch schwelen und frischt Gräber Freund und Feind, Bekannte und Unbekannte der kühlen Aprilerde übergeben.

Mitten in dieses Wien hinein geht von Baden ein Mann. Fin alter Mann mit einem jungen Herzen. Ein Mann, der eine Mission erfüllen will. Friedrich Funder geht nach Wien, sammelt eine kleine Schar von Menschen um sich, die sich in der Überzeugung verbinden: Nie wieder diese Vergangenheit1. Nie wieder Krieg, Bürgerkrieg in Österreich. Dieses Land, diese Welt brauchen eine bessere Zukunft, ein neues Leben. Also fangen wir mit uns selbst an. Entschieden, bewußt ist Friedrich Funder, der einst mächtige Rufer im Streit der Parteien, über sich selbst, über die Schatten auch seiner Vergangenheit hinausgeschritten. Es konnte für ihn keine neue „Reichspost“ mehr geben. Ein neuer Tag forderte einen neuen Menschen.

So entstand die „Furche“. 1945. Tröstung und Geleit, Bildung von guter Hoffnung. Und Warnung vor böser Wiederkehr des Ungeistes und der Barbarei in jeder Form, jeder Farbe, jeglicher Maske und Gestalt.

Wer sich die schöne und lohnende Mühe nimmt, die Jahrgänge der „Furche“ 1945 bis 1960 durchzublättern und hier und dort zu verweilen, wird vielleicht überrascht erkennen: Wir haben den Weg Österreichs in diesen eineinhalb Jahrzehnten im Licht des Geistes begleitet, der die ersten Weihnachten im freien Österreich in der ersten Weihnachtsnummer der „Furche“ beleuchtete.

Da sind es einige große Motive, die das publizistische Werk der „Furche“ bestimmen: das Ringen um das Wachsen der Freiheit in Österreich. Um eine freie Kirche in einem freien Staat. Um ein weltoffenes Christsein. Um den guten Anschluß an gute Traditionen, an gute Vergangenheit und an gute Zukunft.

Dieser Dienst an Österreich, in Österreich, mußte von der „Furche“ bezahlt werden. Es hat Friedrich Funder und uns an Anfeindungen nicht gefehlt. Ungern erinnert sich mancher, der zu den Feiern beim Abschluß des Staatsvefirages ins Schloß Schönbrunn eilte, wie die Jahre zuvor unverstanden und hart befehdet die ,;Furcke“ publizistisch sich bemüht hatte, ein inneres Klima zu schaffen, das unsererseits den Staatsvertrag ermöglichte.

Steiler, schwieriger ist seit 1955 der Weg geworden. Es gilt, den Preis der Freiheit zu bezahlen. Allzu viele in unserem Volke wollen davon nichts wissen. Die Gier nach Geld und Gut und Macht und Prestige und Einfluß hat Köpfe vernebelt, Herzen blind gemacht und auch gute Kräfte müde, matt, erlahmen lassen. Die Aufgaben der „Furche“ sind also, seitdem wir selbst, das Volk in Österreich, für unser Schicksal und unsere Zukunft verantwortlich sind, noch mehr gewachsen. Unabhängigkeit ist Mangelware in Österreich. Freiheit, politische Freiheit, ist im Konsumrausch nicht zu haben. Wirkliche Überzeugungstreue, Mut zur Mitteilung unangenehmer Wahrheiten an die Adresse von Freunden und Gegnern ist kaum noch in der Öffentlichkeit zu finden. Ein Meer von Phrasen übertönt die immer noch fortschreitenden Gleichschaltungen aller Art. Dabei wissen, zumindest in ihrem Unterbewußtsein, sehr viele Menschen in unserem Volke, daß es so nicht weitergeht; nicht mehr gut weitergeht.

Die „Furche“ ist entschlossen, dem Gesetz, unter dem sie 1945 angetreten ist, gehorsam, treu zu bleiben. Wachsenden Aufgaben und Verpflichtungen entsprechen wachsende Kosten. Mit dem neuen Jahr tritt die „alte“ Furche ihren Lesern in einer erneuerten Gestalt entgegen. Wir haben unsere Arbeit im Inland und im Ausland verdichtet und dafür Raum und Form geschaffen. Vielfachen Wünschen unserer Leser, nicht zuletzt in der großen Leserbefragung vor einem Jahr, wurden dabei berücksichtigt. Mehr bieten, mehr leisten — und dabei, bei allem, zuerst und zuletzt dies eine zu sein: ein Richtturm der Freiheit in Österreich. Das ist unsere Aufgabe gestern, heute, morgen. Noch etwas: Wenn unser Blatt als letztes der großen Wiener Wochenblätter ab Jänner 1961 seinen Verkaufspreis hinaufsetzen muß, so wird die „Furche“ genau so viel kosten, wie ein Wiener Straßenbahnfahr schein nach der angekündigten „Tarifregulierung“: 3 Schilling in der Woche, als Preis der Freiheit. Ais eine Hilfe zu eigener Meinungs- und Urteilsbildung. Drei österreichische Schilling als ein Beitrag zum Wachsen der Freiheit in und um Österreich!

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