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Österreichs Wirtschaft braucht Visionen

In fünf einfach scheinende Punkte gliedert der Chef des Institutes für Wirtschaftsforschung, Karl Aiginger, seine Vision, wie Österreich im Jahr 2020 aussehen sollte. Die wesentlichen Elemente sind Bildung, Standortpolitik, Soziales, Offenheit und Umwelt. Alles auf höchstem Niveau.

Der Chef des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung (WIFO), Karl Aiginger, nahm die Diskussion im Haus der Industrie am vergangenen Freitag zum Thema „Werte der Zukunft – Zukunft der Werte“ zum Anlass, um Denkanstöße für die Zukunft zu formulieren.

Aiginger ist der Meinung, dass Gesellschaft und die Wirtschaftsordnung tief greifende Veränderungen brauchen, um mit den neuen Herausforderungen umgehen zu können. Österreich stehe in der Mitte eines dynamischen Wirtschaftsraumes, doch ebenso an der Kante zu Ländern mit niedrigen Löhnen, Sozialleistungen und Umweltstandards. Aiginger glaubt, dass die Bevölkerung zu Veränderungen bereit sei, wenn die Lasten fair verteilt werden und am Ende bessere individuelle und gesellschaftliche Lebensbedingungen stehen.

Positive Visionen als Basis

Der Wirtschaftsforscher ist der Meinung, dass die Offenheit für Veränderungen und die Solidarität dazu als Basis ein Gesellschaftsmodell braucht, das von Werten getragen wird. Diese Werte müssen von der Bevölkerung – und im besonderen Maße von der Jugend – akzeptiert werden. Österreich benötigt laut Aiginger Visionen für die Zukunft, deren Ziele durch individuelle Anstrengungen, aber auch durch die Gesellschaft erreicht werden können. Eine realistische positive Vision für Österreich im Jahr 2020 könnte für den WIFO-Chef folgende fünf Elemente enthalten:

• Österreich hat die bestausgebildete Bevölkerung, Bildung wird nicht mehr vererbt, sondern orientiert sich an den Fähigkeiten und Begabungen.

• Österreich ist ein exzellenter Standort für Unternehmen, besonders auch von Unternehmenszentralen und Forschungsstätten.

• Österreich hat die geringste Armutsquote in Europa.

• Österreich ist offen für Personen, die studieren wollen, sich ausbilden, das Arbeitskräftepotenzial vergrößern wollen, Pflege und Gesundheit betreuen wollen.

• Österreich hat hohe Umweltstandards, und nimmt eine ökologische Vorreiterposition ein.

Aiginger geht ebenso auf das Verhältnis zur Europäischen Union ein und kritisiert die „übliche Europa-Kritik“. Denn, wenn man das Wirtschaftssystem Europas mit dem Wirtschaftssystem in den USA auf der einen Seite, in Russland und in Asien auf der anderen Seite vergleiche, so könne man festhalten, dass es das einzige Wirtschaftssystem ist, das neben der Wirtschaftsleistung auch sozialen Zusammenhalt, die Unterstützung von schwachen Regionen und das Ziel der ökologischen Nachhaltigkeit verfolgt.

Christian Friesl, Bereichsleiter für Gesellschaftspolitik bei der Industriellenvereinigung (IV), begrüßt die Formulierung der Visionen Aigingers. Vor allem deshalb, weil sie die drei Dimensionen der nachhaltigen Entwicklung, wie sie ebenso im Grundsatzpapier „Werte und Wirtschaft“ angeführt sind, abdecken: Ökonomie, Soziales und Ökologie. Für Friesl stellt sich allerdings die Frage, wie man dorthin kommt. Denn im siebtreichsten Land der Welt braucht es vor allem Wirtschaftsfantasie, die möglichst viele in die Zukunft mitnimmt. Es sind drei Punkte, die für die Umsetzung der Aiginger-Visionen von Seiten der Industrie notwendig sind.

Marktwirtschaft mit Verantwortung

Zunächst muss man am Spannungsbogen zwischen Leistungsbereitschaft, Eigenverantwortung und Solidarität festhalten. Dass dies möglich ist und von Unternehmen schon gelebt wird, zeigen die vielen CSR-Projekte im Land. Und dieses Spannungsverhältnis muss sich auch in einer Marktwirtschaft mit Verantwortung niederschlagen, die sowohl Leistung als auch Solidarität ermöglicht.

Um der Vererbung von Bildung entgegenzuwirken, muss dem Prozess der Berufswahl mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden, so Friesl. Er nimmt hier vor allem Freunde, Eltern und Lehrer in die Pflicht, damit Berufsentscheidungen weg von Geschlechterstereotypen getroffen werden, und ebenso das lebenslange Lernen mehr Fuß fasst. „Für eine hochwertige Wirtschaft ist die Berufsentscheidung der jungen Menschen ein gewichtiger Punkt.“ Und nicht zuletzt brauche es eine offene Gesellschaft, die durch Neugier, Respekt vor Fremdem und Internationalität gekennzeichnet ist.

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