Sicher ist sicher - oder doch nicht?

Die Furche-Herausgeber

Es ist mehr als 15 Jahre her. Bundespräsident Klestil hatte mich gebeten, ein Motto für seine Wiederwahl-Kampagne zu finden. Wie stolz war ich auf meine Einfälle - und wie deprimiert, als eine Handvoll Wahlkampf-Profis meine Vorschläge weglächelten. Ihren "unschlagbaren“ Slogan hatten sie schon in der Tasche: "Kles-til - er stärkt unsere Sicherheit!“.

Kollektive Obsession "Sicherheit“

Die Ereignisse von Boston haben erneut gezeigt, wie sehr nicht nur die USA dieser kollektiven Obsession "Sicherheit“ ihren Tribut zollen. Auch im ORF wurde sogleich über die Verletzlichkeit Österreichs diskutiert. Und der Kurier enthüllte, wohin uns der Traum von der totalen Sicherheit gebracht hat: "Schon eine Million Überwachungskameras!“.

Kein Zweifel: Das Streben nach Sicherheit ist tief in uns angelegt. Wir alle brauchen Zonen der Gefahr- und Angstlosigkeit. "Sicherheit“ ist aber auch ein destruktives Ideal: Ohne Risiko wächst kein Fortschritt. Es geht also um das rechte Maß von Wagnis und Wachsamkeit. Von Freiheit und Sicherheit. Wie aber steht es heute um diese Balance - angesichts all der Alarmanlagen, Bewegungsmelder und Nacktscanner? All der digitalen Überwachung und Vorratsdatenspeicherung?

"Die Besessenheit unserer Zeit“ hat der Philosoph Ludwig Marcuse († 1971) schon vor Jahrzehnten den "Götzen Sicherheit“ genannt. Viele Freiheitsrechte haben wir inzwischen still - und oft "zum Schutz der freiheitlich-demokratischen Grundordnung“ - preisgegeben. Wer ist heute noch ganz unverdächtig?

"Entängstlichung“

Die großen Fragen liegen auf der Hand: Woher rührt dieses um sich greifende Gefühl von Unsicherheit - trotz der bald siebzig Jahre ohne Krieg in Europa? Wer profitiert davon? Und wohin treibt es uns?

Hinter der kollektiven Angst vor unbekannten Bedrohungen dürfen wir ein Bündel von Ursachen vermuten: den Zerfall traditioneller Gewissheiten; die Unübersichtlichkeit moderner Lebensverhältnisse; die Entgrenzung des Heimatbegriffs; das mediale Geschäft mit dem Erschrecken; die Suche einer individualisierten Gesellschaft nach gemeinsamen Feindbildern; usw.

Selten zuvor ist uns die Summe dieser globalisierten und doch selektiven Verunsicherung so deutlich geworden wie jetzt: Zwei junge Männer mit Sprengstoff-Kochtöpfen bewegen die Menschheit. 70.000 Tote in Syrien schaffen das nicht.

"Entängstlichung“ hat der deutsche PEN-Club-Präsident Johano Strasser als Gegenstrategie vorgeschlagen: Mehr Sicherheit - nicht durch noch mehr Überwachung, sondern durch mehr Solidarität, Gerechtigkeit und Vertrauen. Durch Korrektur der Fehler in unserem Zivilisationsmodell. Nichts Neues - und vom Anhauch des Naiven umweht. Und doch von der Alltagspraxis belegt, auch hierzulande: Mehrfach habe ich erlebt, wie mir Muslime die Namen von Glaubensbrüdern zugesteckt haben, auf die wir Österreicher besonders gut aufpassen sollten. Immer geschah es, nachdem wir zueinander Vertrauen gefasst hatten.

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