Karotten - © Foto: Pixabay
Wirtschaft

Bauerntum im Wandel: "Wachsen oder weichen"

1945 1960 1980 2000 2020

Marianne Penker – Expertin für die Geschichte des ländlichen Raumes – über das Strampeln im bäuerlichen Hamsterrad, fallende Preise und die Verantwortung der Hoferben.

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Marianne Penker – Expertin für die Geschichte des ländlichen Raumes – über das Strampeln im bäuerlichen Hamsterrad, fallende Preise und die Verantwortung der Hoferben.

Als Professorin für ländliche Entwicklung am Institut für Nachhaltige Wirtschaftsentwicklung der Universität für Bodenkultur Wien (BOKU) forscht Marianne Penker über den Strukturwandel auf dem Land. Der FURCHE schildert sie die Situation des Bauerntums und seine Rolle in der Gesellschaft.


DIE FURCHE: Landwirtschaftliche Betriebe in Österreich werden immer weniger und immer größer – warum?
Marianne Penker:
Das fällt unter das Schlagwort „wachsen oder weichen!“. De facto stehen die Betriebe unter einem großen Druck, sie laufen immer schneller in einem „technologischen Hamsterrad“. Technologische Innovationen und Mechanisierung führten zu beispiellosen Produktivitätszuwächsen. An und für sich ist das eine große Erfolgsgeschichte, wenn man an den Hunger in der Nachkriegszeit denkt. Die Produktivitätssteigerung war aber irgendwann so groß, dass man eine Überproduktion hatte. Dadurch sind die Preise verfallen und viele Betriebsleiter mussten weiter investieren, weiter rationalisieren, um Produkte zu Marktpreisen anbieten zu können. Viele mussten sich sogar verschulden und deshalb immer mehr leisten, ohne je selbst ausreichend vom Produktivitätszuwachs zu profitieren. Der Anteil des Endverbraucherpreises, der der Landwirtschaft zufällt, sank so zugunsten der konzentrierten Zuliefer- und Handelsunternehmen.


DIE FURCHE: Welche Rolle spielte dabei der EU-Beitritt Österreichs?
Penker:
Durch den EU-Beitritt und die Handelsliberalisierungen hat sich die Zahl landwirtschaftlicher Betriebe, die miteinander in Konkurrenz stehen, vervielfacht. Die Betriebe sind austauschbar. Es gibt immer irgendwo einen, der noch billiger ist. Zwischen der Landwirtschaft und den Konsumenten sitzen einige wenige Akteure – im Handel, der Logis- tik oder der Verarbeitung –, die eine sehr große Marktmacht besitzen und sowohl Konsumenten als auch Produzenten gegeneinander ausspielen können.


DIE FURCHE: Welche Rolle spielen dabei Konsumentinnen und Konsumenten?
Penker:
Sie sind teilweise auch die Nutznießerinnen der Produktivitätszuwächse. Floss früher noch ein Großteil des Haushaltseinkommens in Lebensmittel, sind es jetzt nur mehr rund zehn Prozent. Das heißt, wir haben viel mehr Geld für andere Dinge. Aber ein Drittel aller produzierten Lebensmittel werden weggeschmissen. Die niedrigen Preise sind im Sinne der Leistbarkeit für alle ein Erfolg, aber umgekehrt signalisieren die Preise und der Umgang eben eine geringe Wertschätzung für Lebensmittel und deren Produzenten.


DIE FURCHE: Haben Konsumentinnen und Konsumenten die Macht, daran etwas zu verändern?
Penker:
Ich denke, es ist sehr gefährlich zu argumentieren, die Verantwortung liege beim Konsumenten. Das macht es jenen Akteuren, die vom jetzigen System profitieren, sehr einfach. Auch Konsumenten sind gewissen Zwängen unterworfen. Es fehlt ihnen einerseits an Auswahlmöglichkeiten, anderseits an Wissen und Zeit, um alleine die Verantwortung für die Zukunft der Lebensmittelversorgung tragen zu können. Ich würde eher sagen: Jeder Konsument ist auch Bürger. Es geht darum, auch politische Verantwortung einzufordern. So kann der Einzelne am Tag der Wahl wohl eher eine Entscheidung treffen und eher das System beeinflussen als mit Kaufentscheidungen im Supermarkt.

DIE FURCHE: Viele Höfe werden von der nächsten Generation nicht mehr übernommen. Ist das auch eine kulturelle Frage?
Penker:
Die größten kulturellen Faktoren sprechen dafür, einen Hof weiterzuführen. Gerade in Österreich sind das oftmals Familienbetriebe, die über Generationen weitergegeben wurden. Da möchte man – als kleines Rädchen einer großen Generationenabfolge – nicht der- oder diejenige sein, bei der das endet. Auf der anderen Seite bekommen die jungen Leute in landwirtschaftlichen Betrieben auch mit, wie Eltern sich in diesem Hamsterrad verausgaben. Diese unglaubliche Kraftanstrengung kann oftmals zur Überforderung führen, bis hin zu Krankheitsbildern, die es in der Landwirtschaft früher nicht gegeben hat, Burnout beispielsweise. Zudem unterstützen viele landwirtschaftlichen Familien eine gute Ausbildung, dadurch hat diese Generation auch ganz andere Optionen, sich in anderen Berufsbildern zu verwirklichen.

Der Autor ist freier Journalist in Wien und Oberösterreich.